Leseprobe

Renée Hayek

(Libanon)

Aus Der Brunnen und der Himmel
Übersetzt von Helene Adjouri



Ich frage mich, ob es möglich ist, dass sich jemand so sehr hasst, wie ich mich hasse? Wäre doch niemand da, der sich an mich klammerte!

Dann gäbe es keine Liebe für mich und kein Interesse an mir. Nichts würde meinen Groll, den ich hege, weiter wachsen lassen. Ich wünschte mir, dass der Faden reißen möge, der mich als Gespenst oder als Attrappe existieren lässt, für die es keine Hoffnung gibt, jemals wieder Mensch zu werden. Tag und Nacht malte ich mir mein Ende in verschiedenen Bildern aus und betrachtete diese mit Gleichgültigkeit. Darunter waren einige, die mich mit Frieden erfüllten und für einige Momente die Wogen des Sturms glätteten, der in meinem Inneren tobte.

Seit wann kann ich die Nächte nicht mehr durchschlafen? Seit zwei Monaten? Oder gar drei? Ich wache aus meinem Alptraum auf und finde mich wieder, wie ich mich an Ramis Armen festhalte und meine Fingernägel in sie hineinbohre. Er wälzt sich auf den Rücken und sagt mit verschlafener Stimme: „ Schlaf … so schlaf doch ….“

Aber ich schlafe nicht, vielmehr wage ich es nicht, mich dem Schlaf wieder hinzugeben. Bestürzt denke ich an die Tage, die noch folgen werden. Und wer werde ich sein? Liegt es denn nicht in meiner Kraft, dies alles aufzuhalten?

 

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