Zarour, Munir

Munir Zarour

(Palästina)

“ Wir stehen jeden Morgen auf, starren unsere Identität an, drehen sie um unsere zehn Finger, nehmen sie auseinander, um sie am Abend wieder zusammenzusetzen. Am nächsten Tag dasselbe. Und weil unsere Geschichte noch frisch ist, sind Wirkung und Stimme der minimalen Prosa, die ich schreibe, noch intensiv und nicht durch eine großangelegte Narration verwischt worden.“

Geboren wurde Munir Zarour 1970 in Jenin, in einer Familie, die 1948 aus Biessan vertrieben wurde. Der Vater arbeitete als fliegender Gemüsehändler. Trotz seiner bescheidenen finanziellen Möglichkeiten finanzierte er seinen acht Kindern eine Hochschulausbildung. Nach dem Studium der Erziehungswissenschaften und der arabischen Literatur schreibt Zarour zur Zeit seine Magisterarbeit an der Brüsseler Schule für internationale Studien. Er arbeitete im Bereich Druck, Design und Filmproduktion.

Seiner Meinung nach ist die Exilliteratur ein wesentlicher Teil der palästinensischen Literaturen. Diese leben heute vor allem aus dem Spannungsmoment zwischen den heimgekehrten und den im Land gebliebenen Schriftstellern. Letztere konnten sich mit den Befreiungsvorstellung der Exilanten nicht identifizieren und entdeckten für sich Themen der konkreten Wirklichkeit sowie der Phantasie, die auch für Munir Zarour eine große Rolle spielen.

Schrei der Enden verknüpft einzelne Geschichten durch ein Gefühl von Isolation und Bewegungsunfähigkeit, welche die große Enttäuschung nach dem Osloer Abkommen wiederspiegelt.

Zur Zeit arbeitet der Autor an seinem ersten Roman. „Der Ruhende“. Ausgangspunkt ist eine von ihrem Mann verlassene Frau, die ein Kind erwartet. Dieses gilt jedoch nicht als unehelich, da es in der Zeit gezeugt wurde, als der Vater noch anwesend war. Jahrelang blieb das Kind im Leib seiner Mutter, um schließlich doch noch zur Welt zu kommen. Dieser Volksglaube ist in verschiedenen arabischen Ländern, besonders im Maghreb, verbreitet.

Beschara ist als ein Ruhender zur Welt gekommen. Sein „Vater“ war vor Zeiten zwangsrekrutiert worden, um im Heer des türkischen Sultans zu kämpfen. Er wächst im Glauben auf, eines Tages ein Prophet zu werden, beweist zunächst aber sein Talent als Märchenerzähler. Schließlich sieht er sich vor die große Frage gestellt: Märchenerzähler oder Prophet? Soll er sich vielleicht gar der Liebe einer Frau hingeben oder ist es seine Pflicht gegen die Engländer zu kämpfen?

So sehr sich der Leser an die Geschichten von Tausendundeine Nacht erinnert fühlt, werden hier die existenziellen Fragen aufgeworfen, die einen Palästinenser immerzu beschäftigen. Munir Zarour sieht hier die Wahl zwischen einem kleinen Leben oder einem großen Schicksal, zwischen dem Märchenerzähler oder dem Propheten:

„Die kleinen Dinge und die großen Ereignisse - das Persönliche und das Politische sind die Elemente, die die palästinensische Identität konstituieren.“

 

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