Leseprobe

Nazem Mohana

(Syrien)

Der Traumhahn (Kurzgeschichte)

Aus dem Erzählband Prosa im Halbgesang
Übersetzt von Larissa Bender

Als sein geliebter Hahn starb, war Scheich Abu al-Barakat sehr traurig. Er nahm an, seine Frau habe ihn mit Hilfe seiner törichten Töchter vergiftet. Es war kein gewöhnlicher Hahn gewesen, der einer Gruppe von Hühnern des Dorfes vorstand, eingebildet auf Mauern und durch Gassen stolzierte oder das Morgengrauen mit seinem selbstbewussten und unerschütterlichen Krähen begrüßte. Oder der einfach nur bunt gefiedert war, mit einem Kamm wie ein Pascha. Nein, er hatte noch eine andere Eigenschaft besessen, die nur der Scheich kannte. Er war ihm ein Freund, ein Gesprächspartner gewesen, den er auf den Arm nahm und mit dem er sprach. Mitunter las er ihm auch Gedichte, Anekdoten oder die Nachrichten vor, und der Hahn schien aufmerksam zuzuhören. Wenn er dessen überdrüssig wurde, hörte der Scheich auf zu lesen und zu plaudern, und bevor er sich zur Nachtruhe begab, erteilte er ihm einige Ratschläge oder ermahnte ihn: 'Amüsier dich nicht zu sehr und treib keine Scherze mit dem Huhn von Abu Hassan, denn es ist schon alt. Vielleicht isst der Mann keine Eier mehr. Sein Gestank ist nicht mehr auszuhalten, besonders wenn er rülpst! Und sei nicht so uneinsichtig, ins Tal hinunter zu steigen, denn der Fuchs lauert nur auf solche wie dich, weil du das Zeug zum Führer hast und aus viel Fleisch bestehst.'

Wenn der Hahn seinen Hals reckte und krähte, wenn der Morgen nicht graute, lachte der Scheich, als habe er gerade ein Geheimnis oder einen großartigen Gedanken vernommen. Seine Frau und seine Töchter aber glaubten, er sei vom Wahn befallen; sie schauten ihren Vater skeptisch an und verspotteten ihn.

Der Scheich behauptete keineswegs, dass er Wunder vollbringen könne oder die Sprache der Vögel beherrsche. Die Sache war lediglich die, dass ihm geträumt hatte, Gott habe seinen Freund al-Sahrani in einem Nachbardorf als Hahn erschaffen, weil dieser in seinem Leben eine schändliche Tat begangen hatte. Und Al-Sahrani hatte ihn im Traum angesprochen und sich unterwürfig beklagt: 'Wisse, Abu al-Barakat, dass Gott mich als Hahn im Hause des al-Dschahni erschuf. Niemand außer dir kennt die Wahrheit über mich. Komm zu mir, denn vielleicht liegt mein Ende in deiner Hand.'

Scheich Abu al-Barakat machte sich also auf in jenes Dorf. Dort ging er zum Haus von al-Dschahni, um zu prüfen, ob sein Traum der Wahrheit entsprach. Verblüfft stellte er fest, dass sich der Hahn, sobald er den Scheich erblickte, vom Hühnervolk absetzte und vor ihm aufstellte. Er hatte haargenau die Größe und Farbe wie der Hahn, der ihm im Traum erschienen war. Da erinnerte sich der Scheich an al-Sahrani, seinen Freund. Er war zu Lebzeiten großzügig und amüsant gewesen, doch sein Herz hatte sich stets nach den Frauen gesehnt! Nur Gott allein weiß, was er in seinem Leben verbrochen hatte, dass der Große Rächer ihn auf diese Weise bestrafte. Scheich Abu al-Barakat bezweifelte nicht, dass seinem Traumgebilde eine göttliche Weisheit anhaftete, hätte ihn doch der verstorbene al-Sahrani nicht im Traum besucht, wenn Gott dies nicht gewollt hätte. Also tat er, wie der Hahn ihm geheißen und erstand ihn zu einem hohen Preis. Und sobald er sein Haus wie ein liebenswerter Gast betreten hatte, brachte er ihn in seine Kammer, streute ihm Körner auf den Lehmboden und beobachtete, wie er sie bedächtig und mit drolligen Bewegungen auflas. Und immer wieder setzte der Scheich sich neben ihn und fragte ihn nach jener schändlichen Tat aus seinem früheren Leben. Er stellte sich vor, sein Freund al-Sahrani säße in Gestalt eines Hahnes vor ihm und erzählte ihm von seinen Abenteuern, während er selbst sich vor Lachen bog. Wenn die Zeit zum Gebet kam, lud der Scheich ihn scherzend ein, die Gebete der Nacht und des Tages mit ihm zusammen zu beten, wenngleich ihm die Wirkungslosigkeit des Gottesdienstes im Zustand der Verwandlung bewusst war.

Der Scheich bräuchte einen neuen Traum oder eine göttliche Eingebung, um seinen Freund von seiner Verwandlung zu erlösen. Er hätte ihn zum Beispiel schlachten können, wenn seine Stunde geschlagen hat und ihm die Rückverwandlung in eine menschliche Gestalt erleichtern, denn al-Sahrani hätte nicht auf ewig mit seiner Strafe leben müssen. Vielleicht setzte die Vergiftung seiner Strafe ein Ende, aber es war kein gottgefälliger Tod.

 

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