Literaturszene Arabische Welt

Deutschland hilft mir jedes Mal weiterzumachen

© Goethe-Institut/Mohamed SamahaAreeg Gamal; © Goethe-Institut/Mohamed Samaha
Areeg Gamal (Foto: Goethe-Institut/Mohamed Samaha)

Die Texte von Areeg Gamal sind wie eine Suche nach einer schwer greifbaren Frage. Seit die Autorin mit dem wachen Gesicht letztes Jahr an der Schreibwerkstatt im Goethe-Institut Kairo teilgenommen und kurz darauf den Preis der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) für ihre Kurzgeschichte „ṭanīn“ (Titel der deutschen Übersetzung: „Sirren“) erhalten hat, ist sie keine Unbekannte mehr.

Wenig später erschien ihr erster Kurzgeschichtenband mit dem Titel mā’ida wāḥida li-l-maḥabba (arabisch, wörtlich: ‚Ein einziger Tisch für die Liebe‘) und in Kürze soll ihre zweite Sammlung taḥta miẓalla fī Frankfurt (arabisch, wörtlich: ‚Unter einem Schirm in Frankfurt‘) veröffentlicht werden. Viele der darin enthaltenen Texte sind von den beiden Kurzbesuchen der jungen Ägypterin in Deutschland beeinflusst. Im Interview spricht sie über die prägenden Erlebnisse in Deutschland und über ihre Arbeit als Schriftstellerin.

Dein erster Kurzgeschichtenband erschien letztes Jahr, der zweite soll demnächst folgen. Du arbeitest aber momentan auch an deinem ersten Roman. Bist du eine hochgradig produktive Autorin? Oder bist du einfach nur im Geschwindigkeitsrausch?

Ich würde sagen, darum geht es hier gar nicht. Meiner Meinung nach sollte sich ein Schriftsteller nicht für seine Schaffenskraft oder für seine Arbeitsweise rechtfertigen müssen. Das ist doch alles bloß oberflächlich. Ich habe kürzlich gelesen, dass Kafka seine exzellente Erzählung Die Verwandlung in nur zwei Wochen geschrieben haben soll. Ganz schön beeindruckend, wenn man bedenkt, dass das Buch als sehr präzise gilt. Dagegen bin ich geradezu langsam. Ich schreibe alles zig Mal neu, selbst an einem relativ kurzen Text wie der Titelgeschichte taḥta miẓalla fī Frankfurt habe ich nach meiner Rückkehr aus Deutschland drei Monate gesessen, und das sind gerade mal vier Seiten. Da kann man sich ja vorstellen, wie lang ich für ein ganzes Buch brauche.

Wann hast du das Gefühl, der Text, an dem du gerade schreibst, ist fertig? Wie bringst du eine Arbeit zu Ende?

Wenn ich zur Ruhe komme und durchatmen kann. Wenn ich das Gefühl habe, dass alle Möglichkeiten, auf meine Frage zu antworten, ausgeschöpft sind. Mit der Arbeit an meinem zweiten Kurzgeschichtenband habe ich vor meiner ersten Reise begonnen, ja sogar schon bevor ṭanīn den ersten Preis des Literaturprojekts Cairo Short Stories gewonnen hat. Damals hat mich eine dringliche Frage beschäftigt, die ich noch nicht mal richtig formulieren konnte. Ich habe geschrieben und geschrieben, um überhaupt zur Fragestellung zu gelangen. Als ich aus Deutschland zurückgekommen bin, war ich völlig durch den Wind. Das war so eine Art Geistesabwesenheit, die sich bisweilen einstellt, nachdem man zu einer Gewissheit gekommen ist. Ich musste zum allerersten Mal mit einem Gegenüber kommunizieren, das ich nicht kannte. Die Sprache des jeweils anderen war uns fremd, wir hatten nicht mal gemeinsame Lieblingslieder aus der Kindheit. In einer Zeit, die mir ziemlich düster vorkam, tauchte dann plötzlich eine neue Sprache auf, mit einem ganz speziellen Code, eine Sprache, die uns verband, vor der wir gleich waren, nämlich die Sprache der Kunst und der Literatur. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, was da tatsächlich vorging. Und plötzlich hatte ich die Frage ganz klar vor Augen: Was war da los? Was hat es auf sich mit diesem Gebilde namens „Welt“? Dadurch ergaben die Texte im Laufe des Arbeitsprozesses ein Projekt. Und als ich dann ganz ruhig wurde und durchatmen konnte, wusste ich: Das Projekt ist abgeschlossen.

Das Erstlingswerk eines Autors ist ja meistens autobiografisch. Bei dir weist auch das zweite Buch stark autobiografische Züge auf.

Kann man Beethoven vorwerfen, dass seine 9. Sinfonie autobiografische Züge aufweist? Ich kann mir nicht vorstellen, dass der 3. Satz so schön wäre, wenn er nichts von dem Schmerz über den Verlust enthalten würde, den der Mann erlitten hat. All diese Sanftheit nach der Wut – welche Gefühle mögen da wohl dahinterstecken? Ich für meinen Teil glaube, dass Virginia Woolf durch ihre autobiografischen Romane, durch ihr persönliches Elend und ihre ganz persönlichen Ängste die Welt beschrieben hat. Robert Bresson sagt, Kunst bedeutet nicht, Dinge, Orte oder Personen an sich zu transportieren, sondern die dazugehörigen Verstrickungen. Um es genauer auszudrücken: Wir könnten die Geschichte von der Reise einer Melone in den Magen der Frau Soundso im Dorf Irgendwo schreiben – es spielt letztendlich keine Rolle, was in der Literatur gesagt wird, sondern wie es gesagt wird. In der Kunst gibt es keine unaussprechlichen Dinge. Wer von sich selbst schreibt, hat Ähnlichkeit mit jedem und mit keinem, wie es in der Psychologie so schön heißt.

Areeg Gamal; © Anke Kluß/Litprom

Förderpreises der KfW Stiftung – Preisverleihung auf der Frankfurter Buchmesse (Foto: Anke Kluß/Litprom)

In einer Schreibwerkstatt hast du an deinem ersten Kurzgeschichtenband gearbeitet und jetzt machst du wieder bei einer Schreibwerkstatt mit, um an deinem ersten Roman zu arbeiten. Sieht so aus, als würdest du dir immer erst ein paar Anleitungen geben lassen, bevor du das erste Mal in einem Genre etwas veröffentlichst.

Mein erster Kurzgeschichtenband entstand nicht in einer Schreibwerkstatt. Das Buch war fertig, bevor ich an der Schreibwerkstatt des Goethe-Instituts teilnahm. Die Kurzgeschichte ṭanīn ist tatsächlich ein Resultat des Workshops. Workshops sind keine Grundschulen des Schreibens, sondern sie bieten mir die Möglichkeit, mit anderen zusammen deren und meine Arbeit zu besprechen. Dadurch nehme ich meinem Text und meinem Weltbild ihre Unantastbarkeit. Schlussendlich mache ich nur das, was mich auch selbst zufriedenstellt. Abbas Khider ist einer der Menschen in meinem Leben, die mich inspiriert haben. Wenn es mal mit dem Schreiben nicht so läuft, wende ich mich nach wie vor an ihn. Mit Jabbour Douaihy verhält es sich anders. Da reden wir von der Erfahrung eines großen Autors, der dich jedes Mal fragt: „Warum?“. Und ich wiederhole diese Frage dann immer für mich selbst. Schön, wenn es jemanden gibt, der einem auf die Sprünge hilft.

In deinem Kurzgeschichtenband kommt immer wieder Deutschland vor. Hat das etwas damit zu tun, dass du letztes Jahr dort gewesen bist?

Zwei Tage, nachdem ich ṭanīn beendet hatte, bekam ich eigenartige gesundheitliche Probleme, und zwar eine ganze Weile lang. Ich sah plötzlich Risse in der Zimmerdecke, genau wie meine Protagonistin, über die ich kurz zuvor geschrieben hatte. Das Leben kam mir sinn- und zwecklos vor. Als dann gerade wieder die Lebensgeister zurückkehrten, wurde bekanntgegeben, dass ich den ersten Preis gewonnen hatte. Ich kam am 8. Oktober nach Mitternacht in Frankfurt an. Ich war völlig k.o. und wollte mindestens eine Woche lang schlafen. Aber am nächsten Morgen stand ich ganz normal auf. Eine schöne Frau – ich kann mich nicht mehr an ihren Namen erinnern – führte uns über die Buchmesse. Die Pause verbrachten wir auf einer Art Balkon im Freien. Ich lehnte mich auf die Brüstung und sah den Regentropfen beim Fallen zu. Die schöne Frau kam zu mir und sagte: „Alles wird gut!“. Das war aber nicht einfach bloß so ein Satz. Das war wie ein Versprechen. Eine Stunde später gab es im Saal, in dem soeben ṭanīn auf Deutsch vorgelesen worden war, tosenden Beifall. Und plötzlich war ich mir ganz sicher, dass das Leben nicht völlig sinn- und zwecklos sein konnte. Wenn man etwas geschrieben hat, kann es passieren, dass es auf einmal ein Eigenleben führt. Das klingt jetzt ziemlich platt, tut mir Leid, aber man kann es wirklich nicht anders ausdrücken. Die Schriftstellerei vermag in Sphären vorzudringen, die für uns nicht so ohne Weiteres erreichbar wären. Ich denke, es war exakt dieser eine Moment, der mich dazu gebracht hat, mit dem Schreiben weiterzumachen. Ich glaube nach wie vor daran, dass eines Tages alles gut werden wird.

Ägypten oder Deutschland? Was fühlt sich für dich als Schriftstellerin besser an?

Dieses Jahr im März war ich ein zweites Mal in Deutschland, zusammen mit Nahla Karam. Wir waren vom Goethe-Institut zum Arabien im Fokus-Festival in München eingeladen worden. Der Roman entstand gerade in meinem Kopf, ich träumte von ihm und wusste wie immer nicht, wie ich die zentrale Frage des Romans formulieren sollte. Es war ein sehr kurzer Aufenthalt. Die meiste Zeit stand ich an der Isar, und es kommt mir so vor, als stünde ich immer noch dort. Auf diese Weise gelang es mir schließlich, die Frage in Worte zu fassen. Mit dem Geräusch des fließenden Wassers im Ohr gelangte ich schließlich zur Philosophie, die den Roman zum Fließen bringt. Ich könnte gar nicht sagen, wo ich besser schreiben kann und wo nicht. Aber ich weiß, dass mir Deutschland jedes Mal etwas gibt, das mir hilft, weiterzumachen. Und ich weiß, dass ich das sagen kann, ohne mich schämen zu müssen.

Ahmed Shawky Ali
führte das Gespräch. Er lebt und arbeitet als Journalist in Kairo.

Copyright: Goethe-Institut Kairo
Oktober 2015

Übersetzung: Andreas Bünger

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