Literaturszene Arabische Welt

Najem Wali – Geschichten aus der „Republik der Angst“

Foto: Mohamed Samaha © Goethe-InstitutNajem Wali – Lesung; Foto: Mohamed Samaha © Goethe-Institut
Najem Wali – Lesung (Foto: Mohamed Samaha © Goethe-Institut)

Immer wieder beschreibt der gebürtige Iraker Najem Wali den Irak als Land der Furcht und des Schmerzes. Selbst Franz Kafka oder George Orwell haben nicht so düstere und albtraumartige Szenarien entworfen, wie Najem Wali, wenn er in seinen Romanen die Folgen von Totalitarismus und diktatorischer Schreckensherrschaft schildert, die den Irakern auch heute noch zu schaffen machen.

Najem Wali, aus dessen Feder zahlreiche bekannte Romane wie Die Reise nach Tell al-Lahm oder Jussifs Gesichter stammen, erzählt in seinem jüngsten, 2012 auf Arabisch veröffentlichten Roman Bagdad Marlboro über den Irak nach Saddam. Der Diktator ist weg. Furcht und Schrecken sind geblieben.

Der Roman, der kürzlich auch in der deutschen Übersetzung beim Hanser Verlag erschienen ist, handelt von einem irakischen Bauunternehmer, dessen Leben nach dem Auftauchen eines mysteriösen Amerikaners zur Hölle wird.

Doch in ein paar Sätzen lässt sich wohl keiner von Najem Walis Romanen zusammenfassen. Zu subtil sind die Details, zu skurril die Charaktere, die der Autor im Zickzackkurs durch unzählige Handlungsstränge skizziert, die dann aber doch immer wieder in einen gemeinsamen erzählerischen Hauptstrom münden, ähnlich wie die vielen kleinen Nebenarme von Euphrat und Tigris.

Wali, Najem - Bagdad Marlboro © Carl Hanser VerlagMerkwürdige Gestalten sind es, die Najem Wali in Bagdad Marlboro als Romanhelden rekrutiert hat. Da ist zum Beispiel dieser Eisverkäufer, der erst zum Kidnapper mutiert und dann zum Händler für alles, einschließlich Waffen und Menschen. Oder jenes namenlose Mädchen, das der Freund des Ich-Erzählers kurzerhand Ahlam („Träume“) nennt, und von dem er tatsächlich immer noch träumt, als sie schon längst verschwunden ist.

Diese Aura des Absonderlichen, die sich wie ein roter Faden durch Najem Walis Werk zieht, erinnert mitunter an Gabriel García Márquez und den magischen Realismus der lateinamerikanischen Literatur. Allerdings mit einem ganz frappierenden Unterschied: All diese merkwürdigen oder zumindest vom Leser als merkwürdig wahrgenommenen Dinge in Najem Walis Romanen dürften vermutlich Dutzenden, wenn nicht gar Hunderten von Irakern so oder so ähnlich schon passiert sein.

Auch gewisse Parallelen zu Franz Kafka lassen sich in Najem Walis Werk unschwer erkennen. Der Autor, der zu Saddams Zeiten selbst nur wie durch ein Wunder aus dem riesigen Gefängnis namens Irak entkommen konnte, bringt seine Protagonisten regelmäßig in albtraumartige Situationen, in denen keinerlei Aussicht besteht, Angst und Tod zu entrinnen.

Genau wie Kafkas Figuren gelangen auch die Charaktere in Najem Walis Romanen früher oder später an einen Punkt der völligen Resignation. Sie fügen sich einer vermeintlich stärkeren Macht, die mal in Form des Staatsapparates, mal in Form des Geheimdienstes und mal in Form eines Herrschers auftritt, wie zum Beispiel im Roman „Die Reise nach Tell al-Lahm“. Und manchmal, so wie eben in „Bagdad Marlboro“ der Fall, stammt diese furchteinflößende Macht auch mitten aus der irakischen Gesellschaft selbst.

Kafkaesk wirken Najem Walis Charaktere auch deshalb, weil sie oftmals gar nicht erst versuchen, ihrer misslichen Lage zu entfliehen. Und falls doch, dann nur, weil sie dazu gezwungen werden. Dabei handelt es sich dann jedoch meistens nicht um eine Flucht, sondern eher um eine Vertreibung.

Najem Wali – Lesung; Foto: Mohamed Samaha © Goethe-Institut

Das Leben im Krieg: Najem Wali liest aus „Bagdad Marlboro“ am Goethe-Institut Kairo (Foto: Mohamed Samaha © Goethe-Institut)

Insofern ergeht es den Romanfiguren ähnlich wie dem Autor selbst, der sich 1980 gezwungen sah, seine Heimat zu verlassen, um nicht im Krieg gegen das Nachbarland sinnlos sein Leben lassen zu müssen, wie seinerzeit Tausende junger Iraker und Iraner.

Lebensgefährlich wird es auch für den Ich-Erzähler in Bagdad Marlboro, als er von militanten Dschihadisten wegen angeblicher Kontakte zu einem mysteriösen Amerikaner bedroht wird. Zunächst versteht Najem Walis Hauptfigur überhaupt nicht, warum der Amerikaner ihn unbedingt finden will. Schließlich werden beide ins Verderben gerissen: Der Amerikaner kommt ums Leben und der Ich-Erzähler muss erst sein Haus und dann sogar sein Land verlassen.

Im Februar las Najem Wali Auszüge aus Bagdad Marlboro im Goethe-Institut Kairo. Moderiert wurde die Veranstaltung von der Journalistin, Schriftstellerin und Nahost-Expertin Sonja Zekri. In Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut im Irak folgten dann im März und April weitere Lesungen in Bagdad und Erbil.

Während seines Kairoaufenthaltes sprach Najem Wali auch mehrere Punkte an, in denen sich die arabische und die deutsche Ausgabe seines Romans voneinander unterscheiden. Besonders lobend erwähnte er dabei die hervorragende redaktionelle Arbeit des Hanser Verlages, die er in dieser Form bei der Betreuung belletristischer Arbeiten durch Verlage im arabischsprachigen Raum schmerzlich vermisst.

Najem Wali dürfte inzwischen zu den bekanntesten irakischen Autoren in Europa zählen. Er schreibt regelmäßig Artikel für renommierte arabische Zeitungen, wie Al-Hayat, und für die deutsche Presse, beispielsweise in der Zeit oder in der Süddeutschen Zeitung. Momentan lebt Najem Wali in Berlin.

Der Titel dieses Beitrags spielt auf das 1989 von Kanan Makia vorgelegte Buch Die Republik der Angst an, in dem die Situation im Irak unter der Herrschaft der Baath-Partei genau analysiert wird.

Mohamed El-Baaly
ist Gründer des Sefsafa Verlags.

Übersetzung: Andreas Bünger

Copyright: Goethe-Institut Kairo
Juni 2014

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