Literaturszene Arabische Welt

Vom Dichter zum Politiker

Foto: Mariusz Kubik © Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)Ali Ahmad Said Esber (Adonis) | Foto: Mariusz Kubik © Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
Ali Ahmad Said Esber (Foto: Mariusz Kubik © Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0))

„Kind, das ich damals war, zeig dich mir!/Was verbindet uns jetzt noch und was sollen wir sagen?“ Vielleicht wird sich Adonis innerhalb der nächsten Tage diese Frage selbst stellen, wenn er die Bühne hinauf steigt, um den Erich Maria Remarque-Friedenspreis entgegenzunehmen und zu diesem Anlass eine Rede zu halten. Genauer gesagt kann man ihm diese Frage auch jetzt stellen, zumal zwischen Adonis, dem Dichter und Adonis, dem aufklärerischen Denker eine große Diskrepanz besteht, für die beide Personen verantwortlich zu sein scheinen, nämlich dadurch, dass jeder den jeweils anderen zu vertreiben versucht.

Seit Adonis (85) im Jahr 2011 mit dem Goethepreis ausgezeichnet wurde und der Konflikt in Syrien sich zu jenem Zeitpunkt noch im Anfangsstadium befand, hat sich bis zum heutigen Tage nichts an seiner distanzierten Haltung zu den Ereignissen geändert. Jedoch löste diese Verleihung bei Weitem nicht denselben Sturm der Entrüstung aus, wie die Ankündigung der Erich Maria Remarque-Gesellschaft, den diesjährigen Friedenspreis an Adonis zu vergeben. Vielleicht waren Adonis‘ Kritiker einfach zu dem Schluss gekommen, dass es unmöglich ist, sein literarisches und geistiges Vermächtnis in diesem Zusammenhang außen vor zu lassen. Aber wie kann es dann sein, dass sich so viele syrische und deutsche Aktivisten und Intellektuelle dazu bereit erklärt haben, Petitionen zu unterschreiben, um die Kandidatur von Adonis zu annullieren?

Wolfgang Griesert, Jurymitglied und Oberbürgermeister von Osnabrück, begründet die Vergabe des Friedenspreises an Adonis damit, dass „es für die Entscheidung wichtig gewesen (sei), Adonis‘ Eintreten für eine Trennung von Religion und Staat sowie die Gleichberechtigung der Frauen in der arabischen Welt zu würdigen und sein Engagement für eine aufgeklärte arabische Gesellschaft auszuzeichnen. Sein Werk erfüllt damit in vielfacher Hinsicht die Intention des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises.“ Die Auszeichnung selbst wurde durch Adonis‘ Gedichte und seine intellektuellen Werke veranlasst, wobei der Dichter Adonis sich aber gänzlich vom Politiker Adonis unterscheidet. Vielleicht haben beide erst diese Auszeichnung ermöglicht. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass dem Dichter, geleitet von seinen Gedichten, die Aufgabe zukommt, sich den Bedürftigen im Kampf gegen die Mächtigen anzunehmen und nicht ausschließlich den Unterdrückten gegen die Tyrannen beizustehen. Denn Unterdrückung und Recht stützen sich als solche auf Beweise und Untersuchungen, die eine längere Zeit in Anspruch nehmen können und unabhängig davon manchmal auch Einschätzungen erfordern. So verhält es sich zumindest in der Politik, wo man als Politiker eine Entscheidung treffen muss, während die Dichtung Selbsthingabe erfordert. Zu einem Zeitpunkt, als die syrische Revolution nur aus verhaltenen Protesten bestand, hatte Adonis sich bereits dafür entscheiden, den syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad zu unterstützen.

Vielleicht hat der politische Denker Adonis unüberlegt gehandelt, als er der libanesischen Al-Safir Zeitung berichtete, es sei nicht nachvollziehbar, die Syrer als ein „revolutionäres Volk“ zu bezeichnen, hätte doch ein Drittel der Bevölkerung das Land bereits verlassen. Wahrscheinlich haben die Vertriebenen folgende Gedichte von Adonis heraufbeschwört, während sie vor den vielen Brandherden im Land flohen: „Unser Wehklagen sprach zu uns / Brecht auf, weit auf / oder lasst euch nieder in standfesten Zelten, zuhauf / denn euer Land ist nicht mehr hier / Wir stehen über den Eindringlingen, drum widersetzt euch! / Reißt nieder und streunt umher! / Das leere Mahl ist unser Aufschrei/der Marsch nach vorne / Unsere vergangenen Tage setzten sich fest, an unseren verlorenen Körpern / und nahmen ab, wie auch unser Blut / Sie begannen für Sekunden zu leben / sich zu drehen, fernab der Zeit.

So mag es nicht verwundern, dass der Tag, an dem die Stadt Osnabrück Adonis den Preis zuerkannte, für die syrische Bevölkerung einen schwarzen Tag darstellte. Laut dem DW-Reporter Ahmed Hissou, haben fünf Jahre Krieg nicht dazu beigetragen, dass Adonis, in welcher Form auch immer, Solidarität mit seinen Landsmännern bekundet.

Die Friedensrede

Der mit 25.000 Euro dotierte Friedenspreis geht zurück auf den bekannten deutschen Schriftsteller Erich Maria Remarque, der in seinen Romanen stets die Grausamkeit und Sinnlosigkeit von Kriegen und Diktaturen demonstrierte und an eine humanere, von pazifistischen Ideen geleitete Gesellschaft appellierte. Laut der Erklärung des Preiskomitees würde durch die Preisverleihung an einen Syrer garantiert, dass die Krise in Syrien in den Mittelpunkt des weltlichen Geschehens rücke und durch das Mächtegleichgewicht eine Lösung in diesem Zusammenhang angestrebt werden würde. Adonis zähle zu den wichtigsten arabischen Stimmen, die sich für eine Trennung von Religion und Staat einsetzten, was ihm weltweit hoch angerechnet werden würde, ebenso wären seine Verteidigung der Frauenrechte und die Forderung nach einer aufgeklärten Gesellschaft als Konstanten für seine internationalen Preise anzusehen.

In diesem Kontext stellt sich die Frage, ob Adonis, wenn er für seine Rede die Bühne hinaufsteigt, ohne Bedenken sein Gedicht über den Herrscher vortragen könnte, in dem es heißt: „Sein Verstand ist fehlerhaft / sein Thron frei von Makeln / die Länder verneigen sich vor ihm/vor seinem Gefolge“. Vielleicht hat dies auch der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani, der den diesjährigen Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhielt, angezweifelt und deswegen seine Laudatio für Adonis bei der Preisverleihung in Osnabrück am 20. November 2015 zurückgezogen. Im Kölner Stadtanzeiger sagte Kermani, dass er das lyrische Werk Adonis‘ schätze, dieser sich aber nicht vom brutalen Vorgehen des Regimes in Damaskus gegen das eigene Volk distanziert habe.

Ali Ahmad Said Esber, der den Künstlernamen Adonis für sich wählte – frei nach dem phönizischen Gott, der vor dem Heidentum floh, hin zu einem selbstständigen Dasein – könnte sich bei seiner Friedensrede etwas einsam fühlen. Wie wird er all dies reflektieren, auf dem Weg von seinem Stuhl zur Bühne? Wird er seine Ansichten revidieren, so wie er einst verkündete „Ich habe mich immer geirrt / und tue es nach wie vor / Möge dieser Irrtum durch jene aufgeklärte Gewissheit fortgesetzt werden / Ich wünsche nicht vollkommen zu sein / Die Sehnsucht, die durch mein Keuchen und mein Seufzen auseinanderbricht / ist keine Sehnsucht nach Seelenruhe“, oder wird der Preis ihn in Bezug auf seine Ansichten gelassen stimmen? Dann dürfte er wohl, während er die wenigen Stufen zur Bühne erklimmt, folgende Verse anstimmen: „Sie sagen, meine Zeit sei gekommen / wo das Land doch mein ist / Sein Glanz gebührt mir und sein Stolz, wie du weißt / seine Ruhe verletzt mich, sein Busen mir göttliche Verehrung erweist / Haben seine Dornen mich vernichtet, seine Blütenpracht mich an sich reißt / Sie sagen, meine Zeit sei gekommen / wo ich doch über die Auspressungen bestimme / Wenn du ihre Aufmerksamkeit auf dich ziehst, verfällst du in einen Rausch der Sinne / Sie sagen, mit mir ist es vorbei / und ich sehe auf allen Wegen/ Tausend Beifall spendende Herzen mir dabei begegnen / Ein Schatten, wie auch ein Haus, das lacht / Ich trank und ein Glücksgefühl war in mir erwacht/Ich sagte: Schöpfe! / Du, meine Existenz – sei, wonach ich stets gestrebt habe!“

Ahmed Shawqy Ali
ist Schriftsteller und Journalist.

Copyright: Goethe-Institut Alexandria
November 2015

Übersetzung: Hussein Gaafar

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