Literaturszene Arabische Welt

Literatur – Motor für den Heilungsprozess

© Verlag Hans SchillerHerausgeberin Birgit Svensson (rechts) mit den Autorinnen Samarkand al-Jabiri und Amal Ibrahim al-Nusairi (von links) auf der Leipziger Buchmesse. | Foto: Christopher Resch
Herausgeberin Birgit Svensson (rechts) mit den Autorinnen Samarkand al-Jabiri und Amal Ibrahim al-Nusairi (von links) auf der Leipziger Buchmesse. (Foto: Christopher Resch)

Bagdad, Irak. Seit langem sind aus der Hauptstadt des Landes zwischen den beiden Flüssen vor allem schreckliche Nachrichten zu hören. Auch 2013, als Bagdad dem prestigeträchtigen Titel „Kulturhauptstadt der arabischen Welt“ Leben einzuhauchen versuchte, ging vieles schief. Dennoch gibt es Beispiele, die Mut machen. Gerade ist „Mit den Augen von Inana“ erschienen, eine Anthologie von Gedichten und Kurzprosa. Das Besondere: Es sind ausschließlich Frauen, die hier der uralten irakischen Tradition des Dichtens nachgehen.

Birgit Svensson hat die Sammlung herausgegeben. Die Journalistin lebt seit langem in Bagdad und ist eine der besten Kennerinnen des Iraks im deutschsprachigen Raum. Gemeinsam mit den Autorinnen Samarkand al-Jabiri und Amal Ibrahim al-Nusairi stellte sie die Inana auf der Leipziger Buchmesse 2015 vor. Die irakische Ausgabe ist schon vor zwei Jahren erschienen. In ihr sind 23 Dichterinnen vertreten, in der nun bei Hans Schiller verlegten deutschen Ausgabe sind es 19. Leila Chammaa und Jessica Siepelmeyer übertrugen die Gedichte ins Deutsche.

Mit den Augen von Inana © Verlag Hans Schiller „Mein blauer Tag wird düster, finstere Gestalten stehlen mir mein Frühstück. (…) Meine Tränen halte ich zurück wegen der Kleinen, die dir wie aus dem Gesicht geschnitten sind. Die Worte sind ohnmächtig, die Politiker lügen – also trichtere ich ihnen ein, dass ein Quadrat aus drei Seiten besteht, damit sie nicht den Mut verlieren, wenn gestohlen wird.“

Mit Zeilen wie diesen versucht Samarkand al-Jabiri, den Verlust ihres Vaters zu verarbeiten. „Er war Chemiker, hatte mit Politik nichts am Hut. Trotzdem wurde er hingerichtet. Das hat mein Leben und das meiner Kinder vollkommen zerstört.“ Auch für Amal al-Nusairi ist das Schreiben eine Möglichkeit, den Schmerz zu lindern, das seelische Gleichgewicht zu behalten.

Bestimmende Themen der Texte sind die Kritik an der gesellschaftlichen Situation im Irak und der Schmerz der vergangenen Jahre. „Die Frau ist grundsätzlich einem größeren Druck ausgesetzt als der Mann“, erklärt die Journalistin Svensson. „Es herrscht Abhängigkeit von den Männern, auch wegen des Schutzbedürfnisses. Und das wird häufig ausgenutzt.“ Im Ausland gingen solche Themen meist unter, auch weil die bekanntesten irakischen Schriftsteller in der Diaspora leben. Wie Abbas Khider, der das Projekt Cairo Short Stories des Goethe-Instituts Kairo leitet. Was im Irak selbst geschrieben, gedacht und produziert wird, dringt jedoch selten nach außen – vor allem nicht, wenn es Frauen betrifft. Für sie ist das Dichten eine Möglichkeit, sich endlich Gehör und Selbstbewusstsein zu verschaffen. Erst kürzlich habe Svensson die erste Bürgermeisterin des Iraks getroffen, und überhaupt sei die Rolle der Frauen aktuell etwas gestärkt. „Das liegt aber auch daran, dass die Männer schon wieder im Krieg sind.“

Gerade weil sich der Alltag in Bagdad häufig Anschlägen unterordnen muss und selten in geregelten Bahnen verläuft, widmen sich die beiden Autorinnen so stark der Literatur. „Kultur ist so etwas wie ein Motor, der den Heilungsprozess in unserer Zeit und Kultur anschiebt“, sagt al-Nusairi. „Im Fernsehen erscheint Bagdad natürlich als traumatisierte Stadt. Es gibt aber immer zwei Seiten einer Stadt, und wir sind ganz dicht an ihrem Puls.“ Vom Schreiben leben kann jedoch kaum eine der Dichterinnen: Es gibt keine Infrastruktur, wenige Verleger oder Druckereien. Zu Zeiten Saddam Husseins war der Kulturbetrieb fast vollständig verstaatlicht. Nach seinem Sturz war die Situation meist zu instabil, um ihn neu aufzubauen. Dementsprechend groß war die Freude, als Birgit Svensson eine private Druckerei in Basra im Süden des Iraks fand, die die arabische Ausgabe druckte.

Trotz der Schwierigkeiten meint die Journalistin: „Die Iraker sind hungrig nach Kultur.“ Das zeigt sich in der Mutanabbi-Straße, benannt nach dem berühmten abbasidischen Dichter des 10. Jahrhunderts: Die einen Kilometer lange Straße wird jeden Freitag zu einem riesigen Büchermarkt. Die Mutanabbi sei der größte Anziehungspunkt für die Intellektuellen aus Bagdad und Umgebung, erklärt Amal al-Nusairi. In einem der dortigen Cafés haben sie und Birgit Svensson die arabische Ausgabe der Inana zuerst vorgestellt – der Raum sei aus allen Nähten geplatzt, erzählt sie stolz. Bei einer Lesung in Basra im Süden des Iraks haben sich sogar Männer gemeldet und die Frauen aufgefordert, noch viel offensiver und kritischer zu schreiben.

Doch so viel Kraft und Mut muss man erst einmal aufbringen. „Die beiden sind ein gutes Beispiel“, meint Birgit Svensson in Richtung der Autorinnen, „sie sind Mitte Vierzig, haben drei Kriege erlebt, und jetzt kommt auch noch Daesh, so wie wir hier den ‚Islamischen Staat‘ nennen. Aber sie schaffen das alles.“ Dabei hilft ihnen ihre Poesie – und auf ihr Publikum können sie ohnehin vertrauen, meint Birgit Svensson: „Es gibt das Sprichwort: Die Bücher werden in Kairo geschrieben, in Beirut gedruckt und in Bagdad gelesen. Die Iraker sind einfach ein Lesevolk.“

Christopher Resch
lebt und arbeitet als freier Journalist in Leipzig. Er schreibt vor allem über Gesellschaft, Kultur und den Dialog mit und in der arabischen Welt.

Copyright: Goethe-Institut Kairo
April 2015

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