Literaturszene Arabische Welt

Lesung in Kairo – Traum eines jeden irakischen Autors

Foto: Mohamed Samaha © Goethe-InstitutHussain Al-Mozany – Lesung; Foto: Mohamed Samaha © Goethe-Institut
Hussain Al-Mozany – Lesung (Foto: Mohamed Samaha © Goethe-Institut)

Laut dem „Blechtrommel“-Übersetzer ist Nagib Machfus für den deutschen Geschmack zu „gewöhnlich“.

Bei einer vom Goethe-Institut Kairo veranstalteten Dichterlesung waren kürzlich Ausschnitte aus dem Roman Das Geständnis des Fleischhauers des in Deutschland lebenden Irakers Hussain Al-Mozany zu hören. Im Anschluss an die Lesung in arabischer und deutscher Sprache gab es ein von der Journalistin Amira El-Ahl moderiertes Autorengespräch, bei dem es vor allem um besagten Roman und um Al-Mozanys Leben als Intellektueller in Deutschland ging. Im Publikum befanden sich namhafte ägyptische Literaten und Intellektuelle, darunter der Autor und Erzähler Said El-Kafrawy, die Schriftstellerin Salwa Bakr und die Verlegerin Sawsan Bashir. Anwesend waren außerdem, neben zahlreichen führenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Goethe-Instituts, auch zahlreiche Germanisten von der Fakultät für Sprache und Literatur, sowie deren Studenten.

Al-Mozany las während einer Rundreise durch das Nildelta und Oberägypten auch in Damiette, Al-Mansura und Hurghada. Die Lesungen fanden im Rahmen eines Kulturaustausches der Robert Bosch Stiftung statt.

Hussain Al-Mozany – Das Geständnis des Fleischhauers © Verlag Hans SchilerAuf der gut besuchten Veranstaltung in Kairo, in deren Verlauf es zu einem regen Austausch zwischen dem Autor und dem Publikum kam, trug Al-Mozany zunächst in makellosem Arabisch Ausschnitte aus seinem Roman Das Geständnis des Fleischhauers vor, der teilweise in Kairo spielt. Danach las Amira El-Ahl dieselben Textstellen auf Deutsch. Die Lesung dauerte etwa anderthalb Stunden.

Anschließend eröffnete Amira El-Ahl das Autorengespräch mit der an Hussain Al-Mozany gerichteten Frage, ob es beim Schreiben in einer Sprache, die nicht die Muttersprache ist, schwierig sei, eigene Ideen und Vorstellungen auszudrücken und in das Werk einfließen zu lassen. Al-Mozany, der sich auch als Übersetzer des Romans Die Blechtrommel von Günter Grass einen Namen gemacht hat, nannte daraufhin zunächst die politischen und gesellschaftlichen Umstände, die ihn dazu getrieben hatten, sein Land zu verlassen und das Abenteuer zu wagen, in einer grundlegend andersartigen, als fremd empfundenen Gesellschaft zu leben. Dieses Problem entwickelte sich allmählich zur Zwangsidee und verlangte schließlich eine Auseinandersetzung mit der eigenen unklaren Identität auf intellektuell-künstlerischer Ebene.

Bei seiner ausführlichen Antwort sprach Al-Mozany ein für viele der Anwesenden elementares Thema an, nämlich die innere Zerrissenheit all jener freiwillig oder unfreiwillig im Exil lebenden Iraker und Araber, die für die Gesellschaft, in der sie inzwischen leben und deren Staatsangehörigkeit sie angenommen haben, immer Fremde bleiben werden, selbst wenn sie die Sprache so perfekt beherrschen, dass sie sich nicht nur im Alltag bestens verständigen, sondern sogar literarische Kunstwerke in dieser Sprache schaffen können. Die Araber in den arabischsprachigen Ländern dagegen, von denen man eigentlich erwarten würde, dass sie die im Exil Lebenden mitnichten als gefährliche Fremdlinge betrachten sollten, ignorieren deren arabische Wurzeln und nehmen es ihnen übel, dass sie das Heimatland verlassen und eine andere Staatsangehörigkeit angenommen haben. Um genau diese innere Zerrissenheit geht es im Roman Das Geständnis des Fleischhauers (dessen arabischer Titel i ͨ tira:fa:tu ta:ğiri l-luḥu:m übrigens eher mit „Bekenntnisse eines Fleischhändlers“ übersetzt werden könnte): Die komplexen menschlichen Fragen, die sich aus der Summe der einzelnen Handlungsabschnitte des Romans ergeben, befassen sich hauptsächlich mit der von Al-Mozany im Autorengespräch beschriebenen Problematik.

Hussain Al-Mozany – Lesung; Foto: Mohamed Samaha © Goethe-Institut

Amira El-Ahl und Hussain Al-Mozany (v.l.n.r. Foto: Mohamed Samaha © Goethe-Institut)

Bei der Beantwortung der Fragen aus dem Publikum erwies sich Al-Mozany als absoluter Kenner der Kultur- und Literaturszene in Deutschland, von der er wesentlich mehr zu wissen scheint, als von den aktuellen literarischen Entwicklungen in Ägypten, dem Irak oder anderen arabischen Ländern.

Während des Autorengesprächs ging Al-Mozany auf zahlreiche Themen ein, insbesondere auch auf eine Tatsache, die jüngeren Autoren und Kritikern Al-Mozanys unter den Anwesenden als „sicher“ und wenig „innovativ“ vorgekommen sein mochte, und zwar bei der Beschreibung des deutschen Echos auf die Werke von Nagib Machfus. Al-Mozanys Beobachtungen zufolge gelte Machfus in Deutschland mitunter als „gewöhnlich“. Offenbar halten in Deutschland gewisse Kreise Nagib Machfus für „leichte Kost“, die eher den Jüngeren zusagt und nicht so sehr der seriösen Leserschaft.

Auf die Frage, ob die Gruppe der irakischen Exilautoren besondere Erkennungsmerkmale habe, durch die sie sich von ihren maghrebinischen Kollegen und deren französischsprachiger Literatur unterscheiden, antwortete Al-Mozany, dass die Iraker leidenschaftlich gern lesen und viele Iraker ein geradezu manisches Lese- und Schreibverhalten an den Tag legten. Al-Mozany vermied es jedoch auf äußerst taktvolle und diplomatische Art, sich auf besondere Merkmale der jüngsten irakischen Romanliteratur und insbesondere der Exilautoren festzulegen, wie etwa Sinan Antoon, Muhsin Al-Ramli, Inaam Kachachi, Hassan Blasim, Hawra Al-Nadawi, Mustafa Kazzar oder Ahmed Saadawi (der 2014 den International Prize for Arabic Fiction erhielt). Al-Mozany räumte ein, mit den Werken dieser Autoren nur wenig vertraut zu sein.

Hussain Al-Mozany – Lesung; Foto: Mohamed Samaha © Goethe-Institut

Hussain Al-Mozany – Lesung (Foto: Mohamed Samaha © Goethe-Institut)

Arabischen Lesern, die Al-Mozany nicht kennen, mag der Schriftsteller wie der Held seines eigenen, oben erwähnten Romans vorkommen. Al-Mozany hat inzwischen sowohl die deutsche als auch die irakische Staatsangehörigkeit. Er wurde 1954 in der irakischen Stadt Amarah geboren und wuchs in Bagdad auf. 1978 verließ er aus politischen Gründen den Irak und ging zunächst für zwei Jahre als Journalist in den Libanon. 1980 kam er dann nach Deutschland, wo er bis heute lebt.

Hussain Al-Mozany schreibt sowohl auf Deutsch als auch auf Arabisch. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die Romane Mansur oder Der Duft des Abendlandes (2002), und Das Geständnis des Fleischhauers (2007) sowie diverse Kurzgeschichten und Erzählungen.

Doch Hussain Al-Mozany arbeitet nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Journalist und Übersetzer. Er hat Werke zahlreicher bekannter deutscher Autoren wie Ingeborg Bachmann, Gottfried Benn, Rainer Maria Rilke und Jürgen Habermas ins Arabische übertragen, und vor allem natürlich das berühmte Meisterwerk Die Blechtrommel, den ersten Teil der Danzig-Trilogie von Günter Grass. In dem Roman versucht Grass, der 1999 den Nobelpreis für Literatur erhielt, unter anderem die Jahre der Naziherrschaft in Deutschland aufzuarbeiten.

Seit seiner Blechtrommel-Übersetzung, die in allen arabischen Ländern gelesen und vor allem wegen ihrer Authentizität, Präzision und Professionalität sehr gelobt wurde, gilt Hussain Al-Mozany als einer der großen Literaturübersetzer.

Ehab El Mallah

Übersetzung: Andreas Bünger

Copyright: Goethe-Institut Kairo
Juni 2014

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