Leseprobe

Ibrahim Farghali

(Ägypten)

Laufspiele (Romankapitel)
Aus dem Roman Das Lächeln der Heiligen
Übersetzt von Andrea Haist



Als mich der Klang des Glockenschlages aus der nahe gelegenen Kirche weckte, verband sich der metallische Klang der Glocken mit den Bildern von Christine – Gott sei deiner Mutter gnädig – und Imad.

So begann Nadia die Geschichte, die sie ihrer Nichte erzählte. Es erfüllte mich mit großer Freude, dass sie meinen Namen erwähnt hatte, - obwohl sie Gottes Gnade nicht auch für mich erbeten hatte. Ich erinnerte mich sogleich an jene längst vergangene Zeit, in die ich nicht mehr zurückkehren konnte, vielleicht deshalb, weil es mir jetzt genügte, ihr zuzuhören, während sie diese Geschichte erzählte, und weil sie zum ersten Mal ihre innere Stimme sprechen ließ. Sie erzählte, und was sie erzählte, zeigte, wie sensibel und zartfühlig sie war. Aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein, weil ich sie liebte. Sie konnte ja nicht wissen, dass ich, während sie erzählte, ihre Gedanken las, und diese viel schöner fand.

Ich musste nur meine Augen öffnen, um zu sehen, dass Rami auch schon wach war. Aber er konnte - wie immer freitags und sonntags - den Tag nicht gemeinsam mit Christine und Imad beginnen. Also zog er sich wieder die Bettdecke über den Kopf und rollte sich darin zusammen wie ein winziges Lebewesen in einer an den Strand gespülten Muschel. Jenen inneren Aufschrei, den außer mir niemand hören konnte, behielt er für sich – und natürlich auch für mich. Ich hörte das meiste, was in seinem Geist vorging, und ich empfand, was er empfand.

Manchmal wachte ich auf, bestürzt über die Tränen, die mir im Schlaf gekommen waren. Ich versuchte, mich an den Traum zu erinnern, der mich zum Weinen gebracht hatte, und begriff, dass er es war, der geträumt hatte.

Bald nach meiner Heirat glaubte mein Mann, ich sei verrückt. Er erklärte mir, dass ich im Schlaf oft laut lachte und manchmal auch lange weinte. Aber er wusste nicht, dass ich nichts dafür konnte, denn schuld daran waren Ramis Träume, die manchmal umwerfend komisch und manchmal alptraumhaft beängstigend waren.

Nur ein einziges Mal kam Rami lachend zu mir und erzählte mir in allen Einzelheiten den Traum, den ich nachts geträumt hatte. Ich war voller Angst vor dem alten Türhüter davongelaufen, der das Haus bewachte, in dem wir wohnten. Er hielt einen dicken Stock in der Hand und hatte mich im Verdacht, seinen Wasserkrug zerbrochen zu haben. Einen Augenblick lang war ich verwirrt, aber dann brach ich mit ihm in lautes Gelächter aus. Ich war verblüfft, dass auch Rami meinen Traum gesehen hatte. Aber danach hörte er auf, meine Träume zu verfolgen, da er immer trauriger wurde und seine Traurigkeit allmählich auch auf mich überging und meine Nächte von Alpträumen erfüllt waren. Diese Alpträume verfolgten mich viele Nächte hintereinander, bis ich schließlich zu meiner Mutter – deiner Großmutter – lief und ihr davon erzählte. Sie sah mich sprachlos an und gab mir dann den Rat, niemandem davon zu erzählen. Sie sagte mehrfach hintereinander „Gott, lass es gut enden“ und begann dann, wieder einmal die Geschichte von unserer Geburt zu erzählen, die sehr qualvoll verlaufen war und über 18 Stunden gedauert hatte, so dass die Hebamme schließlich nicht ohne die Hilfe des Krankenhauses auskam: „Man brachte mich dahin. Ramis Kopf wollte einfach nicht rauskommen. Und eine halbe Stunde nach ihm kamst du.“

Der einzige Ort, zu dem er die Christine und Imad nicht begleiten durfte, war die Kirche. Er dachte lange darüber nach, wie er diese Einschränkung überwinden könnte. Er wusste, dass ich seine innere Stimme hörte, aber er konnte es einfach nicht lassen, diese Angelegenheit immer wieder in seiner Phantasie durchzuspielen, begleitet vom Schlagen der Kirchenglocken und dem Klang der Kirchenlieder, denen er heimlich lauschte, wenn wir zusammen Tante Doriya in der ‚Alten Straße’ besuchten, wo man von einem Seitenbalkon des alten Hauses mit dem hohen Dach auf den Hof der Kirche blicken konnte. Irritiert stand er da und beobachtete sonntags mit großem Interesse die Jungen und Mädchen.

Er war begeistert von der Idee, zum Christentum überzutreten. Dein Großvater, den er eines Tages mit diesem Wunsch überraschte, konnte ihn auf seine ruhige, besonnene Art nicht von dieser Idee abbringen. Es war vergeblich. Lange Zeit träumte er davon, Christ zu werden. Jede Nacht wollte er von Christus träumen, so, wie er ihn mit seinen Kinderaugen sah: Ein schöner Gott mit blondem Haar und blauen Augen.

Während seine Gedanken mein ganzes Leben ausfüllten, war Christine, deine Mutter, ihrerseits diejenige, die seine Gedankenwelt voll und ganz ausfüllte, und die – vermittelt über seine Gedankenwelt – auch in meine Gedankenwelt drang.

So ungefähr war es. Seine Phantasie reichte nicht aus, sich eine andere Frau vorzustellen. Es gab nur zwei Ausnahmen. Die eine war Fräulein Suzanne, die Zeichenlehrerin an der Mittelschule, in die er sich verliebt hatte. Normalerweise befasste er sich nie mit Zeichnen. Seine Phantasie war voll und ganz beschäftigt mit den Figuren aus all den Romanen, die er Tag für Tag verschlang: Mit Fahmi aus der Trilogie von Naguib Mahfuz, mit Dickens’ Oliver Twist, mit d’Artagnan, der ihm von allen Helden von Dumas der liebste war, und mit Viktor Hugos Esmeralda, seinem weiblichen Idealbild, das er später in all seinen Beziehungen suchte. In seiner Phantasie schlüpfte er in diese Figuren, er kombinierte sie miteinander oder er hüllte sich selbst in den Mantel d’Artagnans, um Esmeralda vor dem französischen Offizier zu retten, den er nicht mochte. Manchmal ließ er seinen Gefühlen freien Lauf. Dann liebte er Mariam und dachte über ihr tragisches Leben nach, nachdem er selbst, in seiner Eigenschaft als Fahmi, Sohn von Saijid Ahmad Abd al-Dschawad, gestorben war.

Aber diese Welt, mit all ihren Einzelheiten, verschwand plötzlich aus seinem Gedächtnis, um dem Bild von Fräulein Suzanne Platz zu machen, das eine gewisse Ähnlichkeit mit Mirvet Amin hatte, aber über größere und tiefgründigere Augen verfügte. Sie war der Grund dafür, dass sein Zeichenblock voller unbeholfener Zeichnungen und missgestalteter Bilder von ihr war.

Die zweite war Maria, eine Griechin, an der er sehr hing. Sie war ein natürlicher Ersatz für deine Mutter zu einer Zeit, als die beiden sich nach dem dramatischen Tod von Imad voneinander getrennt hatten.

Ja, Nadia, mein Tod war wirklich dramatisch. Ich war einsam, allein, ganz erschöpft von der Herzschwäche infolge meiner Krankheit, versunken in Fieber und quälende Angst vor dem Unbekannten. Ich bat Jesus um Vergebung - im Namen des Vaters und des Sohnes, im Namen unseres Vaters im Himmel, bei den Wundern der Märtyrer und Heiligen -, aber keiner legte Fürsprache für mich ein, Nadia. So entschwand ich, gestorben vor Schmerz, in eine andere Zeit. Es betrübt mich, dass ich dir nichts davon erzählen kann, denn nach dieser, meiner dramatischen Rückkehr kann ich mich noch immer nicht mit dem auseinander setzten, was Rami und Christine damals taten, in jener schönen Zeit.

Wir spielten Hüpfen auf den Steinplatten der Uferstraße. Die Steinplatten begannen bei der Mauer gegenüber der Provinzverwaltung und führten bis zur Stadtbibliothek, die immer geschlossen war. Dort, auf der gegenüberliegenden Seite, stand die elegante und ein wenig protzige Villa von asch-Schinâwi, zu der wir auch auf einem anderen Weg, aus der entgegengesetzten Richtung, von der Flussstraße her, gelangen konnten. Wir betrachteten die weißen Statuen aus Stein, diese Frauen mit den Gesichtszügen alter griechischer Schönheiten, die vor dem Hauptportal standen, das zu einer Eingangshalle, ausgestattet mit grellbunten, überwiegend blauen und roten Glasfenstern, führte. In unserer Phantasie begaben wir uns auf die andere Seite des Portals und versuchten, ein passendes Szenario zum Leben in dieser Villa zu erfinden. In unserer – meiner, Râmîs und Christines – Phantasie war diese Villa assoziiert mit einem Spukschloss, dunkel und voller Geheimnisse seiner früheren Bewohner: die Familie asch-Schinâwî, von der man jetzt nicht mehr viel hörte, deren Bauten jedoch als Zeugen der alten Aristokratie die Zeit überdauert hatten: Mahmud asch-Schinâwîs ehrfurchtgebietender Palast bei Kafr al-Badmâs mit seinen eigentümlichen Kuppeln und seinem europäischen Baustil, der den Platz vor der Nasr-Moschee beherrschte, und in dem nach der Revolution das frühere Amt für Staatssicherheit untergebracht war. Und asch-Schinâwîs großer Palast, der sich hinter Bäumen, einer Mauer und anderen Gebäuden verbarg, da er in der Nähe der Kreuzung der Flussstraße mit der Dschîhân-Straße lag. Inzwischen unbewohnt, war er zu seinen besten Zeiten verknüpft mit den Namen von allerhand Großgrundbesitzern und mit rauschenden Festen, die zu Ehren der Sängerin Umm Kulthûm oder des Sängers Abdalwahhâb veranstaltet wurden.

Danach gingen wir den ‚Oberen Weg’ hinauf, der bei der Mauer hinter der ‚al-Mansûra-Oberschule für Mädchen’ begann und leicht ansteigend hinaufführte zur Eisenbahnbrücke, die die Orte Talcha und al-Mansûra miteinander verband, und dann gingen wir auf der anderen Seite den Weg wieder hinunter bis zum Eingang zu ‚Happyland’, um ‚Icecream’ zu essen. Danach begaben wir uns wieder wieder zu unserem Lieblingsplatz bei Torell.

Das sind vergangene Zeiten, Nadia. Alle warteten auf uns: Der dunkelhäutige, dürre Dschalâl, Ali, der immer auf meiner Seite stand und mir half gegen jeden, der mir den Spitznamen ‚Blauknochen’ (das ist eine pejorative Bezeichnung für Kopten, Anm. d. Übers.) gab, und Julie, die zur Hälfte Deutsche war, mit ihren langen blonden Haaren, ihrem mageren Körper und ihren blauen Augen. Ihretwegen wartete Dschalâl immer sehnsüchtig darauf, dass wir das ‚Tuch-Spiel’ spielten. Er wählte dann immer die andere Mannschaft, damit er Julie gegenüber stehen konnte. Das Tuch war für ihn nur ein Vorwand, um in seiner Verliebtheit näher an sie heranzukommen. Ohne sie zu berühren, konnte er sie mit den Armen umfassen, um zu verhindern, dass sie mit dem Tuch, wenn sie es erwischt hatte, davonlief. Aber unter dem Eindruck, ihr näher zu sein als eigentlich erlaubt, konnte er sich zumeist auch schlecht konzentrieren, und dies wiederum gab Julie Gelegenheit, mit dem Tuch davonzulaufen, angefeuert von uns allen. Bisant dagegen konnte mit dem Tuch zwischen den beiden stehen und fast vor Eifersucht und Kummer vergehen, weil Dschalal sie absichtlich nicht zur Kenntnis nahm. Rami und ich, wir warteten immer darauf, dass wir Laufspiele spielten wie Blindekuh oder Fangen, um allen klar zu machen, dass wir beide konkurrenzlos die Schnellsten waren.

Nadia, ich war vielleicht wirklich unbestritten der Schnellste. Ich bin ganz allein gestorben, vor Schmerz. Ich habe gebetet, Gelübde abgelegt, an Weihnachten und Ostern gefastet, alles umsonst. Und jetzt bin ich nur noch ein Phantom. Keiner sieht mich. Ich habe keinen Einfluss mehr auf Rami oder Christine. Ich bin konfrontiert mit der Sehnsucht ihrer Tochter als einem Zeichen für die Absurdität des Lebens, das ihr führt, Nadia, während du ihr von Dingen erzählst, die meinem Gedächtnis vor lauter Schmerz längst entfallen sind.

 

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