Nabila al-Zubair
Aus dem Roman Es ist mein Körper
Übersetzt von Hartmut Fähndrich
In dieser Szene aus dem ersten Teil des Romans versucht Sakina Umar, die Hauptfigur, durch ihre Krankheit, ihren Bewusstseinverlust und ihre Gedächtnisstörung hindurch, sich Teile aus ihrem Leben und ihrer Beziehung zu ihrem Sohn und ihrer Tochter, ihrer Familie und ihrer Stadt in Erinnerung zu rufen, jedoch in alptraumartigen krankhaften Halluzinationen.
Stunden sind vergangen. Vielleicht Jahre. Eine Stunde ist mein Kopf leer. Die Leere dröhnt.
Ich versuche zu denken, finde keinen Kopf. Das letzte, worüber ich nachdachte – mit lauter Stimme: dass ich sein müsste, wo meine Tochter ist. Die Zeit, die meine Schwester mit der Suche nach den Hausschlüsseln zubrachte, genügte mir zum Anziehen.
Ja, ich war schon vor ihr aus dem Haus und erreichte mit ihr zusammen das Auto, stieg durch die offene Tür ein, streckte die Hand zur anderen Tür aus, griff aber nur in die Luft, nur in den Staub, den das Auto zurückließ.
Sie nahm mein Denken mit. Meine Tochter. Mit wem war sie fortgegangen?! Sanaa war tot. Ich zog die Fußgänger an den Kleidern. Die Läden, das Haus, den Asphalt. Die idiotischen Autos. Die leeren Männerschachteln und die hochgestreckten Frauen. Ich betrat die engen Gassen. Schabte die Wolkenkratzer ab. Es waren gar keine Wolkenkratzer. Sie waren auch nicht aus Ziegeln. Sie waren aus Kork. Ich holte die Leute aus ihren Verliesen. Wo seid ihr? Sie ist tot! Verliese, ihr Verliese! Verliese, die nur Sicherheit bieten, wenn Türen und Fenster geschlossen sind. Nein! Das ist Sanaa.
Sanaa.
Sanaa ist nicht tot.
Ich gehe einen schrecklichen Gehsteig aus schlafenden Menschenhunden entlang. Die Hunde überqueren die Straßen, streichen kreuz und quer herum. Ihre Schwänze eingezogen. Von Zeit zu Zeit schauen sie auf. Prächtige Lampen an hohlen Säulen. Sie blicken wieder nach unten, die Nase gerümpft mit Missbehagen.
Dort in einer fernen Ecke, erleuchtet nur von einer matten Funzel, gehenkt ohne Beachtung, dort in jener Ecke unbewandt bis auf ein paar Pappstücke, war das Weinen eines Kindes zu hören, plötzlich unterdrückt. Die Pappwand verschwand, eine Familie tauchte auf, die das Privileg zu haben schien, diesen Winkel bewohnen zu dürfen. Ein kleines Kind, das schreit. Ein Mann und eine Frau, die sich beeilen, seine Atemzüge zu unterdrücken. Die Nacht hat hier eine außergewöhnliche Heiligkeit.
Am Ende des Gehsteigs fuhren Kehrichtwagen vorbei. Die Pfoten einiger Hunde noch immer in den ausgeleerten Schachteln. Der Wagen fährt weiter. Die Gefallenen fallen. Die Hunde suchen mit eingeklemmtem Schwanz nach anderen Schachteln, fern von jenen niemals bellenden Hunden. Die Hunde rascheln: Es gibt keine Schachteln, die die neue Herrscherhand von Kasr Ghamadān nicht schon erreicht hätte.
Eine lange Nacht für die Hunde. Seit einiger Zeit schon hatten sie nichts mehr gegessen.. Seit einiger Zeit hatten sie nichts mehr erbrochen... Ich konnte nur schweigend vorübergehen. Aber ich erinnerte mich an das „Steinhaus“. Ein Einzelner mietet es für
30 000 Rial! Die Hunde bellten. Dann zogen sie ab.
Auf der Straße hielt ich meinen Körper an. Ich sah mein Haar, es war lang. Die Schritte kämmten mich.
Ich sah auf Sanaa. Im Schlaf.
Ein vorübergehendes Vorkommnis.
Eine Orange stirbt leicht.
Die Trauer ist nicht, weil sie tot ist.






