Leseprobe

Ali Badr

(Irak)

Zwist, Istanbul 1914
Aus Das nackte Gastmahl
Übersetzt von Claudia Knieps



In Istanbul, wo das Goldene Horn die europäischen Vorstädte am Bosporus teilt, erhob sich in der Ferne die Hagia Sophia mit ihrer blassgelben Farbe, ihrer byzantinischen Bauweise und ihren vier Minaretten, gleichsam tief in den aschgrauen Himmel eindringenden Lanzen. Aus dem Nebel tauchte der Topkapı-Palast auf, der sich auf dem Hügel befand, wo die Sultane der Osmanen, die auf mit Gold verkleideten Thronen saßen, herrschten. Tief inmitten der Altstadt Istanbuls hatte die Sultan-Ahmet-Moschee mit ihren sechs Minaretten, dem steinernen Mörtel, das Ringen der Kulturen, das Ringen der Schicksale und Gedanken verzeichnet, die auf den Gesichtern der Muslime und ihren müden abgearbeiteten Händen offenbar wurden. Ein Dutzend Volksgruppen: Türken, Araber, Bosnier, Zigeuner, Bulgaren, Kurden, Armenier und Tscherkessen betraten die mit Kuppeln bedeckten Bazare, die Tag und Nacht erleuchtet und von Moscheen und Kaffeehäusern umgeben sind.

Vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges im Jahr 1914 war die Bahnstation Haydarpascha, die in einem asiatischen Stadtviertel Istanbuls lag, gedrängt voll mit einer großen Anzahl von Menschen: Zeitungsverkäufern, die aus den Straßen von Beyoğlu kamen, Eisenbahnarbeitern, die sich an den Verkaufsständen nach albanischer Art gekochter Leber zusammendrängten, Gendarmerie, ausgerüstet mit Feldmatratzen und Schlagstöcken, Reisenden mit ihren roten Fezen, die Regenschirme über ihren Köpfen ausbreiteten, mit Taschen in ihren Händen. Es gab eine große Bahn, die lange Pfeiftöne in die regennasse Luft ausstieß, während der weiße Dampf infolge der Feuchtigkeit und Kälte zwischen den Rädern, die auf den Schienen still standen, sich verdichtend und zerreißend in die Höhe stieg. Nach Minuten kam der Wärter in seinem blauen Anzug und mit dem weißen gezwirbelten Schnurrbart aus dem Holzhaus heraus. Er begann die Glocke in seiner Hand in einem fort zu läuten. Darauf setzten sich die auf dem Bahnsteig Stehenden zu den Waggons hin in Bewegung.

Es gab englische Söldner, Handelsvertreter, Araber, Bulgaren, verschleierte Tscherkessinnen, auf einem verzierten Teppich niedergelassen, beschützt von Dienern und Eunuchen, Zöllner, die Wegelagerern glichen, die Feze und Trichtern ähnelnde Turbane aufsetzten, und Männer, die auffallende, grelle Anzüge trugen, türkische Offiziere, die in ihren Händen ihre aus vorzüglichem Holz hergestellten Tabakpfeife hielten und rauchten.

Als die Räder der Bahn sich schon langsam drehten, kam Munib Efendi laufend in den Bahnhof, er hielt seine schwarze Rindsledertasche in seiner rechten Hand und legte die linke oben auf seinen roten Fez. Er durchdrang das Gewühl mit Mühe und ging schnell, bis er zur Tür der Bahn gelangte, die ganz allmählich zu beschleunigen begann. Er hielt sich zuerst an der Tür des Waggons fest. Beinahe wäre er gefallen, jedoch hielt er sein Gleichgewicht. Doch sein Fez fiel auf die Erde, und er vermochte nicht, ihn schnell zu schnappen. Trotzdem gelang es ihm, in den Wagen zu steigen zur der Überraschung der Reisenden. Der Wärter hatte aufgehört, die Glocke zu läuten. Die Bahn fing an zu beschleunigen, ihre Räder drehten sich, der weiße Dampf stieg zwischen ihnen in die Höhe und verschwand in der kühlen, nassen Luft. In jenem Augenblick kam ein Scheich laufend in die Bahnstation, sich nach rechts und links umblickend. Sein Gesicht war blass, sein Haar lang und floss von seinem Turban nach der Art des Haares der Heiligen herab. Er blieb zuerst am Bahnsteig stehen, blickte nach rechts, dann nach links. Die auf dem Bahnsteig Stehenden begannen ihn mit Erstaunen und Verwunderung zu betrachten, während sie ihm mit ihren Blicken folgten. Dann begann er hinter der Bahn herzulaufen und rief dabei:

„Munib Efendi .... Munib Efendi“

Er versuchte angestrengt, die Tram zu erreichen, aber er war dazu nicht imstande. Alles, was er vermochte, war, sich an das Fenster des Wagens zu hängen, in dessen Innern Munib Efendi saß, und laut zu rufen:

„Munib Efendi ... Ich habe die ganze Nacht damit verbracht, das Buch von az-Zahawi, dass Sie mir gestern gegeben haben, zu lesen ... Ich frage mich, warum wir nicht az-Zahawi mit seinen Büchern verbrennen?“

Seine Hand sank vom Fenster des Waggons, beinahe wäre er gestürzt. Der Zug begann aus dem Bahnhof heraus zu beschleunigen und stieß unterbrochene Pfeiftöne aus, während die Reisenden und die auf dem Bahnsteig Stehenden zu diesem Scheich blickten, der außer Atem war. Dann blieb er ein wenig stehen und drehte sich um. Er verließ den Ort zwischen den Rufen der Straßenhändler, der Reisenden und den Bahnhofsarbeitern, während er dorthin zu dem roten Fez auf den Schienen schaute, mit dem der Wind sein Spiel trieb.

 

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