Leseprobe

Osman Shinger

(Sudan)

Aus Dicht bevölkerte Abgeschiedenheit

Übersetzt von Christian Buck

Seit zehn langen Jahren hatte er ein Messer in seiner Tasche, nie zog er es gegen irgend jemanden. Er benutzte es, um Zwiebeln zu schneiden, um Fleisch zu zerteilen und alle möglichen anderen Verrichtungen im Masid, der Sufigemeinschaft. Abd al-Mahmud überstürzte nichts, als er mit seinem spirituellen Meister unterwegs war zu den Grabkuppeln der Meister am Weißen Nil, drei Tage über offenes Land. Er war ruhig, er hatte ein Messer in der Tasche, das er nicht zog. Am Anfang sagten die Schüler des Meisters zu ihm, dass die Unternehmung lange dauern würde, dass sein Körper das nicht mehr aushalte. Sie wollten das Wissen für sich selbst. Doch der Meister hatte ihn und niemand anderen ausgewählt. Er hatte gesagt: „Abd al-Mahmud, du bist noch nie mit mir gereist. Ich will, dass du mich dieses Jahr begleitest.“ So ging er mit ihm, er war wie berauscht. Aber der Meister starb auf dem Weg. Er starb und stand wieder auf! Er stellte ihn auf die Probe, führte ihn ein in die Prüfung. Alle Schüler wurden mit ähnlichen Prüfungen und Wundern konfrontiert. Aber so etwas hatte er noch nie gehört oder gesehen.

Den Meister durch das offene Land zu begleiten – nichts konnte dem gleichkommen. Der Meister vertraute ihm Dinge an, die unmöglich in der Betriebsamkeit des Masid, im Wirbel des Dhikr, der zeremoniellen Gottsuche, hätten ausgesprochen werden können. Dies war ihm vom Schicksal vorherbestimmt. Warum sonst hätte der Meister darauf bestanden, dass Abd al-Mahmud ihn dieses Jahr begleitete? Jedes Jahr wählte er den Ältesten von ihnen. Dieses Jahr hatte er sich für Abd al-Mahmud entschieden. Einige der Schüler waren wütend, andere zeigten sich nach außen hin demütig. Abd al-Mahmud hatte nichts forciert. Es war einfach so, daß das Schicksal ihn der Prüfung unterziehen wollte: Tod und Wiederauferstehung. Als wäre es ein Spiel, das der Meister mit ihm spielte. Er war vor dem Abenteuer und seiner Neigung, die Gefahr herauszufordern, ins Masid geflohen. Und plötzlich war das Abenteuer da. Von seinem Rückzug ins Masid hatte er sich Ruhe für seinen Körper und seinen Geist versprochen. Er hatte ein Messer in der Tasche, seit zehn langen Jahren, nie zog er es gegen irgend jemanden.

 

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