Leseprobe

Muhammad Uthman

(Jemen)

Stühle und Schatten (Auszug)

Aus dem Erzählband Schweigen
Übersetzt von Hartmut Fähndrich


Bis zum späten Vormittag ist der Ort schwer und leer, eingeschlossen in sein Schweigen.

Allein ein Eukalyptusbaum erhebt sich in seiner Mitte und ragt hoch gen Himmel. Er wiegt sich spielerisch kokett und versetzt das jungenhafte Blut des Windes in Erregung. Am Fuß des Stammes stehen dicht gedrängt Stühle, sich schubsend und sich stoßend. Sie erzählen von denen, die sie am Tag zuvor verließen. Die Männer brechen hervor.

Plötzlich strömen sie unaufhaltsam von allen Seiten des weiten Parks heran. Sie scheinen den Schatten der Bäume zu entspringen, die sich dort ineinander verschlingen, oder den gewaltigen Stämmen zu entquellen. Die grünen Arme, hoch über die Wege entstreckt, scheinen sie auszugießen, einen um den anderen, die sich allmorgendlich zur selben Zeit mit raschen Schritten ihren Weg zwischen den verstreuten grünen Flecken bahnen.

Drängt sie ein dringendes Bedürfnis zu kommen? Gibt es ein Gelübde, das sie auf sich genommen haben und das in ihnen das heftige Verlangen nährt, an diesem Platz zu sein, diesem einsamen, kahlen Erdfleck, der sich da um den Stamm des Eukalyptusbaumes legt, ein böser Riss in diesem riesigen Ozean aus Grün. Dann sind sie da.

Sie ziehen ihre Stühle heran, die sich um den Baum scharen, und zeichnen in seine Schatten, die gen Westen fallen, einen weiten Stuhlkreis. Sie füllen sie, einen um den anderen, mit ihren biegsamen Körpern. Dann versinken sie teils in Schweigen, teils in Reden oder in Lachen, mitunter in beidem. Dabei lehnen sie ihre Körper mal nach rechts, mal nach links und blasen den Rauch ihrer Zigarette in die Luft, ihre Augen wie Spähposten, offen nach allen Seiten. Und der Kreis aus Stühlen kriecht mit ihnen von Augenblick zu Augenblick geduldig und stetig näher an den Baum.

Doch wenn dann der Tag den Mittag erklommen hat, erheben sie sich. Sie erheben sich unvermittelt.

Ihre Stühle stehen in Reihe, geben einen letzten Schuss ab auf den Körper des hinter ihnen herabströmenden Schweigens. Sie verlassen den Ort, eine feste Traube, deren Beeren sich vereinzeln, je weiter sie sich entfernen, um dann dort zu verschwinden – in den Schatten der ineinander greifenden Bäume, in den Höhlungen ihrer Stämme, in Abdrücke ihrer Schuhe und die Kippen ihrer Zigaretten.

 

 Andere Autoren aus Jemen