Leseprobe

Noura al-Ghamidi

(Saudi-Arabien)

Aus dem Roman Die Ausrichtung des Kompasses

Übersetzt von Claudia Knieps



Du bist ein Baum.

Der Traum ist kurz und süß .. Ich hielt ihn nur für einen Traum, aber ich begann die Blicke der Menschen um mich herum zu bemerken und die Rufe meiner Kinder, als sie auf mich kletterten zur Zeit des Knospens und der Blüte, und sogar von Allah und den Engeln...

Sie wurden mein Sein als ein Baum auf dem weiten Feld des Seins gewahr, außer ‚Allama’, jenem die Erde liebenden Bauern, der das Wasser aus seiner Kehle ausgießt, die den Körper des Baumes mit himmlischem Wasser umgibt; das Wasser, nach dem die alte Eva im Saft des verbotenen Apfels begierig war.

Sie knabberte davon ... und wurde darauf vierzig Jahre von Adam getrennt.

Bis wieder die Umarmung in Arafat1 stattfand.

Unsere Mutter Eva ... wollte mit ihrem überraschenden Tun ihrer Nachkommenschaft sagen ... Das Verlangen und die Abwesenheit sind das Elixier des Lebens. Die Frau ist im Ursprung ein Baum und in Wirklichkeit eine Taube.

Ein Baum, der aus einem empfindsamen Bittenden wächst, sogar wenn dieser auch imaginär und ihm offenbart ist über die Stimme oder den Schatten ... oder ein weit entferntes Traumbild.

Siehe da sind vielleicht das weit entfernte Traumbild und die Stimme es, die dem Körper den Baum offenbaren, vielleicht ist es die Schneide des Messers, die die Schleppe der Braut des Meeres zerteilt, das in Dunkel gehüllt ist für seinen Bittenden, dem es nicht erlaubt ist ... der soll demütig flehen ‚Allah ist groß’ ... und vielleicht ist es die Schneide des Schwertes, die den Knoten des Weiblichen vernichtet, das Eva bei den Töchtern ihrer Nachkommenschaft verabscheut ... Ich glaube, ich habe ihr Geltung verschafft und wurde zum Weiblichen, das sie wünschte.

Um Mitternacht des 16. Februar 2000 entdeckte ich nach einem kurzen Schlaf, der von einem Alptraum getrübt war ... dass
„Fidda “2 ein Schatten von einem Leben an einem entfernten Ort vor langer Zeit war. In meinem Geist begann ein Gedanke aufzutauchen, dass sie eine Frau war, und dass der, der sie in der Nacht ihres Todes an sich riss, wusste, dass die Frau der einsame Stern am Himmel der Unschuld und der Reinheit ist genau wie Zahra’ ... jener Stern, über den uns „Dschamila“ mit Gewissheit berichtet: Zahra’ ... ist ein Stern, der im Ursprung der Schöpfung eine Frau war, die eine tiefe Vision über das irdische Leben hatte ... Diese Vision besagt, dass die Frau im Ursprung ein am unteren Himmel3 hängender Stern war. So hatte Allah sie geschaffen. Doch, wenn seine Farbe sich verdunkelte, weil die fühlbaren sinnlichen Wünsche zergingen, wusste der Herr ihre Absichten. Er steinigte sie mit einem Meteor aus Feuer, durch den sie herabfiel und im Schoß einer Frau fest nistete, um mit ihren Begierden, Launen und Wünschen geboren zu werden. Zahra’ war im Ursprung eine Frau, die meinte, dass die Liebe eine organische, vom Himmel herabgesandte Krankheit ist, und dass es für jede Krankheit ein Heilmittel gibt. Beinahe wäre sie eine Gesandte in menschlicher Existenz geworden, jedoch bemerkte Allah ihre Schwäche und erhob sie als Stern, der mit dem Untergang der Sonne aufgeht und mit der Morgendämmerung verschwindet.

 

1 Berg bei Mekka.
2 Eine Frau. Fedda bedeutet Silber.
3 Dem Liegt die Vorstellung von sieben Himmeln zugrunde.

 

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