Leseprobe

Mohammad Sanajleh

(Jordanien)

Aus dem Roman Die Schatten des Einen

Übersetzt von Nuha Sarraf Forst und Angelika Rahmer



Ich breitete meine Schwingen aus und schwebte. Ein Himmel hob mich empor und ein anderer setzte mich ab, bis ich ein Land erreichte, an dessen Himmel geschrieben stand: „Digitaler Phantasiestaat“. Ein Staat aus Phantasie ist so wie ich, sagte ich mir; warum sollte ich ihn nicht betreten? Vielleicht finde ich dort Gewissheit. Also ging ich hinein und sah, dass er aus neun Grundelementen bestand, von denen jedes nummeriert war: Grundelement des Ersten, des Zweiten, des Dritten ..... Ich rannte an allen vorbei, bis ich das neunte erreichte. Ich werde hineingehen, sagte ich mir, vielleicht kann ich mich dann vor der Verwirrung retten. So klopfte ich an die Tür, die sich gehorsam und ohne Harm öffnete. Ich trat ein, wobei ich beständig die Formel „Es gibt keine Kraft und Stärke außer bei Gott“ wiederholte und Gott um Zuflucht vor den Ziffern und den Zahlenteufeln bat, bis ich in einen merkwürdigen Garten gelangte, der sich in neun Abschnitte aufteilte. Jeder Teil war mit einer merkwürdigen Sorte digitalen Obstes bepflanzt, wie ich es vorher noch nie gesehen hatte. Ratlosigkeit überfiel mich, und mein dritter Verstand zweifelte an dem, was ich sah. Ich sagte, in welcher Angst ich doch lebe und bat Gott um Hilfe, und dass er mir verzeihen und mir seine Gunst schenken möge, als plötzlich aus der neunten Tür ein glühender Strahl herausschoss, auf dem ich wie ein kleiner Vogel davongetragen wurde. Das bemerkte ich jedoch erst, als ich mich schon mitten in einem Urwald blauer Spiegel befand, in deren Mitte jeweils ein Baum stand. Jeder Baum glich dem rotierenden Planeten, dessen Licht kranke Seelen heilt. „Gott sei gelobt!“, sagte ich. Mein dritter Verstand setzte sich zweifelnd und misstrauisch in Bewegung. Und so sagte ich mir, ich solle wohl lieber dem Zweifel durch Gewissheit ein Ende bereiten und ging auf den Spiegel zu, um die Früchte der Bäume zu pflücken und damit meinen lodernden Zweifels auszulöschen. Doch als ich meine Hand ausstreckte, tauchte sie in den Spiegel ein wie in Nebel. Mein Gott, ich bin verloren, sagte ich, setzte mich hin und beweinte mein Schicksal. Und während ich so jammerte und wehklagte, erschien vor meinen Augen ein anmutiger alter Mann. Auf dem Rücken eines digitalen Esels streifte er zwischen den Bäumen umher. Wie ein Ertrinkender, der sich an einem Strohhalm festhält, rief ich: „Mein Herr ... mein Herr … rette mich!“ Er wandte sich um. Sofort bemerkte ich, dass ich mich in der Anwesenheit des berühmtesten Erzählers, des Meisters aller schöpferischen Persönlichkeiten, dem Wunder aller Zeiten und dem edelsten aller Schuldirektoren, meinem Lehrer und Vorbeter Bel Ibn Ghites befand. Eine nie gekannte Freude überfiel mich, und gerade wollte ich mich bittend und demütig in seine Arme werfen, als ich mich des Rates meines Scheichs Ibn Arabi entsann und davon absah. So sagte ich einfach: „Rette mich, mein Herr .... rette mich“

Besorgt erwiderte er: „Welches Unglück ist dir zugestoßen, dir, der die dritte Dimension besitzt? Weinend sagte ich: „Die Phantasie spaziert in meinen Zellen umher, und das Feuer des Zweifels verzehrt mich.“ Lächelnd sagte er: „Mein Sohn, die ganze Welt ist Illusion im Geist des Schöpfers. Komm her zu mir!“

Als ich mich ihm näherte und direkt vor ihm stand, kam es mir so vor, als blicke ich auf ein Bild in einem Hohlspiegel. Ich sagte: „Mein Herr, sind Sie es wirklich selber oder eine weitere Illusion meiner dritten Verstandesdimension?“ Da brach der digitale Esel in schrilles Gelächter aus, das mich erschaudern ließ, und ich sagte: „Mein Herr, hilf mir, mein dreifacher Verstand ist im Begriff verrückt zu werden!“

Da fragte er: „Bist du ihrer überdrüssig?“, und ich sagte: „Ja, bitte gib mir meinen ersten Verstand zurück, ich will nichts anderes als ihn!“ Lächelnd nickte er und sagte: „Dein erster Verstand ist Aberglaube, dein zweiter ist schöpferische Illusion und dein dritter Wissen - aber ohne Gewissheit. Nimm einen vierten Verstand, vielleicht wirst du mit ihm Ruhe finden. „Ja, ich möchte Ruhe finden“, erwiderte ich. Mit seiner Hand berührte er meinen Kopf, so dass sich mein Gehirn öffnete. Er schob eine sehr kleine Diskette in der Größe eines Mikrochips hinein und verschloss die Stelle wieder. Dann streckte er seine Hand in den Raum, der sich zu einer kleinen Tastatur verwandelte. Als er leicht darauf drückte, hellte mich auf einmal eine heitere Gesinnung auf. … Ich bin gereinigt ... ich bin gereinigt ... ich bin gereinigt. Um mich herum war alles durchsichtig geworden, als befände ich mich in einem kristallinen, durchsichtigen Endzustand. Alle Kreaturen wurden für mich so klar, dass meine Augen sie durchdringen, sie von allen Seiten betrachten konnten, so dass sie ihre Geheimnisse als geometrische Formen – kubisch, quadratisch und zylindrisch - preisgaben. Aus einem Ding wurden mit einem Mal mehrere Erscheinungen und aus einem Universum wurden mehrere Universen. Ich starrte die Welt an und fand sie als Aufeinanderfolge von Ziffern in endlosen geometrischen Ketten. Die Vergangenheit ging in die Gegenwart, die Gegenwart in die Zukunft über. Und alle verschiedenen Zeiten bildeten das Integral in einer einzigen Zeit, und diese einzige Zeit ging als Differential in die Unendlichkeit über. Erstaunt über alles, was ich vor mir geschehen sah, hörte ich plötzlich die Stimme meines Scheichs Ibn Ghites. Ich schaute hin und sah, dass er die Gestalt meines Lehrers Ibn Arabi angenommen hatte. Ich rieb mir die Augen und öffnete sie wieder. Er lächelte und sagte: „Hast du es gewusst ...?“

 

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