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Navid Kermani – Schriftsteller, Orientalist und Kölner Weltbürger

© Villa MassimoNavid Kermani; © Villa Massimo
Navid Kermani (Foto: Villa Massimo)

Der Islamkenner hat auch als Prosaautor viel zu sagen: Navid Kermani überrascht seine Leser mit jedem neuen Buch. Dabei geht es ihm immer um Themen, die Menschen verbinden – und um die Schönheit der Sprache.

„Jedes meiner Bücher sucht zunächst die Form“, erklärt Navid Kermani den Entstehungsprozess seiner Prosawerke. „Das ist eigentlich der Punkt, an dem ein Buch beginnt: wenn man einen Ton, eine Form, einen Gestus gefunden hat.“ Navid Kermani, 1967 in Siegen als vierter Sohn einer persischen Arztfamilie geboren, ist ein erzählender Denker, ein genauer Beobachter des Zwischenmenschlichen. Als Sachbuchautor und Essayist zählt der habilitierte Islamwissenschaftler zu den gefragtesten Wissensvermittlern zu den Themen Islam und Orient in Deutschland. Als Prosaautor verbindet er die Kulturen des Orients und des Okzidents. In allen seinen Büchern öffnet er mühelos Einblicke in beide Welten. Im Mai 2014 wurde der in Köln lebende Autor endgültig einer breiteren Bevölkerung bekannt, als er vor dem deutschen Bundestag die Festrede anlässlich des 65. Jahrestages des Grundgesetzes hielt. Dabei stellte Kermani die Würde des Menschen im Rechtsstaat in den Mittelpunkt – und strich mehrfach die Schönheit der deutschen Sprache heraus.

Eine eigene Form für jedes Prosawerk

Keine der Erzählungen von Navid Kermani gleicht der anderen, jeder seiner Romane ist anders. Was seinen Stil ausmacht, ist seine Suche nach dem Klang der Worte und nach Themen, die Menschen verbinden, unabhängig von Religion oder Kulturkreis. Allein Kermanis Prosawerk umfasst bislang sieben Bücher aus unterschiedlichen Genres: Es reicht von kurzen Erzählungen wie im Band Vierzig Leben über das Kinderbuch Ayda, Bär und Hase bis hin zum 1.200 Seiten starken Roman Dein Name. Kermani hat viel zu sagen, und dafür sucht er immer eine andere Form.

Was Kermanis Schreiben auszeichnet, ist sein Witz und sein philosophischer Blick auf das Leben. Das fällt bereits in seinem fiktionalen Debüt Das Buch der von Neil Young Getöteten von 2002 auf. Hier schildert Kermani, wie durch Songs des Rockmusikers Neil Young die Schmerzen seiner neugeborenen Tochter verschwinden – Musik und Sprache haben eine medizinische Wirkung. Der Orientalist findet dabei Parallelen zwischen den Worten und der Musik des kanadischen Musikers und der muslimischen Tradition von gesprochenen Koran-Suren, denen der Leser im Text immer wieder begegnet. Der Debütroman gehört bis heute zu Kermanis erfolgreichsten Prosawerken.

Kermani ist einer der wenigen deutschsprachigen Autoren, die Gott in ihren Texten buchstäblich nennen. Immer wieder beschreibt er Gottes Einfluss auf das Leben der Menschen. Oft ist diese Einwirkung wohlwollend, manchmal ist der göttliche Eingriff brutal und für den Menschen unerträglich, wie im Erzählungsband Du sollst. Dieses göttliche Wirken schildert der bekennende Muslim Kermani ohne Scheu vor Tabus häufig in einer drastischen Sprache, die sich an das Alte Testament der Bibel anlehnt.

Vermittler zwischen Orient und Okzident

Zum Schreiben kam Kermani als Lokaljournalist für die Westfälische Rundschau. Hier lernte er auch die Kunst des Essays, die bis heute den größten Teil seiner Publikationen ausmachen. Lyrik hat Navid Kermani selbst nie geschrieben, aber persische Gedichte faszinieren ihn. Häufig lässt er die Mystik der Sufis in seine Texte einfließen, wie in dem hundertseitigen Roman Große Liebe. Hier wird persische Poesie des 11. Jahrhunderts zum Bindeglied einer Schulhofliebe. Navid Kermani versteht sich als Mittler zwischen Orient und Okzident. So heißt auch ein von ihm mitinitiiertes literarisches Austauschprojekt „West-östlicher Diwan“ – nach der Gedichtsammlung Johann Wolfgang von Goethes. Überhaupt ist die deutschsprachige Literatur bis zum Zweiten Weltkrieg häufig Kermanis gedankliche und sprachliche Quelle: Er bezieht sich vielfach auf Friedrich Hölderlin, Jean Paul, Franz Kafka, Thomas Mann oder Heimito von Doderer.

Künstlerischer Mut

Navid Kermani überrascht seine Leser mit jedem Prosawerk. Als 2011 Dein Name erschien, wurde Kermanis künstlerischer Mut belohnt. Dieser Roman, der das Leben feiert und der Toten gedenkt, wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert. Kermani formuliert hier seine Poetologie und lässt den Leser an seinem Denken teilhaben. Alles im Leben des Autors wird zum Stoff für das Buch, die Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit verschwimmen. Was Kermani an anderen Autoren bewundert, kann der Leser auch bei Kermani bestaunen: komplexe Sätze mit vielen Assoziationen und scheinbaren Umwegen, die doch zum Ziel führen – zur Schönheit der deutschen Sprache. Navid Kermani formuliert sein Tun so: „Alles ist wichtig zu sagen. Das, was ich nicht in dem einen Buch sagen kann, ist schon der Anfang für das nächste“.

Auszeichnungen
Navid Kermani ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Hamburger Akademie der Wissenschaften. Für seine Arbeit wurde der Orientalist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter die Buber-Rosenzweig-Medaille und der Kleist-Preis. 2014 erhielt Kermani für sein Gesamtwerk den Joseph-Breitbach-Preis, den höchstdotierten deutschen Literaturpreis.
Milena G. Klipingat
ist freie Journalistin und Kulturmanagerin in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Oktober 2014

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