Literaturszene Arabische Welt

Rasha Omran – Syrer vor der Identitätsfrage

© Goethe-Institut/Mohamed El-BaalyRasha Omran © Goethe-Institut/Mohamed El-Baaly
Rasha Omran (Foto: Goethe-Institut/Mohamed El-Baaly)

Jeder Syrer, sagt die syrische Schriftstellerin Rasha Omran, müsse sich heute die Frage nach seiner Identität stellen. Seitdem das arabische Land von einer bewaffneten Revolution und einem blutigen Bürgerkrieg heimgesucht worden ist, spiele die Nation als identitätsstiftender Faktor nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Exil-Autorin sieht noch keine eigenständige Gattung „Revolutions-Literatur“ in Syrien.

Sie und ihre Landsleute müssten sich, nach Ansicht von Rasha Omran, die mittlerweile in Kairo lebt, entscheiden, ob sie in erster Linie Syrer seien oder Angehörige einer bestimmten Volks- oder Religionsgruppe: „Syrien ist ein zerrüttetes Land. Die Gesellschaft ist gespalten, aber auch die Persönlichkeit eines jeden einzelnen Bürgers.“ Dies spiegle sich auch in der syrischen Literatur der letzten vier Jahre wider.

2011 hatte es die ersten großen Demonstrationen gegen das Assad-Regime gegeben, die rasch in einen bewaffneten Volksaufstand umgeschlagen waren. Die Gesellschaft polarisierte sich, sodass die Revolution schließlich eskalierte und in einigen Regionen zum Bürgerkrieg ausuferte.

Von der bekennenden Assad-Gegnerin Rasha Omran sind bereits sechs Titel erschienen. Ihr kürzlich beim emiratischen Verlag Dar Noor aufgelegter Gedichtband bānūrāmā l-mawt wa-l-waḥša (arabisch, wörtlich: ‚Panorama von Tod und Einsamkeit‘) ist zu einer albtraumartigen Bestandsaufnahme der Lage in Syrien geraten, in Form einer düsteren Kakophonie aus Blut, Tod, Trümmern und Trauer.

Rasha Omran glaubt, dass sich seit Ausbruch der Revolution quasi die gesamte syrische Literatur um diese zentralen Elemente und um die Spaltung der syrischen Gesellschaft auf allen Ebenen dreht.

Etliche syrische Autoren haben die Revolution in ihrem Land auf verschiedene Weise literarisch verarbeitet, so zum Beispiel Khalil Sweileh, aus dessen Tagebuchaufzeichnungen der Roman ğannatu l-barābira (arabisch, wörtlich: ‚Paradies der Barbarei‘) entstand, während Samar Yazbek in ihrem Buch Schrei nach Freiheit einen „Bericht aus dem Inneren der syrischen Revolution“ abliefert. Ähnlich verhält es sich mit den virtuosen Erzähltexten in qiṭ ͨ atun nāqiṣatun min samā’i Dimašq (arabisch, sinngemäß: ‚Ein Stück Himmel über Damaskus fehlt‘) von Raed Wahash.

Rasha Omran rechnet damit, dass der syrischen Literatur ein Wandel auf sprachlicher und inhaltlicher Ebene, aber auch in Bezug auf die verschiedenen Gattungen ganz allgemein bevorsteht. Wenn sie momentan das literarische Schaffen in Syrien beobachte, so könne sie einen unübersehbaren Einfluss der aktuellen Ereignisse, aber auch der Zensur feststellen.

Dennoch reiche das, was sie bisher an syrischer Literatur über die Ereignisse im Land seit 2011 gelesen habe, noch nicht, um von einer eigenständigen syrischen Revolutions- und Kriegsliteratur sprechen zu können. Das werde wohl auch noch eine Weile dauern, so Rasha Omran, weil ein Schriftsteller immer einen gewissen zeitlichen Abstand brauche, um über die Geschehnisse schreiben zu können.

Keine leichte Entscheidung

Ein syrischer Schriftsteller hat, Rasha Omran zufolge, derzeit nur zwei Möglichkeiten. Entweder er bleibt in Syrien und setzt sich dort allen möglichen Gefahren aus. Oder er geht ins Ausland.

Seitdem die Gewalt eskaliert ist und nicht nur die Regierung oppositionelle Schriftsteller und Intellektuelle verfolgt, sondern auch in den von islamistischen Widerstandskämpfern kontrollierten Gebieten gegen Autoren vorgegangen wird, deren Arbeit den Islamisten nicht religiös genug ist, sind Dutzende von ihnen ins Ausland geflohen.

Rasha Omran verließ Syrien 2012, nachdem sie sich als Sympathisantin der Revolution geoutet hatte und deshalb von den Sicherheitsbehörden massiv unter Druck gesetzt worden war – bis hin zu mehr oder weniger unverblümten Morddrohungen. Zunächst führte ihr Weg nach Frankreich. Schließlich ließ sie sich dann in Kairo nieder.

„Im vierten Monat der Revolution (also im Juni 2011) habe ich meine Meinung offen geäußert (derzufolge Assad gestürzt werden müsse)“, erzählt Rasha Omran. „Anfang 2012 habe ich das Land dann verlassen."

Sie vermutet, dass das Regime in ihrem Fall ein noch größeres Interesse gehabt habe, sich ihrer zu entledigen, als bei anderen Autoren, weil sie, genau wie Assad und seine Gefolgsleute in der Regierung, der Volksgruppe der Alawiten angehört. Rasha Omran zählt zu den ersten alawitischen Schriftstellern, die sich öffentlich zur Revolution bekannt haben.

Dieses Bekenntnis, sagt die Autorin, habe bei ihren alawitischen Verwandten und Freunden heftige Reaktionen ausgelöst. In ihrer Geburtsstadt, der Alawiten-Hochburg Tartus, hängten Unbekannte in der Nähe des Hauses von Rasha Omrans Familie ein Transparent mit der Aufschrift „Rasha Omran ist eine Verräterin“ auf. Leute, mit denen sie seit ihrer Kindheit befreundet war, mieden sie plötzlich, und schließlich habe sie sich derart bedroht und eingeschüchtert gefühlt, dass sie beschloss, Syrien zu verlassen, was ihr jedoch durchaus nicht leicht gefallen sei. Nachdem sie vorübergehend in Frankreich gelebt hatte, zog die Autorin schließlich nach Kairo. „Der Aufenthalt in Ägypten“, sagt sie, „ist eine der wichtigsten Erfahrungen meines Lebens.“

Sie habe sich zu diesem Zeitpunkt für Ägypten entschieden, weil dort eine enorme revolutionäre Dynamik und eine starke Lebendigkeit im politischen und kulturellen Alltag spürbar gewesen seien. Außerdem ähnele sich das gesellschaftliche Leben in Ägypten und in Syrien, weil es sich bei beiden um arabische Länder handle.

In Ägypten sei sie zu der Überzeugung gelangt, so Rasha Omran weiter, dass Pluralismus eine Bereicherung für die Gesellschaft sein könne, sofern ein Minimum an Harmonie zwischen den einzelnen Bestandteilen dieser Gesellschaft herrsche. Abschließend sagt sie über Ägypten: „Kairo gibt mir Kraft. Das wirkt sich positiv auf mein Schaffen und auf meine Selbstwahrnehmung aus.“

Das Prosagedicht

Neben journalistischen Texten schreibt Rasha Omran Prosagedichte. Auch in dieser Hinsicht seien die letzten Jahre, insbesondere die Zeit in Kairo, eine Bereicherung gewesen.

Auf die Frage, inwieweit ein Prosagedicht überhaupt ausdrücken könne, was gerade in Syrien passiert, antwortet die Schriftstellerin, dass das Prosagedicht weniger die Ereignisse an sich beschreiben, sondern vor allem den Empfindungen Ausdruck verleihen solle, die diese Ereignisse beim Dichter hervorrufen.

Der Leser dürfe, nach Ansicht von Rasha Omran, an das Prosagedicht nicht dieselben Erwartungen haben wie an die kraftvolle Versdichtung der 1970er und 1980er Jahre, in der die Tragödien beschrieben wurden, die sich damals in den arabischen Ländern, insbesondere in Palästina und im Libanon, abgespielt haben. Eine vergleichbare dokumentarische Funktion könne das Prosagedicht nicht übernehmen.

Gedichte großer arabischer Dichter, wie Mahmoud Darwisch, gelten als wichtige Zeitzeugnisse des Bürgerkriegs im Libanon in den 1980er Jahren und vor allem der Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern. „Doch inzwischen“, so Rasha Omran, „sind im Bereich der Lyrik andere Zeiten angebrochen.“

Mohamed El-Baaly
ist Direktor des Kairoer Verlags Sefsafa.

Copyright: Goethe-Institut Kairo
September 2015

Übersetzung: Andreas Bünger

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
Mail Symbolonline-redaktion@cairo.goethe.org

    RSS-Feed

    Abonnieren Sie unseren Feed, damit Sie immer über neue Beiträge informiert sind.