Arwa Uthman
Wie es Hamādi Al Alflah gelang, die Dschinnen
zu fesseln und zu holen (Auszug)
Aus dem Erzählband
Es passiert im Land Tinka, dem Land der Geheimnisse
Übersetzt von Hartmut Fähndrich
Angesichts von Hamādi Al Aflah´s Mut hielten die Leute verblüfft inne, teils spöttisch, teils ungläubig. Wie sollte dieser Hamādi, der Sohn des Hallāb und der Sa’ba, imstande sein, Tinka vor der Niedertracht der Dschinnen zu retten, ja, diese mit gebundenen Händen und Füßen heranzuführen? Doch an dem Tag, an dem er auf den Berg hinaufsteigen sollte, versah ihn der Sultan mit Zehrung und Waffen.
Ja er schenkte ihm sogar ein kräftiges Pferd.
Die Leute warteten, hin und hergerissen zwischen Furcht, Sorge und Freude und auf das Schlimmste gefasst. Die meisten glaubten nicht, dass Fulaihān, „der kleine Aflah“, wie ihn manche gern nannten, ihre Rettung sei, einige jedoch priesen ihn sogar schon als einen Helden, weil während seiner Abwesenheit die nächtlichen Attacken spürbar zurückgegangenen waren.
Nach Ablauf von zwei Tagen und zwei Nächten kam Hamādi Al Aflah zerzaust und verstaubt zurück. Sein Körper war mit blutenden Wunden und Rissen übersät. Die Leute schauten und suchten überall – rechts, links, vor und hinter ihm-, um die Dschinnen zu sehen, doch sie sahen nichts als Hamādi Al Aflah selbst. Nun prasselten Worte des Spotts und der Häme heftiger als je zuvor auf ihn herab, und das Oberhaupt des Schatzhauses von Tinka bemerkte:
„Wie soll auch Al Aflah, der Sohn der Sa´ba, die Dschinnen umbringen, er, der nicht einmal imstande ist, den Irdān zu töten.“ Doch als der Sultan den Scharfrichter rief, um Hamādi den Kopf abzuschlagen, lächelte dieser breit und fragte:
„Warum diese Hast, Herr? Ich habe euch und die Bewohner von Tinka von den Dschinnen erlöst, ja, ich habe sie hergebracht, gebunden, vernichtet und auf den Knien. Von heute an werden sie nicht mehr dreist und aufsässig sein.“
Da geriet der Sultan vor Zorn außer sich, und die Leute warfen ungeduldige Blicke auf die Stelle und jedes Ding. Doch nirgends sahen sie einen gebundenen Dschinnen; nicht einmal einen freien.
„ Ich sehe nichts als deine Clownerie, du Tor“, rief der Sultan mit weithin vernehmbarer Stimme.
Doch Hamādi Al Aflah hockte sich ungerührt hin, öffnete seinen Beutel und holte ein langes schwarzes Bündel Haare hervor.
Nun konnte sich der Sultan nicht länger beherrschen. Er sprang auf und tobte und befahl dem Scharfrichter, Tinka vom Spott dieses tumben Fulaihān zu erlösen.
„Warum, Herr?“ fragte da Hamādi den Sultan mit traurigem Blick. „Ich habe Euch wirklich den gefesselten Dschinnen gebracht. Seht doch. Herr, und auch ihr, Leute, schaut doch. In jedem dieser Haare sind drei Knoten. An jedem einer und ein großer in der Mitte. Dieses geknotete Haar ist der Dschinn. Jawohl. Der Dschinn. Pro Dschinn ein Haar. Schaut genau hin. Jeder Dschinn ist gebunden – nicht mit einem Knoten und nicht mit zwei, sondern mit drei.
Nun werdet ihr fragen, welche Verbindung zwischen dem Dschinnen und dem Haar besteht, und wo der Dschinn denn eigentlich ist. Das sollt ihr sofort erfahren:
Als die Dschinnen mich hinaufsteigen sahen, erkannten sie meine Absicht und verwandelten sich flugs in feste Haare in der Erde. Da machte sich Euer Diener Hamādi Al Aflah, der Sohn der Sa’ba, oder wie mich einige von euch liebvoll nennen „der kleine Aflah“, daran, sie an ihren Wurzeln abzuschneiden und sie mit diesen kräftigen Knoten fest zu knüpfen, damit sie ihre Kraft verlieren.






