Latifa Baqa
Eiskrem (Auszug)
Aus dem Erzählband Am Ufer des Lebens
Übersetzt von Imke Ahlf-Wien
Mein Vater verschlingt seine Eiskrem, während ich hier stehe, mit dem Rücken an die Mauer gelehnt … die Schulmauer. Mein Kind lässt seinen Kopf an meiner erschöpften Schulter ruhen. Mir wird bewusst, dass einer, der an diesem klaren Bild vorbeikommt, meinen könnte, ich sei die Mutter von Vater und Kind zugleich. Wer dieses Foto schießt, sollte es so rahmen, dass Bâ Halâwî und die Schulmauer als seine wesentlichen Elemente hervortreten.
Als mein Vater noch wirklich „mein Vater“ war, begleitete ich ihn manchmal in die Kneipe, die damals „Kantine“ genannt wurde (dieser Name war in unseren Ohren immer mit Angst verbunden … Angst und Freude zugleich; sobald meine Schwester, von der ich kürzlich herausgefunden habe, dass sie genau dieselben Dinge mit meinem Vater erlebte wie ich, zurückkehrt, werde ich mich davon vergewissern). Mein Vater ließ mich stets am Eingang der Kantine zurück. Nie betrat ich diesen finstren Ort, in dem mein Vater verschwand, nachdem er mich an der Tür zurückgelassen hatte … Es machte mich sehr wütend, dass er nie daran dachte, mir eine Waffel Eiskrem zu kaufen, nicht einmal eine kleine, um mir eine Freude zu machen, während ich da draußen vor der Kantine wartete … Im besten Fall brachte er mir ein Tütchen Sonnenblumenkerne mit. Dann verschwand er wieder für mindestens eine halbe Stunde, in der ich die köstlichen Salzkerne aufknabberte und schließlich nach etwas anderem zu knabbern suchte.






