Rabi Jaber
Aus dem Roman Schwarzer Tee
Übersetzt von Helene Adjouri
Mein Leben ist ein einziger Moment, der Moment meines Todes. Sie haben es gesagt, aber ich glaube es nicht. Sie haben nichts gesagt, aber ich weiß es. Es ist nur ein Moment, nur ein Schuss. Von Anfang an war es nur Theater, nur ein Spiel. Ich langweilte mich und sagte mir: Fülle die Zeit aus. Aber seit jenem Abend ist alles durchweg eine einzige Lüge …
Und so habe ich alles erfunden: Traumbilder, Phantasien, Selbsttäuschung, Wahnbilder.
Diese ganze Welt, all diese Dinge – sie existierten nicht. Das Gerede auf der Flaniermeile der Corniche über Leichen, Pflanzen, Zigaretten, Hühner, Tee, das Mädchen Suha und die drei Musketiere, all dieses ist reine Erfindung. Es sind Schatten, die es nicht gibt, sondern nur in meinem Kopf existieren.
Versteht mich richtig. Wenn Ihr versteht, dann werdet Ihr mir verzeihen: Von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang und vom Sonnenuntergang bis zur Morgendämmerung mache ich nichts anderes außer Bücher zu schreiben. Ich liebe niemanden, und ich verlange von niemandem, dass er mich liebt. Versteht Ihr? Seitdem ich hier bin, habe ich niemanden gesehen und niemand hat mich gesehen.
Nun gut. Was geschehen ist, ist, dass mir langweilig wurde. Ich wählte für mich die Isolation und lebte in ihrem Herzen. Und doch habe ich mir damit von Beginn an freiwillig meine Hölle auferlegt. Ich mied die Leute, kam in dieses Zimmer und sagte mir, dass ich schreiben werde.
Worüber schreibe ich? Ich schreibe über mich, die Seele des Wolfes, die mich in die Isolation treibt. So betrachtet, schreibe ich die Geschichte Lucky Lukes. Nun gut, ihr lacht. Ich weiß, dass Euch nun ein Spiegel vorgehalten wird. Aber wisst Ihr, was Schrecken bedeutet?
Es ist unwichtig. Ich wollte Euch eigentlich nur erklären, dass ihr nicht überrascht sein sollt, wenn plötzlich der Vorhang fällt: Es war nur ein Theaterstück, mit einer einzigen Rolle, gespielt von einem jungen Mann namens Hussam, der in seinem Kopf Tausende Geschichten hat. Vielleicht hat er Euch die Geschichten nicht erzählt. Vielleicht, weil er es nicht kann. Und vielleicht wollte er, dass Ihr die Geschichten entdeckt. Beinah alle Charaktere sind Euch bekannt. Nun liegt es nur noch an Euch, diese Geschichten herauszufinden. Denn wo bliebe der Spaß an einem Kreuzworträtsel, wenn die Lösung bereits bekannt ist?
Heute bin ich 33 Jahre alt geworden. Genau wie Jesus, als er gekreuzigt wurde. Auch ich nehme heute den Weg nach Golgatha auf mich. Wer aber wird die Last meiner Kreuzigung auf sich nehmen?
Die Welt ist ein Wahnbild. Hätte er dies nicht geglaubt, so wäre er in diesem Moment noch am Leben.






