Ahmad Omer
Ersatzteile für eine Kurzgeschichte (Erzählung)
Aus dem Erzählband Tyrannen und wir
Übersetzung von Larissa Bender
An den sehr verehrten Herrn Redakteur der hoch geschätzten Zeitung "Die arabische Sonne", die das Motto "Die leuchtende Freiheit in der strahlenden Zeitschrift" auf ihre Fahnen geschrieben hat:
Ich schicke Ihnen hiermit zuzüglich zu meiner Geschichte "Der böse Wolf und Rotkäppchen", eine Neufassung des berühmten Märchens, Alternativen und Ersatzteile für einige sprachliche Wendungen, die möglicherweise aus Gründen der Zensur Ihrer ehrenwerten Schere zum Opfer fallen könnten. Ihre Zeitung ist für die hohe Wertschätzung bekannt, die sie dem Werk ihrer Autoren erweist und berühmt dafür, keinen einzigen Buchstaben zu streichen, ohne das Einverständnis und die Erlaubnis der Autoren eingeholt zu haben. Ich danke Ihnen ganz herzlich für Ihren Brief und antworte auf Ihren Vorschlag mit dieser Geschichte. Bitte beachten Sie die sprachlichen Wendungen zwischen den Anführungszeichen. Vielen Dank im Voraus für die Veröffentlichung meiner Geschichte.
0. Vielleicht monieren Sie den Satz: "Rotkäppchen bestach den am Waldrand auf der Lauer liegenden Wachhund mit einem Stück Fleisch von dem Proviant, den sie für ihre Großmutter mit sich trug". Man könnte ihn ersetzen durch: "Sie überreichte ihm ein Honorar oder ein Geschenk", oder was Sie für angemessen halten.
1. Der Satz "Der Hund bellte ihr ins Gesicht und tobte" könnte möglicherweise Opfer einer Streichung werden. Sollten Sie einen unerfreulichen Geruch daran wahrnehmen und darunter einen Hinweis auf die Abscheulichkeit einiger Polizeiangehöriger gegenüber ihren Untertanen verstehen, könnte man ihn ändern in: "Er lächelte ihr ins Gesicht und wedelte willkommen heißend mit dem Schwanz."
2. Vielleicht missfällt Ihnen der Satz "Die Ente der Großmutter wackelte vor dem Eintreffen des Wolfes im Hof des Hauses erfreut mit dem Hinterteil", und er wird dazu verurteilt, zerstückelt und wechselseitig gekreuzigt zu werden. Man könnte ihn ersetzen durch: "... sie wackelte erfreut mit dem Schwanz ...", da der erste Ausdruck vielleicht als sexuelle Anspielung verstanden werden könnte, die die unbefriedigten Leser erregt, was wiederum den Zorn der Konservativen und Tugendwächter der Nation hervorruft, wodurch die Stabilität des Landes und die Sicherheit der Diener Gottes bedroht werden.
3. Wenn Sie sich durch den Satz "Der böse Wolf stieg aus seinem schwarzen Auto und drang in das Haus der Großmutter ein" bedrängt fühlen, schlage ich folgende Version vor: "Der gute Wolf kam aus seiner Behausung oder aus seinem Nest und betrat das Haus der Großmutter, nachdem er die wie ein Vögelchen zwitschernde Klingel betätigt und eine Genehmigung der Staatsanwaltschaft eingeholt hatte."
4. Die Formulierung "Der mit Großmutters Gewand verkleidete Wolf stürzte sich auf Rotkäppchen ..." könnte ausgetauscht werden gegen: "Rotkäppchen stürzte sich auf den guten Wolf und verschlang ihn mit einem Biss", denn der Bürger, und nicht der Verantwortungsträger ist möglicherweise der Grund für all die Geißeln, die die Heimat heimsuchen.
5. Ich habe nichts einzuwenden gegen eine Änderung der Gattung des Richters, an den sich Rotkäppchen und der Wolf zwecks Herbeiführung einer Entscheidung wenden, und zwar von einem mörderischen Krokodil in ein Flusspferd oder einen sanftmütigen Hasen.
6. Vielleicht finden Sie die Version "Das Gericht verurteilte den Wolf in Anwesenheit zu einer Million Jahre Gefängnis mit Vollstreckung der Strafe und rehabilitierte die Mädchen, die der Wolf vergewaltigt und sodann verspeist hatte, forderte eine Entschädigung für sie sowie die Rückgabe der gestohlenen Reichtümer des Waldes ..." hart und willkürlich in dieser kritischen Phase unserer Geschichte, in der wir alle nationale Energie benötigen - auch die der Diebe und Räuber, insbesondere, weil jene schließlich Erfahrung haben. So opfern Sie vielleicht diesen Satz, und deshalb könnte er geändert werden in: "Das Gericht verurteilte die Klägerin Rotkäppchen in Anwesenheit gemäß Ausnahmezustandsgesetz zu Gefängnis (setzen Sie die Zeit ein, die Sie für angemessen halten) oder zu einem Urteil ohne Berufung wegen Verleumdung und Schmähung einer angesehenen und respektierten verantwortlichen Persönlichkeit, ohne über Beweise oder Dokumente zu verfügen. Wäre sie schließlich nicht barhäuptig und herausgeputzt aus dem Haus gegangen, um ihre Großmutter zu besuchen, und das an einem so regnerischen Tag, an dem noch nicht einmal die hungrigen Vögelchen ihr Nest verlassen, dann hätte sie auch nicht den Wolf dazu verführt, ihre auf dem Sterbebett liegende Großmutter zu verschlingen mit ihrem alten, zähen und unverdaulichen Fleisch, das so schwer zu kauen war, dass die Zähne des ehrenwerten Herrn Wolf noch lange darunter zu leiden hatten. Das Gericht sprach den Wolf frei und wies die Klage der Klägerin Rotkäppchen zurück, und infolgedessen auch ihre Klage, er habe vorsätzlich versucht, sie zu verschlingen."
So nimmt die Geschichte - wie alle Fernsehserien - einen glücklichen Ausgang, denn der Zustand der verzweifelten Nation ist nicht dazu angetan, eine solche Verbitterung oder Störung zu ertragen.
Ich höre Sie dies beinahe sagen. Vielleicht kann man auch noch die Formulierung hinzufügen "Agentin für das Ausland oder für ausländische Interessen oder für den Kolonialismus". Diesen Vorwurf könnte man auch der Großmutter noch anhängen - der Apfel fällt nicht weit vom Stamm -, um die Geschichte noch überzeugender und realitätsnaher zu gestalten.
7. Die Geschichte ist, wie Sie sehen, mein werter Redakteur, in dem symbolischen Stil von Kalila und Dimna geschrieben, überladen mit Symbolismus, Anspielungen und Verschleierungen, um der Schere des Zensors zu entgehen sowie seinem möglichen Weitblick und seiner Fähigkeit zu lesen, was hinter den Zeilen steckt. Manchmal, außer bei Ihrer hochgeschätzten Zeitung, geht er sogar noch weiter als nur zu streichen, er informiert noch andere Stellen, die nicht das Geringste mit Kultur zu tun haben, um den Autor zu verfolgen und zu bedrängen und festzunehmen. So ist es beispielsweise dem Schriftsteller (...) ergangen. Dementsprechend habe ich nichts dagegen, wenn man die folgende Anmerkung unter die Geschichte setzt: "Übersetzt aus dem Türkischen". Oder: "Kurzgeschichte des türkischen Satirikers Yawasch Yawasch Bascha". Oder "Cetin Ouglu". Es ist Ihnen auch gestattet, den Titel zu ändern in "Der Herr Wolf und seine ehrenwerte Gemahlin Rotkäppchen". Sie dürfen auch meinen Namen als Autor oder Übersetzer streichen, denn ich bin in der Lage – mit etwas Mut und dem Willen zu sparen – auf das symbolische Honorar zu verzichten, trotz meines großen Hungers und meiner Armut, die mich alsbald zwingen wird, betteln zu gehen. Am Ende weiß doch mindestens ein einziges Geschöpf, dass es meine Geschichte ist, und dieses Geschöpf ist meine Frau, die mich – vielleicht – nach der Veröffentlichung in der ursprünglichen oder in der mit den oben erwähnten Ersatzteilen verwendeten Fassung, respektieren wird. Sie wird endlich aufhören oder zumindest darin nachlassen, mich an dem geringen Lohn meiner Arbeit und meiner Unfähigkeit und meiner Bedeutungslosigkeit inmitten meiner Heimat zu messen ...






