Yasmina Salah
Aus dem Roman Meer des Schweigens
Übersetzt von Angela Tschorsnig
Ich will zugeben, dass ich in meinem Leben nicht viel dafür getan habe, dass ich im Nachhinein mit meinen Erinnerungen im einzelnen zufrieden bin. Ich bin keiner von den kranken Politikern, die beim Schreiben ihrer Biografie einer Erinnerung huldigen, die nicht ihre eigene ist, und eine Wahrheit geltend machen, die mit ihnen nichts zu tun hat. Schizophrenie ist zu einem Aspekt des Lebens verlogener Menschen geworden. Diesen Gedanken fand ich interessant und stieß dadurch auf die Originalfassung des Lebens des Herrn Said. Herr Said ist mein ermüdendes Älterwerden und mein in Bälde bevorstehender Tod.
Meine Tochter, warum gibst du dein Schweigen nicht auf und fällst mir in die Arme? Wie eigensinnig du bist! Typisch Algerierin! Und wie sehr ich das an dir mag! Ich habe dir gegenüber meine Liebe nie ganz enthüllt. Niemandem gegenüber habe ich das je getan. Meine Liebe ist revolutionär. Sie kommt aus einem revolutionären Herzen. Sie sorgt sich um die Revolution.
Komm, meine Kleine, öffne deine Augen richtig und schau mich ohne Vorwürfe an. Mein Leben kann keinen Groll mehr fassen. Komm her, mein aussichtsloser Traum, lehne deinen Kopf an meine Schulter und schlafe. Schlafe am Übergang ins Reich einer das Herz wärmenden Geschichte, die zu erzählen ich versäumt habe: über die Prinzessin und den schlauen Hassan, der sich in verbotener Liebe verzehrt hat und zugrunde geht, als ihm geschieht, was ihm nicht zusteht. Ich werde deine Träume wiegen, damit du mir verzeihst, was vergangen ist und was kommen wird, was gewesen ist und was sein wird. Meine Tochter ist ein dreißigfach verzweigter Baum. Meine Tochter ist eine Minute, die sich weigert, die Schuld am Lauf der Zeit mitzutragen. Meine Tochter ist ein wunderbares Kapitel in einem Roman, den ich nicht schrieb, um ihn richtig zu lesen. Hier hebt sie ihre Augen zu meinem Bild, das rechts an der Wand hängt. Hier löst sich dabei der Blick von dem Bild und erkennt mich. Um Gottes Willen! Es beängstigt mich, wenn ich sie so beschreibe. Fast wäre ich ihr ganz nahe gekommen. Ich schließe sie in die Arme. In ihrer Traurigkeit lese ich eine kurze Geschichte, die meiner Geschichte ähnelt. Da tue ich besser daran, schnell durch das offenstehende Fenster zu verschwinden. In der Luft nehme ich den Geruch meiner eigenen Einsamkeit und meines eigenen Kummers wahr. Ich schließe die Augen.
Dort jenseits der Betrachtungen befindet sich eine lange Brücke, die nirgendwo endet und auf der Begegnung nicht möglich ist. Eine Brücke, die sich über den Abgrund zwischen meiner Erinnerung und der Erinnerung der anderen spannt. Eine Brücke, die ich atemlos entlang krieche, wohl wissend, dass ich das Ende nie erreichen werde. Der Traum ist ein dreißigfach verzweigter Baum. Ein heiliger Baum, den Sünder wie ich nicht berühren dürfen.






