Literaturszene Arabische Welt

Literatur als Spiegel der Realität

Foto: pixabay.com (CC0 1.0)Albtraumartiges Leben | Foto: pixabay.com (CC0 1.0)
Dystopie-Literatur: Albtraumartiges Leben in einer verkommenen Stadt, geprägt von Chaos, Unterdrückung, Armut und Krankheit | Foto: pixabay.com (CC0 1.0)

Im völligen Gegensatz zum literarischen Motiv vom Leben in der idealtypischen Stadt Utopia, in der Liebe, Gerechtigkeit, Glück und das Gute dominieren, handelt die Dystopie-Literatur vom albtraumartigen Leben in einer verkommenen Stadt, die von Chaos, Unterdrückung, Armut, Krankheit und Naturkatastrophen geprägt ist und unter der Herrschaft eines totalitären, diktatorischen Regimes steht.

Die ersten Dystopie-Romane erschienen Ende des 19. Jahrhunderts, zählten zur Science-Fiction-Literatur und zeichneten ein Bild vom Leben in der Zukunft, das in vielen Ländern der Welt auf die ein oder andere Art schon recht bald zur lebendigen Realität werden sollte: Regierungen treiben mit blutiger Gewalt und systematischer Unterdrückung die Gesellschaft in den Ruin, während sich andere Regierungen darauf beschränken, ihr Volk durch moderne Technologie und Kommunikationsmittel indirekt zu manipulieren.

Seit es sie gibt, sorgen die Dystopie-Romane für reichlich Getöse und Streit. Manche Leser unterstellen ihnen eine gehörige Portion Schwermut und Nihilismus, andere betrachten sie als Warnung vor realen Gefahren, die unbemerkt zur komplizierten Problematik ausufern und unser Leben ruinieren könnten, wenn wir nicht augenblicklich etwas dagegen tun. In den vergangenen Jahren ist das Dystopie-Motiv außergewöhnlich oft in der ägyptischen Romanliteratur aufgetaucht. Momentan finden in der ägyptischen Gesellschaft in rasendem Tempo große Umwälzungen statt – da liegt es offenbar nahe, Prognosen für die Zukunft abzugeben.

Der Roman Utopia von Ahmed Khaled Towfik wurde schon kurz nach seinem Erscheinen im Jahr 2008 zum Bestseller. Obwohl sein Titel suggeriert, dass er von einer idealtypischen Stadt handelt, zählt der Roman, angesichts der Prognose, die darin für das Leben in Ägypten in naher Zukunft abgegeben wird, inhaltlich wohl eher zu den Dystopie-Romanen: Aufgrund enormer sozialer Unterschiede, grassierender Armut und massiver Unterdrückung ist jeden Augenblick mit einer Revolution der Hungernden zu rechnen. Die Reichen kehren indes der Stadt den Rücken, um sich in der Wüste eine schwer bewachte Wohnsiedlung errichten zu lassen.

Der Roman spielt im Jahr 2023. Die Reichen haben sich in ihr neu geschaffenes „Utopia“ zurückgezogen, das von aufwendigen Schutzanlagen umgeben ist und durch Heerscharen von amerikanischen Marines bewacht wird. Wird einem dieser reichen Leute das monotone Leben zu langweilig, verlässt er die Festung, um Jagd auf einen Bewohner eines jener Armenviertel zu machen, in denen das Leben hart und entbehrungsreich ist, weil dort Armut, Krankheit, Unterernährung und Unterdrückung herrschen.

Trotz der Revolution vom 25. Januar 2011 und des enormen Optimismus, den sie anfangs auslöste, sind die Dystopie-Romane in Ägypten nicht weniger geworden, sondern mehr, vor allem nachdem die Revolution einen Rückschlag nach dem anderen erlitten hat. Im Folgenden wird von vier Romanen die Rede sein, die in den letzten drei Jahren erschienen sind und in einer dystopischen Atmosphäre spielen: aṭ-ṭābūr (arabisch, wörtlich: „Die Warteschlange“) von Basma Abdel Aziz, nisā‘u l-Karantina (arabisch, wörtlich: „Die Frauen von Karantina“) von Nael El Toukhy, cuṭārid (arabisch, wörtlich: „Merkur“) von Mohamed Rabie und istiḫdāmu l-ḥayāt (arabisch, wörtlich: „Wie man das Leben nutzt“) von Ahmed Naji.

Die vier Autoren haben ganz eigene Vorstellungen von Sprache, Erzählweise und Aufbau, wobei das Dystopie-Motiv nicht nur als Setting dient, sondern auch als Teil der Struktur und des Plots, was wiederum bei den Lesern ganz unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen hat. Viele sehen hier einen Spielraum zum rebellieren und experimentieren. Andere erheben den Vorwurf, die Sprache werde durch Verwendung unflätiger Ausdrücke in Mitleidenschaft gezogen, während die Struktur weitgehend unklar bleibe. Stattdessen sei eine brutale Dominanz von Mord, Gewalt und Sex zu beklagen.

Im Dickicht der Stadt

Der Romancier Nael El Toukhy hat die Stadt Alexandria als Schauplatz für seinen Roman nisā‘u l-Karantina (arabisch, wörtlich: „Die Frauen von Karantina“) gewählt, der sich über einen Zeitraum von der Gegenwart bis ins Jahr 2067 erstreckt. Der Leser begleitet die beiden Protagonisten Ali und Injy und bekommt dabei ein schockierendes, albtraumartiges Bild einer Stadt vermittelt, in der sich die Menschen an Böswilligkeit, Totschlag und Blutvergießen gewöhnt haben, während vom gewohnten Bild, das wir von Alexandria als altehrwürdige, multikulturelle und weltoffene Küstenstadt im Kopf haben, nicht mehr viel übrigbleibt.

Im Gespräch über seinen Roman erklärt Nael El Toukhy, ihn habe gar nicht so sehr die Schaffung eines dystopischen Orts beschäftigt, sondern vor allem die Menschen, die dort leben und ihre Art, mit den albtraumartigen Zuständen in ihrer Stadt klarzukommen. „In Ägypten“, so der Autor weiter, „wirkt, insbesondere seit der Revolution, alles ziemlich unklar und absurd, deshalb wollte ich über das Dickicht der darniederliegenden Stadt schreiben, die überhaupt nichts mehr mit den üblichen romantischen Vorstellungen von Alexandria zu tun hat.“

Die Frage der Sprache

Während einer Podiumsdiskussion im Goethe-Institut zum Thema „Das Geheimnis der zweigespaltenen Sprache“ erklärte der Autor Ahmed Naji, er teile die landläufige Meinung nicht, wonach literarische Sprache ästhetisch und poetisch sein müsse. Hass und Böswilligkeit seien zutiefst menschliche Gefühle, die man nicht einfach ignorieren oder bei der Arbeit als Künstler verdrängen könne. Diese Gefühle manifestieren sich auch in bestimmten Ausdrücken, deren Verwendung eine künstlerisch-kreative Notwendigkeit sei, die jeder Autor ganz individuell auslegt.

„In Kairo sind ganze Gegenden zur Wüste geworden, in denen man zivilisatorische und historische Errungenschaften auf ungeheuerliche Weise und in ungeheurem Umfang verkommen ließ. Am schmerzhaftesten ist die Tatsache, dass für Millionen von Menschen das Leben den Bach runtergegangen ist, und dass Abermillionen gerade schmerzlich mit ansehen müssen, wie das letzte Bisschen, was von ihrem Leben geblieben ist, den Bach runtergehen soll.“ Mit diesen Worten beschreibt Ahmed Naji die Stadt Kairo in seinem Comicroman istiḫdāmu l-ḥayāt („Wie man das Leben nutzt“), der vom Zeichner Ayman al-Zorkany illustriert wurde und in einer albtraumartigen Atmosphäre spielt, in der die Stadt gewaltigen klimatischen, architektonischen, historischen und machtspezifischen Herausforderungen gegenübersteht.

Angst und Gewöhnung

Der Roman aṭ-ṭābūr („Die Warteschlange“) der Autorin Basma Abdel Aziz hat nur eine einzige räumliche und zeitliche Dimension und handelt vor allem von der Herrschaft der Mächtigen über die Bürger durch die Verbreitung von Angst und Lügen. Symbolisch für die Macht der Mächtigen steht „das Tor“, vor dem die Bürger in einer langen Schlange darauf warten müssen, dass es sich öffnet und sie die erforderliche Genehmigung erhalten, ihr Leben leben zu dürfen, doch allmählich gerät das Warten in der Schlange zum eigentlichen Lebensinhalt.

„Der Roman“, so Basma Abdel Aziz, „könnte theoretisch zu jeder beliebigen Zeit und an jedem beliebigen Ort spielen. Es geht darin ohne Umschweife um die Mächtigen, die Lügen in die Welt setzen und die Geschichte nach Gutdünken neu schreiben.“ Eine der wichtigsten Fragen, die sie beim Schreiben des Romans umgetrieben habe, sei die Frage gewesen, ob diejenigen, die auf unterdrückerische Weise über uns herrschen, tatsächlich so clever und gerissen sind, wie wir glauben, oder ob wir da vielleicht in unserer Wahrnehmung und deshalb auch mit unserer Ängstlichkeit etwas übertreiben? Basma Abdel Aziz gibt die Antwort selbst: „Die Bürger, die vor der Tür warten, teilen sich in zwei Teile. Ein kleiner Teil lehnt sich auf, der andere Teil weigert sich, sich aufzulehnen und redet sich stattdessen ein, hinter dem Tor Stimmen zu hören. Es geht also um Anpassung und Gewöhnung. Angst entsteht in unserem Innern, wächst beständig und nimmt uns schließlich völlig in Beschlag.“

Islam Anwar
ist freiberuflicher Journalist in Ägypten.

Copyright: Goethe-Institut Kairo
September 2018

Übersetzung: Andreas Bünger

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