Alaa Hulaihil
Der Bärtige
Aus Geschichten für Zeiten nach Bedarf (Erzählband)
Übersetzt von Helene Adjouri
Von diesem Tag an interessiert nichts mehr. Sämtliche Reaktionen, die ich erhalten werde, gehen mir am Allerwertesten vorbei. Zweifellos wird mein Vater mißbilligen, verurteilen, fluchen, den Koran herunterbeten. Mir ist das egal. Es ist mein Bart, und ich kann damit tun und lassen, was ich will. Ich möchte ihn wachsen lassen, wenigstens ein einziges Mal. Der kleine französische Bart, der mir unten im Gesicht wächst, gefällt mir nicht. Morgens kommt er mir liederlich vor - nicht überzeugend, fremd, unedel, ohne eine Beziehung zum Kontext, zu den Standpunkten, zur Niederwerfung, gar zu den Fehltritten. Also entschied ich mich, meinen Bart wachsen zu lassen und auf die Welt zu pfeifen. Denn entweder erzieht sie mich oder ich erziehe sie!
Ich möchte fühlen, wie ein gläubiger Mensch fühlt, der seines langen, feinen Barthaars entlang streicht, leise den Kopf hin und her wiegt und dabei seinem Zuhörer mit Würde und Achtung begegnet, was diesen beeindruckt. Ich sagte mir: Wenn ich meinen Bart wachsen lasse, werde ich mehr Würde haben. Ich wurde würdevoller, und so ließ ich ihn wachsen.
Die Reaktionen fielen anders aus, als ich erwartet hatte: Einige reagierten heftig: «Gott bestrafe dich! Wie die Muslimbrüder!» Einige waren versöhnlich und dabei zurückhaltend: «Ich weiß - soll es jetzt so bleiben?» Andere verstanden sofort: «Ah! Ja, versuch´s doch mal ein paar Tage lang!» Anderen gefiel es: «Ah, so ist es schöner!» Andere wiederum waren begeistert: «Das hättest Du schon viel früher machen sollen. Jetzt siehst Du wenigstens aus wie ein Mensch. Gott geleite dich!»
Da die Reaktionen so unterschiedlich ausfielen, erfüllte mich eine gewisse Zuversicht, und so war ich überzeugt. Ich zog meinen Mantel an, meinen neuen Schal und meinen neuen Pullover und eilte hinunter und in Richtung des Cafés, um dort meinen ersten Kaffee als Vollbärtiger zu schlürfen.






