Leseprobe

Ahmad al-Nuaimi

(Jordanien)

Gedanken

erschienen in der Zeitung „al-Ra´y“, April 2004
Übersetzt von Nuha Sarraf Forst und Angelika Rahmer



1. Es ist unmöglich, sich Tage und Stunden zu kaufen. Unmöglich, Zeit zu verkaufen. Unmöglich... Allerdings wäre es durchaus möglich, dass Menschen eine bessere Stadt für eine schönere Zeit erbauen, falls einmal die Kriegsmakler aus unserer Welt verschwinden.

2. Irgendwann einmal habe ich gelernt, dass es ein Makel ist, einen Standpunkt aufzugeben. Heute bin ich noch immer davon überzeugt, dass ein Standpunkt heilig ist; ich meine damit jenen Standpunkt, der es mir erlaubt, mich zurückzuziehen oder mich zu entschuldigen, wenn es ein falscher Standpunkt war.

3. Brauchen denn bis zum Rand gefüllte Brunnen und Dämme noch mehr Wasser, selbst wenn es kostenlos bereitstünde?

4. Ein weißes Kleid kann schwarzen Dreck nicht verdecken. Schwarzer Dreck benötigt ein schwarzes Kleid.

5. Die Magier beteten das Feuer an. Dann verschwanden sie, und das Feuer blieb. Heutzutage gibt es eine ganze Generation von Führern – und die beten das an, was Feuer entfacht: das Öl.

6. Ich weiß nicht, warum sich diese Dummköpfe in die Kriege stürzen. Die Welt von heute glaubt nicht mehr an das Heldentum von damals ... Heldentum heute bedeutet, die Schultern der Menschheit von ihren Problemen zu entlasten oder ihrem Fundus so eine Art von Liebe hinzuzufügen.

7. Barbarische Epochen sind diejenigen, die von barbarischen Führern hervorgebracht werden.

8. Ein einziger Tag genügt, um die Zerstörung der Welt zu begreifen. Indessen müßte man einen Tag millionenfach multiplizieren, um glauben zu können, dass die Zerstörer auch Musikliebhaber sind.

9. Irdische Güter sind zahlreich ... so zahlreich... Millionen schöner Frauen, schöner Gedichte und wunderbarer Bücher ... warum sind die Tyrannen darauf aus, sich in die Finsternis zu stürzen?

10. Unter den Tieren verabscheue ich die Hyäne; ein wildes Biest, das die anderen dazu bringt, ihre Muskelkraft zu zeigen. Und jeder, der sie jagt, ist ein Sieger, und sei er nur ein Nagel im Tisch der Diktatur.

11. Manchmal stelle ich mir vor, meine verstorbenen Freunde kehrten von ihrer ewigen Reise zurück. Ihr Äußeres kann ich mir jedoch nicht vorstellen; sind sie staubbedeckt? Sind sie komplett bekleidet?... Aber ich kann mir gut vorstellen, wie sie einst waren; nichts hat sich an ihnen verändert, seit ich sie das letzte Mal sah. Denn diejenigen, die weit reisen, verschont Gott vor den Tyrannen unserer Epoche.

12. Ich will kein Kaninchen sein, damit ich nicht von der Schlange erwürgt werde, und ich möchte nicht zum Löwen werden, damit ich nicht als Hyäne des Dschungels ende.

13. Die Traumfrau: ein realistischer Traum im Traum.

 

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