Literaturszene Arabische Welt

Spielerische Annäherung an die Homosexualität

Foto: Goethe-Institut/Ahmed Shawqy AliFoto: Goethe-Institut/Ahmed Shawqy Ali
Mohammed Abdelnaby | Foto: Goethe-Institut/Ahmed Shawqy Ali

Er scheint ein leidenschaftlicher Spieler zu sein, der Autor und Übersetzer Mohammed Abdelnaby. Auf sicheren Boden unter den Füßen verzichtet er gern. Hauptsache das Spielbein kann sich frei bewegen. Sechs Werke, darunter zwei Romane, sowie zahlreiche Übersetzungen sind bisher von ihm erschienen. Und in jedem von ihnen betritt er Neuland, schafft sich neuen Spielraum. In seinem jüngsten Roman fī ġurfati l-cankabūt (arabisch, wörtlich: ‚Im Spinnenzimmer‘), der kürzlich beim Elain-Verlag in Kairo erschienen ist, wagt er sich nun ein weiteres Mal auf wenig erschlossenes Terrain vor. Das Thema Homosexualität wird zwar in der modernen arabischen Literatur gelegentlich erwähnt, doch in der Regel nur am Rande. Dass es jedoch zum zentralen Topos eines ganzen Romans gerät, ist auffällig.

Im folgenden Interview spricht Mohammed Abdelnaby nicht nur über diesen Roman und dessen Entstehung, sondern auch über sein gesamtes literarisches Schaffen.

Brauchen wir unbedingt eine Erklärung für Homosexualität?

Warum haben Sie ausgerechnet die Queen Boat-Affäre als Setting für die Handlung Ihres Romans gewählt?

Ich denke nicht, dass die Queen Boat-Affäre das Setting für den Roman ist. Ich denke, das Setting für den Roman ist die Persönlichkeit der Hauptfigur Hani Mahfouz. Die Queen Boat-Affäre ist im Handlungsgefüge eine Art Wendepunkt oder Initialzündung für eine Krise, aber kein Setting im Sinne einer Welt, die das Werk beherrscht.

Homosexualität wird in Ihrem Roman als das Resultat von gesellschaftlicher Dekadenz dargestellt. Die Hauptfigur Hani Mahfouz litt unter der Abwesenheit des Vaters. Auch sein Freund Abdelaziz hat gelitten, weil der Vater ihn grob behandelt hat und oft nicht da war. Ebenso erging es Karim Saadoun.

Gesellschaftliche Dekadenz, das klingt so pathetisch. Ich habe keine ultimative Erklärung für die Entstehung homosexueller Neigungen. Aber brauchen wir denn unbedingt eine Erklärung? Warum suchen wir denn zum Beispiel bei heterosexuellen Männern nicht nach einer Erklärung für ihre Heterosexualität? Viele Menschen wachsen in einem ähnlichen familiären Umfeld und unter gleichen Bedingungen auf, wie Hani, Abdelaziz und Karim. Und werden trotzdem Heteros, so wie die meisten Männer. Wenn wir es dabei belassen, dass die sexuelle Orientierung vom sozialen Umfeld geprägt wird, denken wir zu einfältig. Aber nochmal: Was interessiert denn eigentlich die Ursache?

Sie benutzen im Roman eine Wortschöpfung zur Bezeichnung von Homosexuellen. Die abgedroschenen Standardbezeichnungen vermeiden Sie hingegen so weit wie möglich. Soll das ein Versuch sein, einen Alternativwortschatz einzuführen? Oder geht es um mehr sprachliche Authentizität zur Beschreibung dieser Welt?

Der Ausdruck, den Sie meinen, war ein reines Zufallsprodukt. Er gefiel mir, ich habe ihn benutzt, wenn auf die Gruppenzugehörigkeit der Charaktere angespielt wird, vor allem durch Prinz Aktham. Ich sehe darin nicht den Versuch, einen Alternativwortschatz oder dergleichen zu kreieren. Wichtig war mir die Aussagekraft.

Keine Ahnung, was Sie mit „abgedroschenen Standardbezeichnungen“ meinen, aber das gängige Schimpfwort, das in Ägypten für Schwule benutzt wird, kommt im Roman vor. Die Mutter von Hani spricht es aus und es wirkt bei ihm auch verletzend. Prinzipiell hat ja jeder Ausdruck seine Geschichte und seine Konnotationen, er gehört zu einem Wortfeld mit verwandten und ähnlichen Wörtern, an jedem Ausdruck hängt also enorm viel dran, das darf man auf keinen Fall außer Acht lassen. Ich bin nicht der Typ, der, bloß um zu schockieren oder aus ästhetischen Gründen, ein Wort, ein Sprachregister oder eine Stilebene benutzt. Der von Ihnen erwähnte Ausdruck war wohl ein Glücksgriff, denn er ist allgemein verständlich, originell und intelligent zugleich, aber auch voller Wärme und Liebe steckt.

Der ganz spezielle Spielraum des Mohammed Abdelnaby

Am Ende des Romans deuten Sie an, dass Sie sich auf Quellen beziehen und auf Interviews mit Homosexuellen, die die Queen Boat-Affäre miterlebt haben. Lassen Sie uns darüber sprechen. Lassen Sie uns auch darüber sprechen, wie lange die Vorbereitungen und das Schreiben gedauert haben.

Ein paar Leute waren so nett und haben sich bereit erklärt, mit mir zu sprechen oder mir zu schreiben, entweder auf direktem Wege oder über Mittelsmänner. Das waren zum Teil Leute, die den Vorfall als Verstoß gegen die Menschenrechte untersucht haben. Vor allem der Menschenrechtler Scott Long. Das meiste habe ich aber einem Bericht von Human Rights Watch über die Diskriminierung von Homosexuellen in Ägypten ganz allgemein und insbesondere über die Queen Boat-Affäre entnommen, sowie diversem anderen Bild- und Textmaterial aus dem Internet.

Soweit ich mich erinnere, habe ich 2012 systematisch mit der Arbeit am Konzept begonnen, aber ich bin nicht kontinuierlich drangeblieben, es gab immer wieder längere Pausen. Zuerst sollte es eine Kurzgeschichte werden, aber als ich mich irgendwann nach einer längeren Schaffenspause wieder an die Arbeit gemacht habe, wurde mir klar, dass da was Größeres entstehen wollte. Der erste Entwurf war sehr umfangreich, voller Nebenhandlungen und Nebenpersonen. Nur durch rigoroses Kürzen konnte ich dieses Dickicht schließlich zurechtstutzen.

Hört sich so an, als hätten Sie diesmal Ihren ganz persönlichen Ein-Mann-Schreibworkshop veranstaltet … apropos: Seit Langem leiten Sie Schreibworkshops und Sie haben darüber sogar ein Buch verfasst. Inwiefern profitieren Sie selbst von Ihrer Arbeit als Schreibtrainer? Und was halten Sie von Leuten, die denken, Schreibworkshops seien für den kreativen Prozess kontraproduktiv? Inwieweit ist der Erfolg solcher Workshops im arabischen Raum messbar?

Ein Grund dafür, dass ich nach wie vor mit Begeisterung Schreibworkshops abhalte, trotz aller Schwierigkeiten und Mühen, und trotz der Energie und Zeit, die ich jedes Mal investieren muss, ist die Tatsache, dass die Workshops mich als Schriftsteller inspirieren. Das wirkt bei mir wie eine literarische Frischzellenkur. Ich kann mich dann mit neuer Kraft den ewigen Fragen widmen, jenen alten Fragen, die an sich naiv erscheinen und die jeder Schriftsteller aus den Augen verliert, wenn er meint, er habe eine endgültige Antwort gefunden. Wenn ich im Workshop mit Teilnehmern zu tun habe, die meistens jünger sind als ich – was nichts zu bedeuten hat – sehe ich die Schriftstellerei mit deren Unbedarftheit und ich lasse mich von ihrer Begeisterung mitreißen, so als sei ich selbst ein Novize in Sachen Lesen, Schreiben und kreativem Gestalten, als hätte ich selbst noch nie zuvor irgendwas geschrieben. Wir alle brauchen diesen staunenden, fragenden Blick der Anfänger, um weiter zu kommen. Die Workshops geben mir dieses Gefühl von Zeit zu Zeit zurück. Und ich lerne durch die entsprechenden Bücher selbst Schreibtechniken und Automatismen beim Schreiben kennen. Wer meint, dass Schreibworkshops schädlich für die Kreativität seien, sollte sich dort am besten weder als Dozent noch als Teilnehmer blicken lassen. Leute mit so einer Einstellung machen den anderen nur den Workshop kaputt. Sie sollten das Urteil lieber denen überlassen, die sich aktiv am Spiel beteiligen. Dafür, dass solche Workshops im arabischsprachigen Raum etwas bringen, gibt es etliche Beweise. Nicht umsonst erfreuen sie sich nach wie vor großer Beliebtheit. Etliche vielversprechende Künstler und gute Bücher sind aus diesen Workshops hervorgegangen.

Sie haben als Autor und als Übersetzer bereits zahlreiche Preise gewonnen. Was halten Sie von den Preisen, die im arabischen Raum verliehen werden, in Anbetracht der Tatsache, dass diese Preise stärker in der Kritik stehen als die entsprechenden Preise in der westlichen Welt?

Jeder Preis, ob Literaturpreis oder Übersetzerpreis, ob klein oder groß, motiviert und inspiriert den Preisträger, sowohl in materieller als auch in ideeller Hinsicht. Preise sind aber nicht der ultimative Parameter für den Schriftsteller. Wenn ein Schriftsteller zu einem ungünstigen Zeitpunkt ins Rampenlicht gerät, kann es passieren, dass dadurch seine Schwächen besonders deutlich werden, was sich für ihn letztlich eher negativ auswirkt. Irgendwann ist der Rummel um den Preis vorbei. Was bleibt, ist das Werk an sich. Das Werk muss das Zeug dazu haben, nicht in Vergessenheit zu geraten, selbst wenn der Autor längst nicht mehr lebt. Die meisten ägyptischen Preise werden fast ausnahmslos an Ägypter verliehen. Das ist ein dicker Pluspunkt, weil sie sich auf ein bestimmtes kulturelles Umfeld konzentrieren und dieses gezielt fördern. Es gibt zwar ein paar wichtige arabische Preise, die auch gewissermaßen attraktiv sind, aber wenn man deren materiellen Wert mal beiseite lässt, so muss man feststellen, dass sie noch weit davon entfernt sind, sich als namhafte Auszeichnungen im ideellen Sinne zu etablieren. Ich glaube, dass zwar einige wichtige Preise inzwischen auch in anderen Kategorien vergeben werden, dass der Roman jedoch, aus diversen künstlerischen und ökonomischen Gründen, weiterhin im Mittelpunkt des Interesses steht. Selbst im Westen sind Preise nicht vor Kritik gefeit. Das gilt sogar für den Nobelpreis. Grund dafür ist ein Wandel des künstlerischen Anspruchs und die Rolle, die persönliche Geschmäcker und ästhetische Vorlieben bei der Urteilsfindung letztlich spielen.

Hat ihr neuer Roman, angesichts der Thematik, Aussicht auf einen Preis?

Das kann kein Mensch wissen. Das hängt von vielen Umständen ab. Von der Art des Preises, zum Beispiel, und von der Jury, aber auch von den Mitbewerbern. Der Roman ist ja sozusagen noch ofenwarm. Da ist es vielleicht auch noch etwas früh, um über Preise zu sprechen.

Sie bezeichnen Ihre kreativen Experimente oft als „Spiel“. Ist das der Grund, weshalb literarisches Schaffen bei Ihnen nicht nur Schriftstellerei, sondern auch Übersetzung und Theoretisieren (Workshops) umfasst? Das Wort „Spiel“ beinhaltet ja den Wunsch, verschiedene Wege auszuprobieren und zu beschreiten. Oder haben Sie einen klaren Rahmen für ihre gesamte Arbeit?

Ich denke nicht, dass ein Zusammenhang zwischen dem Begriff „Spiel“ in der Kunst beziehungsweise im Leben ganz allgemein und der Mehrgleisigkeit besteht. Beim Übersetzen gibt es zum Beispiel keinen Platz für Spielereien. Erstens dient mir das Übersetzen als Broterwerb. Und zweitens habe ich beim Zieltext nur beschränkten Handlungsspielraum. Spielen bedeutet Spaß und Freiheit, doch auch bei den Workshops (ich würde nicht unbedingt das Wort „Theoretisieren“ benutzen) gibt es Grenzen. Das Spiel muss dort so gespielt werden, dass es nicht vorzeitig endet und die Teilnehmer maximal profitieren können, die Zeit optimal nutzen und sich wertgeschätzt fühlen.

Was die Kunst anbelangt: Ja, da gibt es tatsächlich diesen ständigen Wunsch zu experimentieren und beim Schreiben verschiedene Wege zu testen. Der einzige Rahmen, der all dies vereint, bin ich selbst, meine Erfahrung, mein Leben und das, was ich, meinen Fähigkeiten und Möglichkeiten entsprechend, erreichen will.

Ahmed Shawqy Ali
ist Schriftsteller und Journalist.

Copyright: Goethe-Institut Alexandria
Oktober 2016

Übersetzung: Andreas Bünger

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