Munir Zarour
Raania
Aus dem Erzählband Der Durst der Heiligen
Übersetzt von Helene Adjouri
Auf der Hauptstraße versuchte Raania zu verstehen, warum sie urplötzlich vom Bürgersteig zur Mitte der Strasse stürzte, bevor sie am Leuchtturm angelangte. Sie ist nicht die einzige, denn alle machen es so. Von den Bürgersteigen, die den Leuchtturm umgeben, herunter zur Mitte der Straße hin, zum Leuchtturm hin und von ihm weg in alle Himmelsrichtungen! Liegt es am Leuchtturm? An den Menschen? Oder an den Bürgersteigen, die mit eisernen Gittern umgrenzt sind, um die Menschen an genau diesem Verhalten zu hindern?
Raania murmelte etwas, als sie vor ein Auto sprang. Der Fahrer brachte es sanft zum Stehen – als sei er in einem «Atari»-Spiel und auf Überraschungen gefasst: «Das ist die Phobie des Abgesperrt-Seins. Eines der Details, die mein Leben bestimmen.»
Die Polizisten versuchen hin und wieder, den Verkehr zu regeln.
Sie verfolgen die Menschen, um sie auf die Bürgersteige zu drängen. Ihre Backen plustern sich auf, während sie in ihre Trillerpfeifen blasen, im Versuch, das Hupen der Autos zu übertönen. Aber der Reiz des Heil versprechenden Leuchtturms ist stärker als ihre Trillerpfeifen, die Menschen laufen weiter hin und her.
Sie war gerade im Begriff, ein letztes Mal zu springen, als sie ein Kneifen in ihrem Po verspürte. Sie schrie auf und sprang in die Luft, vor ein stehendes Auto: «Du Hundesohn! Ich werde zurückkehren und den, der mich gekniffen hat, verfolgen!».
Als Raania sich umdrehte, konnte sie den Kneifer nicht erkennen: «Hurensöhne! Springen wie die Affen herum!«
Sie streckte ihre Hand nach einem kleinem Beet aus, das sich im Inneren des Leuchtturms befand, und pflückte ein Gänseblümchen. Es war eine Kreuzung. Sie roch daran und erblickte den Polizisten, der auf dem Bürgersteig auf der anderen Seite des Leuchtturmes stand. Er pfiff und bedeutete ihr mit den Händen, stehenzubleiben. Sie roch noch einmal an der Blume und warf sie ihm mit einer höhnischen Geste entgegen – als ob sie jemanden gefunden hätte, an dem sie ihre Wut auslassen kann. Die Blume fiel vor die Motorhaube eines Autos, in dem neben dem Fahrer zwei Kinder saßen, die eine Schuluniform trugen.
Dieser Zufall ließ Raania lächeln, sie blickte nun zuversichtlich in den Tag. Sie schien größer geworden zu sein, als sie zwischen den Autos umhersprang, gegenüber dem Leuchtturm, auf der Straße des «Fischladens Palästinas».






