Miral al-Tahawi
(Ägypten)Aus dem Roman Das Zelt
Übersetzt von Doris Kilias
Copyright beim Unionsverlag
Seit dem Tag, an dem sie mir das Bein abgeschnitten haben, ist mein Vater nicht mehr gekommen. Er lässt sich nicht sehen, weil er mich nicht sehen will. Ich humple mit meiner Krücke herum, und weit und breit ist niemand, der mich auf den Arm nimmt und trägt. Warum kommt er nicht? Und warum kann Anne nicht endlich aufhören, Papier voll zu schreiben? Chaira ist erschöpft und müde vom ewigen Kinderkriegen. Ein deutscher Hengst und eine arabische Stute, ein Fohlen mit englischen Fesseln und arabischer Wirbelsäule. Jedes Jahr wirft Chaira neue Nachkommen. Ach, meine arme Chaira, hast du auch alles über wie ich? Papier und Bücher, trächtig sein und werfen?
Die kleine Gazelle ist gestorben, nachdem sie nichts mehr gefressen hat. Anne sagt, dass Gazellen keine Seele haben. Sie zieht fette, weiße Katzen auf, die ich nicht leiden kann. Sie sind träge und faul. Ich bin blass geworden, fühle mich wie gelähmt. Die Gartenmauer ist eine Umzingelung. Ich ertrage das alles nicht mehr, es ist so eng hier. Mir ist, als müsse ich ersticken. Ich weine bitterlich. Ich schicke meinem Vater Briefe. „Hast Du Fatim vergessen?“
Er kommt, nimmt mich in die Arme. „Ach, du meine Prinzessin, was bist du für eine hübsche Braut geworden.“
Ich lache. „O ja, eine hübsche hinkende Braut, mit einem abgeschnittenen Bein.“
Er küsst mich zärtlich zwischen den Augen.






