Leseprobe

Muhammad Abi Samra

(Libanon)

Aus dem Roman Der Vorgänger
Übersetzt von Helene Adjouri



Wir bekamen unsere drei Kinder einfach so, eins nach dem anderen, ohne uns Gedanken zu machen oder wirklich zu wissen, was wir tun. Und so chaotisch verlief auch ihre Erziehung. Ich erinnere mich, wie ich den Namen des Erstgeborenen Maher in dem französischen Pass geschrieben sah, der wenige Tage nach seiner Geburt ausgestellt wurde. Ich fühlte dabei dieselbe Freude und dasselbe Glück wie damals, als ich meinen Namen auf der Liste fand, auf der diejenigen aufgeführt waren, die die Aufnahmeprüfung für die Schule für Lehrerausbildung in Beirut bestanden hatten. Aber als der Jüngste Firas im Krankenhaus den Leib seiner Mutter verließ, hielt ich mein Ohr an seinen Bauch. Wie ein neugieriger Hund roch ich an seinem Körper. Verströmte er denselben modrigen Geruch, der meinem Körper, dem meiner französischen Frau und denen der Großen anhaftete? An uns allen haftete der Geruch der Wohnungen, in denen wir gelebt haben. Aber sein Körper verströmte nur den Geruch des Blutes, das während der Geburt austrat. Die Geburt des zweiten Sohnes Nader in Lyon fand unter recht merkwürdigen Umständen statt. Die Journalisten und Fotografen der lokalen Zeitungen erstatteten uns noch Tage nach seiner Geburt ihren Besuch, um sich von uns erzählen zu lassen, wie die Geburt im Autobus vonstatten ging.

Fast wäre ich ohnmächtig geworden, als ich seinen Kopf erblickte, der zwischen den Schenkeln seiner Mutter zum Vorschein kam. Es geschah inmitten der Schreie der Fahrgäste und ihrem Drängeln, um das Fahrzeug zu verlassen. Der Fahrer hupte unablässig, ohne anzuhalten, bis wir das nächste Krankenhaus erreichten. Das Neugeborene hielt ich dann allerdings schon in meinen Armen. Die Ärzte des Krankenhauses waren verblüfft, und ein Journalist schrieb einen Artikel mit der Überschrift:

„Französisches Kind auf libanesische Art zur Welt gekommen“.

Plötzlich waren sie erwachsen, als ob ich nicht dabei gewesen wäre und es nicht miterlebt hätte. Manchmal denke ich, dass sie allein die Kinder ihrer Mutter sind. Zu den Kindern habe ich eine Beziehung, wie sie ein Großvater zu seinen Enkelkindern hat. Ich fühle mich zu jung für die Vaterschaft und werde mich wohl Zeit meines Lebens nicht als Vater fühlen.

Ich nahm den Erstgeborenen auf den Sonntagsspaziergängen mit. Er setzte sich neben mich in das alte Auto. In seiner Hochnäsigkeit erinnerte er mich an die Franzosen. Ihre hochnäsigen Blicke deute ich als Versuch, mit übertriebener Höflichkeit Abstand zu anderen zu halten und sich dadurch von ihnen abzugrenzen. Ich fing an, alte arabische Lieder zu singen. Sie weckten Emotionen in mir, die mir die Tränen in die Augen trieben. Ich hörte auf zu singen und schaute ihn an. Sein ernstes Gesicht blickte starr in die Ferne.

Ich fragte ihn, ob ihm mein Gesang gefallen hat. Aber er schaute mich nur mit hochgezogenen Augenbrauen an. Seine Sprachlosigkeit war verwirrend und brachte mich durcheinander.

Er war noch keine zehn Jahre alt, aber er kam mir vor wie ein Zwanzigjähriger, der mich während einer Fernsehsendung über den libanesischen Bürgerkrieg mit spöttischer Stimme fragte: „Ist das dein Land, von dem du mir immer erzählst?“ Seine Frage erinnerte mich an den Titel des Artikels, der in der Lokalpresse von Lyon über die Geburt des mittleren Bruders erschienen ist. Ich musste lächeln. Nein, es war nicht der Spott über mich oder mein Land, der mich störte, sondern dieser französische Tonfall, so bestimmt und erhaben wie der eines Nachrichtensprechers.“

 

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