Mohamed Khalafalla Syliman
Der König
Aus dem Erzählband:
Marginalien aus dem Leben des Hamal Nubi
Übersetzt von Christian Buck
Mein Vater hatte die Hände auf die Wangen gelegt und betrachtete die vierundsechzig Quadrate. Dasselbe tat sein Gegenspieler. Ich beobachtete sie von einem Versteck aus, das mir einen ungehinderten Blick auf das Spielfeld ermöglichte. Mein Vater zündete sich eine Zigarette an, dann verharrte er wieder regungslos. Die beiden merkten nichts von meiner heimlichen Anwesenheit.
Wie gewöhnlich hatte sich mein Vater für die schwarzen Figuren entschieden. Aufrecht und majestätisch stand der schwarze König da. Der Ort des Geschehens leerte sich zusehends von den blutüberströmten Bauern, einer nach dem anderen fiel und ergab sich außerhalb des Schlachtfeldes in ein dunkles Schicksal. Das schwarze Pferd wieherte. Es verendete und wurde aus der Arena geschleudert. Mein Vater senkte traurig sein Gesicht. Der Weißhaarige lachte zunächst, dann begann er zu jammern. Die geschlagenen Figuren lagen verstreut umher. Die getigerte Katze hockte sich mit angezogenen Beinen auf den Stuhl und beobachtete schweigend das Spiel. Der Gegner meines Vaters murmelte etwas, das ich nicht genau verstand. Die Dame meines Vaters stieß auf den gegnerischen Turm herab und brachte ihn zu Fall. In einer Wolke ging die Asche der Zigarette auf den Sitz des Stuhls nieder. Die Katze schüttelte sich. Bis auf wenige standhafte Figuren war das Brett jetzt leer. Der Gegner meines Vaters sagte, daß er nicht zur Arbeit zurückgehen werde, solange sein unmittelbarer Vorgesetzter da sei: „Entweder er oder ich!“
Das folgende Schweigen bereitete einer weiteren Figur ein gnädiges Ende. Mein Vater sagte: „Ich werde auch nicht zurückgehen.“
Ich konnte mir diesen unmittelbaren Vorgesetzten von ihnen nicht vorstellen – war er ein König, eine Dame, ein Pferd, ein Turm oder ein Läufer? Mein Vater redete von Beförderungen und wie er dabei übergangen worden war. Sein Gegner führte eine Bauernaufwertung durch, um noch einmal ins Spiel zu kommen. Dank seiner glanzvollen Rückkehr konnte der Turm die meisten der verbliebenen Figuren niedermachen. Mein Vater hüllte den Gegenspieler in Rauch. Ich überließ mich in meinem Versteck dem Schlaf.
Am Morgen hörte ich das Hupen des Autos mit den Angestellten. Ich streckte den Kopf aus dem Fenster und beobachtete alles genau. Der Gegner meines Vaters hockte mit angezogenen Beinen auf dem Rücksitz des Autos wie unsere getigerte Katze. Mein Vater ging nicht zur Arbeit. Der schwarze König erbleichte auf dem Brett. Sein Blut rann an ihm herunter. Er blickte ernst. Er war einsam.






