Leseprobe

Stella Gitano Gemis

(Sudan)

In einer Mondnacht

Aus dem Erzählband Neue Wege
Übersetzt von Christian Buck



Er war mir vertraut mit seinem ausgreifenden Schatten, seinem starken Stamm, seinem dichten Astwerk. Hochgewachsen stand er in der Mitte unseres Dorfes, umgeben von den Hütten in treuer Runde. Bei dem Baum fanden die wichtigen Ereignisse unseres Dorfes statt und die Vergnügungen. Die Würdenträger und alten Männer des Dorfes hielten dort Rat, und der Baum war Treffpunkt der Jugendlichen. In Mondnächten tanzten sie in der Nähe zu den melancholischen Melodien der Trommeln, Melodien, die von Scheu und Begehren gleichermaßen gespeist wurden – wie auch nicht, wo sie doch eine Tochter der Tropen, ein Kind des Dschungels waren? Jene verschlossene Welt – wenn man in sie eindringt, empfängt man von ihr Gutes und Schlechtes zu gleichen Teilen, Angst und Sicherheit, Leben und Tod, alles Widersprüchliche. Bei dem Baum fand der Herumirrende einen Ort; der Erschöpfte erholte sich; der Reisende lagerte dort. Der Baum war eine besondere Stätte in unserem Dorf. In der letzten Mondnacht trafen wir Vorbereitungen für den Tanz und die Gesänge der Schwarzen.

Die Mädchen mit ihren schwarzen Körpern versammelten sich. Sie waren geschmückt mit Ketten, die länger und kürzer um den Nacken drapiert waren, mit breiten Ringen aus Elfenbein an den Handgelenken und mit Fußreifen, die einförmige Klänge erzeugten. Ein Rock bedeckte den unteren Teil des Körpers. Der Tanz begann. Die Körper schüttelten sich im Gleichklang mit der grellen Natur. Die Mondstrahlen trafen auf die schwarze, glänzende Haut und wurden zu ihrem Ausgangspunkt zurückgeworfen. Plötzlich brach ein heftiger Streit zwischen einigen der jungen Männer aus. Die Mädchen schrieen durcheinander. Einer befahl ihnen, nach Hause zu gehen. Voller Angst liefen sie fort. Es kam zum Kampf mit drei jungen Männern aus dem Nachbardorf, denen drei Jugendliche aus unserem Dorf gegenüberstanden. Denn es wäre unehrenhaft und unmännlich gewesen, wenn wir alle gemeinsam gegen sie gekämpft hätten. Der Kampf endete wie alle Kämpfe jeden Tag, ohne daß jemand Haß oder Feindschaft empfunden hätte.

In der Nacht leuchtete plötzlich ein heller Schein mitten im Dorf, die Schatten der Hütten tanzten wie wahnsinnig. Innerhalb kürzester Zeit war das ganze Dorf auf den Beinen und starrte voll Trauer auf den Baum. Er brannte lichterloh. Alle standen da wie gelähmt, als wären es ihre eigenen Körper, die brannten. Einige versuchten, das Feuer zu löschen, jedoch ohne Erfolg, denn die Flammen hatten bereits die Spitzen erreicht und begannen gefräßig, die Blätter zu verschlingen. Die Dorfbewohner fühlten mit dem Baum, als würde er zittern und schreien: Rettet mich, rettet mich! Aber wer kann ihn retten? Wer rettet die liebevolle Mutter? Wer kann auf einen Baum steigen, der in Flammen steht, wer? Als diese Fragen unerträglich drängend geworden waren, zog der Himmel plötzlich zu, dunkle Wolken sammelten sich, es donnerte mit furchtbarer Wut. Vom Himmel ging mit ganzer Kraft ein plötzlicher tropischer Wolkenbruch nieder. Die Dorfbewohner blieben stehen, ohne sich um den Regen zu kümmern. Sie waren nur daran interessiert, daß das Feuer gelöscht würde. Und tatsächlich verlöschte es. Das Weinen des Himmels endete, und Fragen wurden laut: Wer hat den Baum in Brand gesetzt? Gerüchte verbreiteten sich. Wie ein alles verschlingendes Gespenst legte sich eine tiefe Melancholie über das Dorf. Alle, die den Baum geliebt hatten, fragten sich: Wird er nach dem Verlust all seiner Blätter wieder grün werden? Wird das Leben in ihn zurückkehren, nachdem der Tod ihm sein Zeichen eingeritzt hat?

Eines Tages saßen wir unter dem Baum und erinnerten uns an die schöne Zeit, die wir bei ihm verbracht hatten. Wir verfluchten die drei jungen Männer. Mit Sicherheit hatten sie bei dem Feuer die Hände im Spiel gehabt. Ich hob den Kopf und sah den Baum an, als wollte ich ihn wieder zum Leben erwecken. Ich träumte, nein: ich sah wirklich einen kleinen grünen Zweig zwischen den verkohlten Ästen, kaum zu erkennen. Ich sprang auf, als wollte ich fliegen, als hätte mich etwas gestochen. Ohne auf die Fragen meiner besorgten Freunde zu antworten, kletterte ich am Baum empor, bis ich den Zweig erreichte. Ja, der Baum wird grün, er lebt, er ist nicht tot! Ich schrie diese Worte, ohne daß es mir bewusst war. Tränen flossen über meine Wangen. Ich umarmte den Zweig, als wäre er ein Teil von mir. Meine Freunde umarmten den Stamm des Baumes wie eine Mutter, die nach langer Abwesenheit zurückgekehrt ist.

 

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