Leseprobe

Alia Mohammed Shuaib

(Kuwait)

Warten auf den Zug
aus dem Erzählband Eine Frau heiratet das Meer
Übersetzt von Katja Brinkmann



Seine glühenden Blicke treffen sie an der kalten Schulter. Am Gleis drängeln sich Leute, um in den Zug zu steigen. (Der Anblick von rauchenden jungen Mädchen mit langen Zigaretten und Halbwüchsigen, die mit ihren Händen unter die Miniröcke langen, überrascht sie nicht mehr. Sie hatte begonnen, sich vorzustellen, die glatten Oberschenkel der Mädchen seien die Verlängerung dieser nach Grün duftenden Hände.)

Sie betrachtet den Schaft des eleganten Glases mit dem Limettensaft eingehend, geht dem eckigen Schliff nach. Vermißt es, mit sich alleinzusein.

Die Gedanken wühlen ihr durch den Kopf. Die stechenden Pickel an Hals und Armen verhindern jedoch, dass sie sich konzentrieren kann. Trinkt Saft. Greift nach dem Eiswürfel. Lutscht ihn. Reibt ihn zwischen den Händen. Fährt mit ihm über Gesicht, Stirn, Arme. Legt ihn kurz auf dem Schlüsselbein ab. Dann weiter über die Kante vorne zur anderen Schulter. Reibt ihn noch einmal in den Händen. Fühlt, wie ihre Brust es nicht erträgt, dieses Aufbäumen galoppierender schwarzer Pferde hin auf ein entferntes Wasser – das Wasser des Himmels.

Atmet durch.

Blickt auf die Uhr, noch viel Zeit. Kommt auf dem Rohrstuhl völlig zur Ruhe. Wendet ihr Gesicht der Sonne zu. Läßt sich von ihr den in rosenhafter Anmut brennenden Körper salben. Schließt die Augen. Fängt wieder an zu denken, die Gedanken wühlen erneut in ihrem Kopf. Denkt an das Gesicht desjenigen, der sie am anderen Gleis erwarten wird und den wichtige Termin zum Mittagessen. Versucht sich auszuruhen. Kommt völlig zur Ruhe. Fühlt, dass sich ihr Körper gänzlich von dem trennt, was um ihn herum ist. Wird durchlässig. Wird leicht, weich, kühl. Die Arme rutschen vom Stuhl, freier Fall für Momente. Der Kellner weckt sie, als er das Glas auf das Tablett stellt. Sie reibt sich das Gesicht. Gibt ihm Geld. Der Zug fällt ihr ein. Sucht in der Tasche nach dem Fahrschein. Nimmt ihn zur Hand. Schaut auf die Uhr, nur noch ein paar Minuten.

„So ist es besser!“

Steht da. Die Tasche in der Hand. Setzt die dunkle Sonnenbrille auf. Geht. Wie ein Schlag trifft sie sein Blick durch die undurchdringliche Brille. Geht langsamer. „Als ob ich ihn kennen würde.“ Läuft weiter, hört, wie sein Stuhl sich hinter ihr bewegt. Außerhalb der Haltestelle sitzen Leute verstreut auf Stühlen. Geht in den Saal, der scheußliche Gestank erschlägt sie fast, schaut auf die Anzeigetafel (Zugnummer, Abfahrt, Gleis).

Spürt, wie er mit seinen Blicken lechzt. Sein schlanker Wuchs windet sich um sie, der Duft seines noch ungeborenen Kindes hüllt sie ein. Er kommt näher. Die Strahlung seines Körpers läßt sie schaudern. Kann nicht widerstehen sich umzudrehen. Seine grünen Augen springen ihr ins Gesicht. Sie hört ihre Poren um Hilfe schreien. Hau ab! Setzt sich am Gleis nahe der Wand. „Wann kommt der Zug, damit ich von ihm wegkomme.“ Streckt ihre Beine aus. Lehnt sich mit den Armen rücklings an, bewegt die Füße spielerisch hin und her. Er zwängt sich zwischen sie und die angrenzende Wand. Fest wie ein Stein. Steckt sich eine Zigarette in den Mundwinkel, bietet ihr eine an. Sie taucht in seinen Kinderaugen ab. Streckt ihren Kopf hin und nimmt die Zigarette mit den Lippen. Die Arterien sind ihr hart geworden. Fühlt sich an wie ein Gerüst aus blankem Eisen. Bläst den Rauch vor sich hin und rollt sich ein, holt die Kniee heran. Sein Rauch zieht an ihrem Hals vorbei, sie lächelt. Er spricht eine Sprache, die sie nicht versteht, spielt mit den braunen Locken. Sie saugt den Duft des Kaffees ein, der sich über ihre Schulter ergießt, wendet sich ihm zu. Er pustet ihr ins Gesicht, sie schließt die Augen. Zieht sie an den Haaren. Es schmerzt. Der Zug wird stärker, mit einem Ruck windet sie ihren Kopf aus dem Griff.

Steht auf. Tritt die Zigarette vor seinen Füßen aus. Ordnet ihre Frisur. Dreht sich um. Das Gellen des auf sie zufahrenden Zuges schreckt sie auf.

„Spring’ doch!“