Leseprobe

Farid Ramadan

(Bahrain)

Prosatext
Übersetzt von Christian Buck



Ich sagte: „Ich sehe doch, wie die Kinder sterben, die so alt sind wie ich!“

Es war furchtbar. Überall war Blut, es klebte an meiner Kleidung, meine Oberschenkel waren blutverschmiert, es floss über den Boden und breitete sich langsam aus. Ich glaube, man kann nichts tun außer warten und voller Angst auf die Stimme des Schmerzes hören, der die Leere ausfüllt. Die Zeit war zerstückelt wie in einem langen Traum. Den Weg in die Zukunft, die auf ein Mädchen in meiner Lage wartet, fand ich kaum noch. Alles war eingeschrumpft und dunkel, nur nicht die Eigenarten des Blutes und des Schmerzes. Ich hatte die Verbindung zu allem, was geschah, verloren: Regen fiel, der später unbarmherzig von der Augustsonne verdrängt wurde. Einmal kam der Wind. Ein andermal strahlte die Sonne bereits beim Aufgehen vom klaren Himmel. All das spielte sich in meinem Inneren ab, nicht in der Außenwelt. Alles, was ich sah und fühlte, entstand in mir, jetzt, in genau diesem Moment. Die Dinge lebten mit mir, nicht mit der Zeit. Alles war jetzt Gegenwart, solange ich in der Lage war zu atmen.

Ich fragte die alte Frau, die neben mir saß und mich in den Armen hielt, ohne sich dabei um das hervorquellende Blut zu kümmern: „Wie geht es mir, Tante?“

„Es steht schlecht, mein Liebling.“

„Muss ich sterben?“

„Ich glaube ja, mein Kind.“

„Das ist so traurig, Tante... Kannst du mich ganz fest in deinen Armen halten?“

„Hab’ keine Angst, Liebes, ich bin stark genug. Sollte es so weit kommen, werde ich sogar den Tod von dir abwehren.“

„Ich glaube, das schaffst du nicht.“