Leseprobe

Amel Mokhtar

(Tunesien)

Aus dem Roman Prosit auf das Leben
Übersetzt von Mona Naggar

 

Der Schmutz der Vergangenheit fiel von meinem Körper ab. Meine Haut glänzte in einem Licht, das sich auf der nassen Straße spiegelte. Ein Gemälde voll Farben und Schatten machte diesen Winterabend in Bonn zu einem anderen Abend als jene alten Frühlingsabende.

Ich bemerkte, dass ich vor der gleichen Kneipe stand. Ich hatte vergessen, wie die Bewohner der Stadt sie nannten, deren Sprache ich nie würde lernen können. Es genügte mir, dass ich einige einfache Redewendungen für den täglichen Gebrauch lernte. Es genügte mir, „ich liebe dich“ sagen zu können. Aber ich hasse es, dies jemandem zu gestehen, den ich liebe. Vielleicht denke ich, dass es das Ende der Liebe wäre, wenn ich es zugeben würde.

Einmal machte ich dieses Geständnis, und wirklich bedeutete es das Ende. Ich war diejenige, die es auslöste. (...)

Die Bedienung kam aus der Kneipe heraus, ihr Lächeln eilte ihr voraus. Die orangefarbene Schürze, die mit einem schmalen Band um ihre Hüften gebunden war, machte ihren Hintern noch verführerischer.

Sie wischte den Tisch mit einem Tuch der gleichen Farbe und fragte mich auf deutsch, was ich trinken wolle (...)

Die deutsche Blondine brachte mir ein Glas Bier. Sie sagte etwas, das ich weder verstand noch fühlte, denn ich war mit dem Glas beschäftigt. Seine Farbe, Form und das Wort „Bier“, das in goldenen Buchstaben darauf geschrieben stand, interessierten mich.

Ich musste die Erfahrung weit weg von „hier“ machen, das jetzt zum „dort“ geworden ist.

Ich musste die Welt durch Reisen und durch Zufälle entdecken, auf der Suche nach jener Ähnlichkeit zwischen mir und ihm: Der Mensch, egal wo er sein mag. Ich musste mich herumtreiben, in Bahnhöfen und auf Bürgersteigen schlafen, vorbeigehende Menschen kennenlernen in einer flüchtigen Zeit. Ich musste randalieren, mit der Illusion der Zivilisation zusammenstoßen, die Wahrheit des Menschen entdecken, seine Natur, die sich unter Fetzen von Kleidung, Kultur und Gesetzen verborgen hatte (...).

Ich sagte ihm:

Lass uns unsere Reise in Bonn beginnen. Es war die erste Stadt nach Tunis, die ich kennenlernte. Dann lass uns in der Geographie und der Geschichte enden, unsere menschliche Erfahrung in den Gesichtern erkennen.

Alles, was passieren wird, egal wie, wird spannend sein, allein weil es die Gewohnheit brechen und die Langeweile vernichten wird.

 

 Andere Autoren aus Tunesien