Leseprobe

Haifa Yousef Ajeab

(Syrien)

Aus dem Erzählband Mein Zopf und die Ideologie
Übersetzt von Larissa Bender



Ich hatte immer geglaubt, Samson sei der einzige Mensch, dessen Schicksal mit seinem Haar verbunden sei: Erst als seine Feinde ihm durch die List einer Frau seine Haare abschnitten, konnten sie ihn vernichten.

Dass mein Haar so bedeutsam sei, erfuhr ich erst, nachdem es sich zu einem ideologischen Problem zwischen mir und einem Geliebten entwickelt hatte. Seltsam, dass man Haare, Ideologie und Liebe zu einem einzigen Zopf zusammenflechten kann!

Seit meiner Kindheit hatte ich langes, dichtes Haar, das fast meinen ganzen Oberkörper bedeckte. Das einzige Gefühl, das es hervorrief, rührte vom Stolz meiner Mutter, wenn sie es sorgfältig kämmte und zu zwei Zöpfen flocht, um deren Enden sie bunte Schleifen band. Im Alter von neunzehn Jahren öffnete ich die Zöpfe in dem natürlichen Bedürfnis eines weiblichen Wesens, gegenüber einem geliebten Menschen seinen Stolz auf sein Haar zum Ausdruck zu bringen. Ich hatte Chalid kennen gelernt und mich wegen seiner hohen moralischen Ansprüche und seiner Aufrichtigkeit in ihn verliebt. Meine Beziehung zu ihm gab mir die nötige Stärke, die ein schüchternes Mädchen am Anfang seines Lebens braucht. Ich lernte viel von ihm, lernte die Menschen und Gewohnheiten einer städtischen Gesellschaft kennen, in die ich eintrat. Bald wusste ich, meine Emotionen zu beherrschen und meine Sprache zu kontrollieren, um niemanden in meiner Umgebung zu verletzen und nicht an Empfindlichkeiten zu rühren. Sein Interesse an der Religion schien mir eine gute Gelegenheit, eine mir fast unbekannte Kultur kennen zu lernen. Ich respektierte seine Überzeugungen, während er zu den meinen schwieg, in der Hoffnung, mich in Zukunft ändern zu können. Unsere Spaziergänge wurden zwar immer wieder unterbrochen, wenn die Zeit für sein Gebet gekommen war, aber immerhin wurde ich dadurch zu einer Expertin für die Lage aller Moscheen in Damaskus. Und in der Tat zog sich seine Stirn in böse Falten angesichts meines Spotts und meiner Späße. Doch trotz allem herrschte zwischen uns ein relativer Frieden, zu dessen Festigung unsere aufrichtige Zuneigung beitrug. Nachdem wir auf dem Weg unserer Liebe viele gefährliche Klippen umschifft hatten, tauchte das Problem mit meinen Haaren auf, das alles zerstörte. Er forderte mich auf, meine Haare zusammen zu binden, da der Anblick, wie sie auf meine Schultern fielen und meine Hüften umspielten, die Gefühle der Männer reize. Ich glaubte, er scherze und kümmerte mich deshalb nicht um seine Worte. Stattdessen trug ich mein Haar nach Lust und Laune und je nach Wetterlage. Doch bald wurde mir klar, dass meine Haare nur der Funke waren, der das Feuer entfachte. Nach jener Diskussion nahm er jede Gelegenheit wahr, viele meiner Gewohnheiten zu kritisieren, über die er früher geschwiegen hatte. Und er begann, meine Freunde und meine Bekannten nach seinen eigenen Maßstäben zu bewerten und in zwei Gruppen zu teilen: redlich und verderbt!

Je mehr er auf einer strengen Selektion bei der Auswahl der Freunde bestand, desto spontaner wurde ich, sodass ich viele meiner neuen Freunde durch Zufall kennen lernte – sei es während einer Reise oder im Wartezimmer des Zahnarztes -, und ohne mich darum zu kümmern, ob sie ihren Bart sprießen ließen oder ihn rasierten. Genauso wenig kümmerte es mich, ob die Frauen ihre Haare mit einem Tuch bedeckten oder nicht.

Eines Tages gingen wir in der Nähe der Damaszener Zitadelle spazieren und steckten bei der Diskussion über dieses Problem in einer Sackgasse. Ich betrachtete es als eine Frage des Prinzips, das mit meiner Freiheit und meiner Persönlichkeit zusammen hing. Er hingegen entschied, dass ein Zusammenleben mit meinen widerspenstigen Strähnen unmöglich geworden war! Ich solle wählen ...

Er ließ mich an einer Kreuzung stehen und ging zum Abendgebet in die Omajjadenmoschee. Sein Gebet dauerte jedoch länger als gewöhnlich. Während ich auf ihn wartete, betrachtete ich die Parfümflakons im Miskijja-Viertel. Just in diesem Augenblick kam ein ehemaliger Kommilitone vorbei, den ich seit der Universität nicht mehr gesehen hatte. Er begrüßte mich warmherzig und fragte: "Was machst du denn hier? Wartest du auf jemanden?" Ich sei gekommen, um Veilchenparfum zu kaufen, hätte aber keins gefunden, gab ich zurück. "Sollen wir nicht irgendwo einen Kaffee trinken gehen?", fragte er darauf. Ich willigte ein und ließ den Anderen zurück, damit er in aller Ruhe sein Gebet beenden könne. Hussam und ich setzten uns und hatten uns viel zu erzählen. Er erzählte mir von seiner neuen Arbeit und seinen kulturellen Aktivitäten, und bevor wir uns voneinander verabschiedeten, vereinbarten wir, uns wieder zu treffen. Bald waren wir ein bekanntes Paar in den Zirkeln der Kulturschaffenden und bei Solidaritätsveranstaltungen zugunsten von Anliegen, die ich kannte und mit denen ich sympathisierte und anderen, von denen ich nie zuvor gehört hatte. Ich unterstützte die Befreiungsbewegungen in Eritrea, verurteilte das amerikanische Embargo gegen Libyen und Kuba und sammelte Spenden für die Kinder im Sudan. Ich weinte mit ihm anlässlich des Gedenktages von Guevaras Ermordung und freute mich, als er mir zum internationalen Frauentag Blumen schenkte. Aufgrund meiner Anhänglichkeit ertrug ich widerwillig die Anwesenheit von ungewöhnlichen 'Nebenfrauen'. Es war unmöglich, mit ihm zusammen zu sitzen, ohne dass nicht Sharon vorbei gekommen und die Tischdecke mit seinen blutigen Händen beschmiert hätte. Wenn es mir gelungen war, Sharon zu vertreiben, und die Luft rein war für ein vertrauliches Gespräch, beehrte uns der Genosse Kim Il Jung, Arm in Arm mit Salvador Allende, um mit uns Kaffee zu trinken und unser Beisammensein zu verderben. Es ging so weit, dass es mir leichter schien, Jerusalem zu besuchen, als mit einem solchen Menschen den Hafen der Ehe anzusteuern. Auf dem Höhepunkt meiner Aktivitäten mit Hussam hatte ich das Gefühl, dass mein langes Haar meine revolutionären Bewegungen behinderte. Um der Bürde der täglichen Pflege zu entgehen, war die einzige Lösung, es zu einem Pferdeschwanz zusammen zu binden. In einem der seltenen Augenblicke, in denen er nichts zu tun hatte, fiel ihm der Pferdeschwanz auf: "Du siehst aus wie die Hauptdarstellerin im Film 'Für eine Handvoll Dollar'." Schüchtern lächelte ich über das vermeintliche Kompliment. Doch er fuhr aufgebracht fort: "Ich will nicht, dass du so aussiehst wie diese Amerikanerinnen ..., ich möchte, dass du bist wie Evita Peron. Warum lässt du deine Haare nicht im Wind flattern, anstatt sie wie die alten Omas zu frisieren?" Ich war bestürzt und wusste nicht, was ich antworten sollte. Zumal ich nicht wusste, wer diese Evita war. Ich glaubte, er meine die Gattin des römischen Tyrannen Nero. Das fand ich deshalb seltsam, weil sie, wie ich wusste, auf brutale Art durch die Hand ihres Mannes getötet worden war! Alsbald danach war mir das Glück auf jeden Fall hold. Meine Verwirrung angesichts seines radikalen Standpunkts gegenüber meinem Pferdeschwanz dauerte aufgrund der folgenden bedeutungsschweren Ereignisse, die mein Problem überdeckten, nicht lange an. In jene Zeit fiel der Zusammenbruch der Sowjetunion, der eine bedeutende Wendung in Hussams Leben verursachte. Er versank in einer lang anhaltenden Depression, aus der ich ihn nicht herausholen konnte. Also lebte ich mein Leben und passte mich der neuen Weltordnung an. Und es dauerte nicht lange, da schnitt ich meine Haare bis zu den Ohren ab, weil es gerade Mode war.

 

 Andere Autoren aus Syrien