Omar Kaddour
Aus dem Roman Raue Kanten
Übersetzt von Larissa Bender
Ich hätte mir einen anderen Abschied gewünscht, einen liebevolleren Abschied, als Krönung dessen, was gewesen war. Sie aber tat, als sei sie mit den Reisevorbereitungen beschäftigt, überlastet von den vielen Pflichten. Auf mein Drängen hin muss sie sich rechtfertigen:
"Ich mag keine Abschiede. Wenn ich einmal angefangen habe zu weinen, höre ich nicht mehr auf."
Ich verzeihe ihr, wenngleich ich der Überzeugung bin, dass die Zurückgelassenen mehr Grund zum Weinen haben. Ich hatte das in meinem ersten Roman geschrieben. Als Fatin gesagt hatte: "Du verlierst mich, aber ich, ich verliere alles", hatte er geantwortet: "Es ist leichter, alles zu verlieren. Wenn der Geliebte fortgeht, bleibt alles zurück, was uns an ihn erinnert."
Mit Sausan gab es keine Gelegenheit für ein solches Gespräch, sie war mit anderen Fragen beschäftigt:
"Weißt du, was es heißt, stumm zu sein?"
"Das wissen alle."
"Ich sage dir was: Du denkst an etwas und willst es aussprechen, aber deine Zunge ist unfähig, so, als hättest du überhaupt nichts gedacht. Da ist keine Stimme, die dir das bestätigt. Als ich die Fähigkeit zu sprechen verloren hatte, wusste ich nicht mehr, was ich wollte und wer ich war. Ich war vollkommen hilflos. Selbst meine Bewegungen standen in keiner Beziehung mehr zu meinem Denken. Als ich dann wieder sprechen konnte, hörte ich nicht meine alte Stimme; es war eine fremde Stimme, sie drückte nicht das aus, was in meinem Kopf war, es war eine Stimme, die sprach, bevor ich dachte. Neun Tage versuchte meine Familie, mich zum Sprechen zu bringen. Ich war klein, verloren. Sie sind noch nicht einmal auf die Idee gekommen, mich aufzufordern, meine Wünsche aufzuschreiben. Ich war voller Worte gewesen, aber alles war weg, als wäre ich damals gestorben."
"Es ist jetzt nicht die richtige Zeit, dich mit diesen Erinnerungen zu belasten."
"Willst du nicht wissen, warum ich das frage? Ich antworte dir: Wenn du etwas anderes aussprichst, als du eigentlich willst, ist es, als wärst du stumm. So geht es mir. In meinem Kopf drängen sich die Gedanken, aber ich rede banales Zeug, ich schwätze daher, um meine Fähigkeit zu sprechen unter Beweis zu stellen. Soll ich wiederholen, was du gerade gesagt hast? Du wolltest sagen: Es ist nicht die richtige Zeit, deinen kleinen Verstand damit zu belasten. Ich mache dir keinen Vorwurf, du hast Mitleid mit mir. Hier, an diesem Ort, habe ich erfahren, wessen Wunsch es ist, dass mein Verstand klein bleibt."
Sie keuchte beim Sprechen, als hätte sie ihre Sprache gerade erst wiedergefunden. Sie hatte so viel zu sagen, und ich glaube, dass ihre Gedanken einen Zusammenhang hatten, während ihre Sätze eher zerstreut und mitunter zögerlich wirkten. Sie erzählte mir von ihren Fehltritten und Entgleisungen, bewertete, was gewesen war und bewertete die Anderen; sie war scharfsinnig, sie warnte mich vor einigen Leuten und sie riet mir, an diesem unbarmherzigen Ort auf mich aufzupassen. Ich war froh über ihre Aufrichtigkeit und ihren Mut, wenngleich sie ihren eigentlichen Vorwurf nicht vor mir verbarg: "Dich hat das Schreiben auch halb stumm gemacht." Und obwohl ich mir einen anderen Abschied gewünscht und mir absolut nicht vorgestellt hatte, dass er diesen Verlauf nimmt, sagte sie:
"Weißt du? Ich habe in der letzten Zeit einen einzigen Satz von dir erwartet: 'Fahr nicht'."
"Wenn ich es gesagt hätte, wärst du dann geblieben?"
"Nein, aber du hättest es sagen müssen."






