Leseprobe

Najwa Barakat

(Libanon)

Aus dem Roman Die Geheimsprache
Übersetzt von Helene Adjouri



Alawili stimmte zu und sagte: Das Wort übte immer schon eine starke Faszination auf mich aus. Es füllt meine Gedanken aus, und dann jage ich es fort. Als ob es zu den Schmetterlingen gehörte, von denen ich die gewöhnlichen, seltenen und sonderbaren sammele. Ich döse ein. Rufe dabei die Wörter zurück, die meine Augen am Tage durch die Lektüre alter und neuer Wörterbücher aufgenommen haben. Ihre Lektüre war jahrelang meine einzige Leidenschaft, bis die Wörter zu lebendigen Geschöpfen wurden, die mit mir mein Leben teilten. So diskutierte ich mit ihnen, sie sprachen mit mir, und wir führten angenehme Gespräche. Die Sprache war mein Zuhause, meine Welt und vielmehr noch: Mein Königreich. In ihr war ich der König und der Beherrschte, ich erbaute und zerstörte dann ihre Gebäude, um die Geheimnisse ihrer Konstruktion zu lüften, die erst kompliziert sind, um danach wieder einfach und klar zu sein. Tief drang ich in das Wissen der Sprache ein. Ich beherrschte ihre Instrumente, ihre Substanz und die verschiedenen Techniken: Von der Etymologie über die Ersetzung bis zur Umstellung, von Wortspiel über die Gegenüberstellung mit Vergleichen und Anspielungen, Metaphern und Entleihungen. Von der wundervollen Grammatik über Deklinationen, Ableitungen, den Plural, den Diminutiv, den Stämmen bis hin zu den Verben und den Infinitiven. So haben sie sich für mich alle in einen Kontinent verwandelt, dessen Flecken ich alle besucht und dessen Länder, Städte und Dörfer ich kennen gelernt habe. Ich beging seine kleinsten Viertel, Gassen und Winkel, die dem Auge eines normalen Lesers entgehen würden.

Eines Tages aber wachte ich in einem Königreich auf, das einem Museum ähnelte, in dem keine Spuren von Leben sind.

Es war reich durch seine Sehenswürdigkeiten, und doch war es fern, kalt und still.

Langeweile machte sich in mir breit, ein überwältigendes Gefühl der Leere ergriff mich. Und so verließ ich das Königreich der Sprache, um mich mit der Lektüre eines Buches zu trösten, dass ich als Junge gekauft hatte, bevor ich der Gemeinschaft als Neuling beitrat und mich in einer Phase der ersten Begeisterung über das Wort befand.

In ihm begegnete ich dem Hinweis auf Diskussionen über Epochen, von denen ich vorher noch nie gehört hatte.

Alle gingen von einer Frage aus, die ich folgendermaßen formulieren möchte: Ist die Sprache eine göttliche Offenbarung oder ist sie Ausdruck der Bescheidenheit, also von Menschen geprägt?

Diese Frage versetzte mich in Angst und belebte mich gleichzeitig. Wie dem auch sei, ich verbrannte die Frage und begrub sie im Staub der Oase. Ich kehrte zurück zum Felsen meines festen Glaubens: Die Sprache ist ein Wunder, das Gott erschaffen hat. Sie ist sein Geschenk an unseren Vater Adam und entwickelt sich ähnlich wie der Körper eines greisen Menschen, der sich nicht mehr fortpflanzt, nicht mehr weiter wächst und wie alles andere Leben stirbt.

 

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