Literaturszene Arabische Welt

Das Mädchen mit dem Röntgenstrahl

Foto: Goethe-Institut Jordanien/Dana RitzmannFlora Majdalawi |  Foto: Goethe-Institut Jordanien/Dana Ritzmann
Flora Majdalawi | Foto: Goethe-Institut Jordanien/Dana Ritzmann

Wie eine jordanische Kinderbuchautorin in ihren Geschichten gegen starre Konventionen anschreibt.

Manchmal wünscht sich Flora Majdalawi, sie könnte die Welt verändern, wenigstens ein kleines bisschen. Oder vielleicht auch ein bisschen mehr. In solchen Momenten schnappt sich die 50-jährige Jordanierin einen Stift und lässt ihn übers Papier fliegen. Buchstabe um Buchstabe, Satz um Satz taucht die Autorin dann in die Welt von Hind ein. Hind ist ein zehnjähriges Mädchen, das irgendwo in der arabischen Welt leben könnte. Hind ist ein Stadtkind und die kleine Schwester von Saif, ihr 12-jähriger Bruder. Die Geschwister geben der aktuellsten Kinderbuchreihe von Flora Majdalawi ihren Namen Hind wa Saif (arabisch, wörtlich ‚Hind und Saif‘). Sechs Bücher sollten es eigentlich werden, inzwischen ist schon das zehnte gedruckt. „Es gibt so viel zu erleben für diese Teenager, da kann ich doch nicht einfach aufhören zu schreiben“, sagt Majdalawi, die seit zehn Jahren Kinderbücher verfasst.

2006 hat sie angefangen, eigentlich aus der Not heraus. Ihr Kinderbuchladen, der erste in Amman, den sie 1991 eröffnet hatte, war voll von spannenden Büchern. Aber praktisch alle waren auf Englisch. „Ich habe es geliebt, meinen Kindern vorzulesen, aber es war furchtbar anstrengend auf der Bettkante im Dämmerlicht aus einer Fremdsprache übersetzen zu müssen statt einfach nur etwas Hübsches beim Kuscheln vorzulesen“, erinnert sich Majdalawi an die Gute-Nacht-Geschichten für ihre eigenen drei Sprösslinge.

Die erste Reihe, die mittlerweile zum Kinderbuchklassiker avanciert ist, entstand im Rahmen des 2005 neu gegründeten Literaturprogramms Discover the Fun of Reading und sollte Leseanfängern in der arabischen Welt Geschichten aus ihrem eigenen Leben erzählen. Die Idee hinter dem Projekt Entdecke den Spaß am Lesen sei von jeher gewesen, die Lese- und Schreibfähigkeit bei Kindern durch gute Bücher zu entwickeln. Wenn Flora Majdalawi diesen Plan in fließendem Englisch beschreibt, klingt es noch klangvoller – literacy through literature. Aber die Sprache, um die es hierbei ging, war Arabisch. So auch die Namen der beiden kleinen Helden – der Junge Said und das Mädchen Zina, das Majdalawi nach ihrer eigenen Tochter benannte, die damals auch gerade im Grundschulalter war. Thematisch orientiert sich diese Reihe an der Lebenswelt von Sieben- bis Neunjährigen. Es geht ums Drachensteigen und die Pferdeshow, um den Umzug ins neue Haus und Urlaub am Meer, um wundersame Maschinen und verlorene Teddybären. Mehr als eine halbe Million Kinder haben in den vergangenen zehn Jahren die knapp 50 Titel der Serie gelesen, von denen 16 aus Majdalawis Feder stammen. Eines hat 2011 sogar einen Sonderpreis der Anna-Lindh-Stiftung gewonnen, die damit ein Buch auszeichnete, das die besonderen Bedürfnisse behinderter Kinder thematisierte.

Denn was Flora Majdalawi eigentlich erreichen möchte, ist, dass sich die Menschen ohne Vorurteile begegnen und sich so akzeptieren, wie sie sind – „egal wie jemand aussieht oder was er anhat“, erklärt die Schriftstellerin, die selbst den üblichen Dresscode dezent abgewandelt hat. Auf dem Kopf trägt sie nur die weiße Amta, eine Art breites Haarband, das die Haare bedeckt. Das Kopftuch, das normalerweise darüber getragen wird, hat sie dekorativ um den Hals geschlungen. Farblich passt es perfekt zu ihrer fliederfarbenen Bluse. Vielleicht ist es einfach nur modisch, vielleicht der zarte Versuch aufzubegehren. „Ein Schriftsteller ist jemand, der seinen Verstand dazu gebracht hat, aus dem Rahmen zu fallen“, zitiert sie Oscar Wilde. „Ich arbeite ständig an meinen Gedanken, ich zwinge sie, die Richtung zu wechseln, sozusagen über den Tellerrand zu denken“, sagt sie, denn nur so würde es ihr gelingen, als Autorin kreativ zu sein, vielleicht sogar innovativ. Leicht fiele ihr das nicht, gibt Majdalawi zu, denn aufgrund ihrer Herkunft und Erziehung sei sie selbst eher konservativ. Gleichzeitig hofft sie, in dieser so starren Welt voller Konventionen und Tabus etwas zu bewegen. „Und wie, wenn nicht über Kinderbücher soll sich denn bei der jungen Generation etwas verändern“, sagt Majdalawi dann fast kämpferisch.

Mit ihrer Heldin Hind hat sich die Ammaner Autorin eine Figur geschaffen, die ein bisschen verrückt sein darf und Grenzen austestet. Der beste Freund der zehnjährigen Tochter aus gutem Hause ist ein Röntgenstrahl mit dem witzigen Namen X-Ray. Er kann in die Köpfe anderer Menschen hineinschauen und das versucht auch Hind. Das Mädchen habe die gleichen Sorgen wie Gleichaltrige im wahren Leben: sie quatscht mit ihren Freundinnen und zofft sich mit ihren Eltern, sie fühlt sich oft genug unverstanden und flüchtet sich in die Musik, sie hilft Kindern, denen es nicht so gut geht, und genießt es, wenn ihr Onkel sie wie eine Erwachsene behandelt. „Hind ist ein Mädchen unserer Zeit“, sagt Majdalawi über ihre Figur. Was sie so besonders macht? „Sie ist abenteuerlustig und wissbegierig, manchmal auch abgelenkt und verträumt - eben keineswegs perfekt.“

Vielleicht würde sich die Autorin selbst auch so beschreiben oder vielleicht wäre sie gern genauso, wie Hind oder wie deren Mutter, eine aufstrebende Kinderbuchautorin. In der Realität ist Majdalawi auch Geschäftsfrau. Sie muss aufpassen, dass die Bücher, die sie ausschließlich im Eigenverlag produziert, sich auch verkaufen. So kann sie beim Schreiben all die Tabus und Zwänge nicht einfach ausblenden, sagt sie. Es gehe auch ums Marketing und um den wirtschaftlichen Erfolg, erklärt die Verlegerin. Den kleinen Buchladen im schicken Stadtteil Schmejsani, betreibt sie eigentlich nur noch aus Nostalgie. Die wirtschaftliche Lage habe sich in den vergangenen Jahren enorm verschlechtert. „Die Leute geben ihr Geld lieber für Brot statt für Bücher aus“, spitzt sie es etwas zu. Zwölf Dollar, also gut zehn Euro kostet ein Kinderbuch – kein Schnäppchen in einer Stadt, wo die Kaufkraft seit Jahren sinkt und die kritische politische Situation keinerlei Besserung verspricht. Auch die Lage der jordanischen Kinderbuchautoren sei bescheiden, sagt die Hauptstädterin. Faktisch gäbe es kein Netzwerk, eigentlich gar keinen professionellen Austausch. Die meisten bringen ihre Bücher im Selbstverlag raus, alles sei ziemlich diffus. Und anders als in den Nachbarländern, wie Libanon, Palästina oder in den Golfstaaten, wo es immerhin lokale Vertretungen des internationalen Jugendbuchverbandes (IBBY) gäbe, sei die Buchbranche in Jordanien extrem unorganisiert und damit als solche nicht wirklich vorhanden.

Selbst die Ammaner Stadtverwaltung, die kürzlich eine der mehrmals im Jahr stattfindenden Buchmessen veranstaltete, erklärt, dass sie bei der Ausrichtung des Lesemarktes lieber mit jungen Literatur-Initiativen kooperiert als mit klassischen Verlagshäusern. Jugendliche Leserratten hätten viel mehr Einfluss auf ihre Altersgenossen, auch wenn es ums Lesen geht, das seitens der Stadt offiziell gefördert werden soll.

Das schönste Feedback das Flora Majdalawi kürzlich von einer Bibliothekarin zu hören bekam, war, dass ihre Bücher eigentlich nie im Regal stünden, weil sie praktisch von Hand zu Hand gingen. Ein schönes Lob für ihre Arbeit, auch wenn sie sich wünschen würde, dass noch mehr Kinder ihre Bücher lesen. In die staatlichen Schulen in Jordanien sei faktisch kein Reinkommen, klagt die Autorin, der Lehrplan gesetzt und kaum flexibel. Immerhin verkaufen sich die Geschichten von Hind und Saif auch in anderen Ländern der arabischen Welt. Und wer weiß, was sie noch alles bewirken werden.

Dana Ritzmann
ist Diplom-Journalistin und arbeitet als Trainerin für interkulturelle Kompetenzen mit Schwerpunkt Arbeitsmarktintegration und Ehrenamtscoaching. Im Frühling 2016 war sie als Stipendiatin des Instituts für Auslandsbeziehungen für ein Cross Culture-Praktikum drei Monate in Amman.

Copyright: Goethe-Institut Jordanien
August 2016

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wibke.reimer@amman.goethe.org

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