Leseprobe

Hassan Riad

(Marokko)

Der Gesandte (Auszug)
Übersetzt von Imke Ahlf-Wien

Vor dem Abendgebet hörte ich seine Stimme. Ich steckte die alte Geburtsurkunde in die Tasche meines Mantels und ging hinaus.

„Warum bist du hinausgegangen?“

„Mein Nachbar hatte die Geburtsurkunde seiner Schwester auf die Schwelle der Holztür gelegt und war verschwunden.“

Meine Mutter hatte gesagt: ‚Mit seiner Schwester verschwand auch sein Verstand. Gott allein weiß, auf welcher Seite sie jetzt schläft – sie wird ja wohl nicht für immer aufgestanden sein. Sie hatte meine Großmutter getroffen, versunken in Schweigen.’ Das hatte sie zuvor zu ihr gesagt.

Morgens hatte ich sie besucht. Ich hatte mich ihr genähert, bis sie schwerfällig ihren Oberkörper hochhievte. Sie hatte es gesagt, ohne meine Hand im Standesamt zu lassen – fast hätte ich gelacht. Kaum hörte mein Bruder meinen Namen, eilte er auch schon herbei und brachte mich zu diesem albernen Hochzeitsthron. Sie legte mir wie gewohnt Dokument und Stift vor und zeigte mir, wo ich unterschreiben sollte. Doch meine Finger waren wie gelähmt. Es gibt etwas, was ich nicht beherrschen kann: Wann immer mir befohlen wird, etwas zu unterschreiben, fühle ich ein warmes Rinnsal zwischen den Schenkeln.

Die Arme lächelte und schüttelte sanft den Kopf.

Ich lächelte auch. „Nach einigen Minuten fühlte ich mich sehr schwer.“ Als sie das Bett anstarrte, fügte ich hinzu: „Kaum hatte mein Bruder mich in das gemietete Auto gesetzt, da atmete ich tief durch, und mir wurde bewusst, dass alles zu Ende war.“

„Ist denn jetzt wirklich alles zu Ende?“, fragte sie.

„Nein, nein!“, antwortete ich rasch, obwohl ich das Durcheinander bemerkte.

Und bevor ich mich von ihr verabschiedete, trat mein Bruder ein und zählte das Geld für die Arznei ab. Ihr trauriges Herz zog sich zusammen. Sie begriff, dass das Geld nicht ausreichte für das weiße Leichentuch, um der Schwärze der Erde entgegenzutreten.

 

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