Husain al-Mizdawi
Die Maschakuplatte
Übersetzt von Helene Adjouri/ Martina Stiel
Wenn Hag Chalifa Muhammad Tilmun an die von Maschaku gestiftete Platte voller Speisen denkt, kommen in ihm wieder Erinnerungen an die Zeit auf, als sein altes Taxi der Marke Hillman die einzige Verbindung zwischen den Stadtbewohnern und denen war, die außerhalb wohnten. In allen Stadtvierteln und auf dem Wochenmarkt von Tripolis kennt man den Taxifahrer, der früher einmal Bauer gewesen ist. Es gibt da eine Geschichte, die in Vergessenheit geraten ist (über die man sich auch lustig gemacht hat) und die über die Grenzen einiger Stadtviertel nicht hinausgekommen ist, obwohl sie eine klare Sprache spricht und in ihrer Bedeutung durchaus tiefsinnig ist. Also muss man sie einfach niederschreiben…
Aschtiwi Maschaku war ein einfacher Mann aus dem Gebiet der Harat. Will man ihn beschreiben, so muss man vor allem erwähnen, dass er zwar sehr arm war, aber viele Familienmitglieder zu ernähren hatte. Seine Armut war aber von edler Natur, denn er war stets großzügig und einfach eine Seele von Mann, der Beleidigungen nicht ausstehen konnte.
Die Libyer, die in erster Linie auf Gott und auf das himmlische Geschenk des Regens vertrauen, warten geduldig auf die Regenzeit, die ihre Ernte sichert und die damit verbundenen Zeiten des Glücks. Aber der Regen ist weder ein Strom, der immer Wasser führt noch ist er eine Quelle, die zu überströmen droht, nein, das geschieht nur selten. Wenn der Herbst kommt, schickt der Himmel normalerweise zwei Arten von Wolken mit. Dann recken die Menschen ihre Hälse flehend und bittend zum Himmel. Manchmal ziehen einfach leere Wolken vorbei und manchmal ergießen sich ganze Sturzbäche ins Meer, zornig über die Menschen, die ihre armen Brüder vergessen und die Lage der Menschen verschlimmern, vor allem die der Armen. Demütig flehen sie mit ausgemergelten Händen und Fingern den Himmel an, sie bitten um Regen und besuchen Wallfahrtsorte. Die Reichen verteilen Mahlzeiten an die Armen, Esstische werden aufgestellt und das Essen wird am Wallfahrtsort verteilt. Platten mit Essen werden heran getragen. So isst der Arme und der Hungrige stillt seinen Hunger. Der Himmel wird damit zufrieden gestellt und schickt prall gefüllte Regenwolken und die Natur zeigt sich endlich wieder von ihrer gnädigen Seite.
In diesen Zeiten der vierziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts musste der Stamm der Harat, der später sesshaft wurde, der später ein Stadtviertel bildete, unbedingt etwas unternehmen. Vielleicht konnte man den Himmel zufrieden stellen, damit die Wolken ihre Güte entsenden würden und der Regen die Erde nach seiner Abwesenheit wieder in seine Arme nehmen würde. Also schlachtete man die Kamele, verteilte ihr Fleisch großzügig an die Wohlhabenden, die es sich leisten konnten einen bestimmten Betrag dafür zu bezahlen. Dann bereiteten die Bessergestellten die Teller vor, um sie mit volksüblichen Speisen wie Kuskus, Basin und Ähnlichem zu füllen. Dann versammelten sich die Einwohner des Stadtviertels im nahegelegenen Wisaja beim Grab des Sidi Al-Wahischi. Dort wurden dann eine ganze Woche lang Mahlzeiten an die Armen verteilt. Die Menschen sind dankbar, haben sich satt gegessen, sie freuen sich und beten gemeinsam um Regen und bitten den Allmächtigen um seine Gnade und seine Gunst.
Als Aschtiwi Maschaku davon hörte, erschien er sofort mit ein paar Geldstücken in der Hand, die er angespart hatte und die eigentlich für die Versorgung seiner Familie gedacht waren. Man sollte ihm keinen Geiz oder Zögern vorwerfen oder dass er sich nicht beteiligen wolle. Aber diejenigen, die verantwortlich dafür waren, die zahlungskräftigen Familien zu registrieren, ließen ihn aus und wollten kein Geld von ihm. Aus Mitleid zählten sie ihn nicht dazu, denn so wie alle Familien des Stadtviertels kannten auch sie seine finanzielle Lage.
Zornig ging er nach Hause. Er tat in der Nacht kein Auge zu. Wie sollte er nach diesem Erlebnis schlafen können? Er fühlte sich vor seinen Nachbarn, Verwandten und den Familien des Stadtviertels gedemütigt und diese Beleidigung konnte er so schnell nicht vergessen. Man verteilte große Fleischstücke an die Männer, aber ihn überging man dabei, denn er wurde zu der Gruppe der Alten und Schwachen gezählt. Fassungslosigkeit und Verwirrung machten sich in ihm breit und nagten erbarmungslos an ihm und hinterließen ein schrilles Echo in seinen Ohren...
So sensibel wie er war, empfand er diese Situation als eine unerträgliche Beleidigung, die er nicht auf sich sitzen lassen konnte und derer er sich nur durch eine große Tat entledigen konnte. Denn er wusste, dass Männlichkeit in manchen Situationen mit Finanzkraft definiert wurde.
Also ging er hin, sammelte den Silberschmuck seiner Frau und seine Ersparnisse und beschloss, es allen auf seine ganz eigene Weise heimzuzahlen. Die Menschen sollten seine Tat bis in alle Zeiten in ihren Stadtvierteln und bei ihren Zusammenkünften weitererzählen.
Er hatte so viel Geld zusammen bekommen, dass er sich nun auf ganz besondere Weise beteiligen konnte. Er versammelte all seine Familienmitglieder und mit Geduld, Eifer und Enthusiasmus machten sich also mehr als 15 Personen an die Vorbereitung der Speiseplatte mit Basin. Aber was für eine! Für die Zubereitung des Gerichts benötigten sie ganze 70 Kilo Gerstenmehl. Als das Essen fertig war, verströmten die Töpfe langsam den Duft der Speisen, der sich über den ganzen Platz ausbreitete. Es schien als ob die Töpfe mit dem Himmel flirteten und ihm ein Geschenk machen wollten.
Aschtiwi fand, dass das ganze Essen nicht auf viele kleine Platten der üblichen Größe verteilt werden sollte, sondern auf eine einzige große Platte. Er holte eine riesengroße Holzplatte und gab das Basin darauf - eine gewaltige Menge. Nur das Gewicht der Mehlspeise betrug schon 70 Kilo und hinzu kam ja noch das der anderen Speisen, des Fleisches und der übrigen Zutaten. Dann formte man wie üblich ein Loch, füllte es mit viel getrocknetem Fleisch und krönte den Rand mit Eiern, gab noch eine Schicht Fleisch oben drauf und übergoss das Ganze schließlich mit der dampfenden Kochbrühe.
Die Speiseplatte war somit hergerichtet und die Kinder sprangen entzückt und voller Neugier um sie herum. Am ersten Tag hatten die Wohlhabenden mit ihren Schüsseln angegeben aber angesichts dieser Schüssel würden sie arm aussehen. Aber wie sollte man sie nun an diesem zweiten Tag zu der Stelle tragen, an der das Essen ausgegeben wurde?
Schließlich kam man auf die Idee unter der Basinplatte einen Pulk zu bilden und sie über den Köpfen weiterzureichen. So machten sich an die fünfzig Personen daran, die Schüssel zu transportieren, gefolgt von einer Schar von Männern, Frauen und Kindern.
Einige von ihnen stimmten mit in den Gesang des Pulks ein und andere riefen „Allahu akbar“, priesen Gott und stießen Hochrufe auf ihn aus. Die Frauen folgten mit ihrer prächtigen Kleidung und stießen schrille Freudentriller aus. Die Kinder riefen sich einander fröhlich zu und waren vor Freude ganz außer Atem. So bewegte sich die ganze Schar in diesem Pulk fort und über ihm schwebte, wie eine Braut an ihrem Hochzeitstag, die Basinplatte mit all den Speisen, dem Fleisch und den Eiern, die das Ganze krönten. Als sie ankamen, stellten sie die Platte mit übertriebener Vorsicht ab. Die Anwesenden trauten ihren Augen nicht. Aschtiwi Maschaku, der arme Habenichts von Mann, hat all das gezaubert?
Vor der riesigen Holzschüssel des armen Maschaku wirken die Teller klein und mickrig. Die Anwesenden kamen verwundert näher und konnten es gar nicht glauben. Dies war eine Stunde der Freude und des Genusses. Aber die meisten von ihnen wussten nicht so recht wie sie mit diesem fremden Geschenk und dem riesigen Berg Basin umgehen sollten. Einige begnügten sich mit einem Stück Fleisch, oder einem Ei. Andere nahmen nur einen kleinen Bissen. Wer auf der einen Seite des Berges saß, konnte sein Gegenüber nicht sehen, denn er verschwand hinter der enormen Größe des Berges.
Durch den Basinberg konnte Aschtiwi Maschaku sein Ansehen wiedergewinnen und er wurde um die Last der Beleidigung erleichtert. Wäre sie geblieben, so hätte sie schwerer als der Himalaja auf seinen Schultern gelastet.
Maschakus Speiseplatte ist zwar nicht ins Guinnessbuch der Rekorde gekommen, aber man erzählte sich dieses sagenhafte Ereignis in jedem Haus auf dem Wochenmarkt und vor allem im Stadtviertel Harat. Man hat es sich über Generationen weitererzählt und bis heute sagt man sprichwörtlich: „Wie Maschakus Speiseplatte“, wenn man etwas Riesengroßes bezeichnen will.
15 Jahre nach diesem Ereignis haben die Enkel Maschakus beschlossen, es zu wiederholen. Sie bereiteten in derselben Gegend genau so eine Speiseplatte zu und veranstalteten ein großes Fest auf dem Platz in der Nähe von Sidi al-Wahischi. Sie sprachen Dankgebete aus, bliesen die Trompete, schlugen die Trommeln und das Freudentrillern der Frauen wurde immer höher. Und nach 15 Jahren gab es wieder eine Maschakuplatte, diesmal von den Enkeln gestiftet.
Und der Himmel schenkte den Menschen wieder großzügig Regen.






