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Harte Arbeit, die Spaß macht

Foto: pixabay.com (CC0 1.0)Harte Arbeit, die Spaß macht | Foto:pixabay.com (CC0 1.0)
Harte Arbeit, die Spaß macht | Foto:pixabay.com (CC0 1.0)

In den letzten 15 Jahren sind etliche Kinderbücher erschienen, die Walid Taher illustriert und teilweise auch mit Texten versehen hat. Den lustigen Zeichnungen und den originellen, widersprüchlichen Figuren ist seine langjährige Tätigkeit als Karikaturist anzumerken.

Walid Taher wählt bewusst ganz verschiedene Themen für seine Kinderbücher. Durch eine schnörkellose, prägnante Sprache lässt er seinen jungen Lesern, die er wie bei einem Fragespiel in die jeweilige Geschichte einbezieht, maximalen Entfaltungsspielraum. Dabei kombiniert er virtuos verschiedene kreative Elemente aus Dichtung und bildender Kunst. Eslam Anwar hat mit Walid Taher über dessen Arbeit als Kinderbuchautor und -illustrator, aber auch über die journalistische Arbeit als Karikaturist gesprochen.

In Ihren Kinderbüchern fungieren Sie nicht nur als Illustrator, sondern auch als Autor. Wie ist das für Sie? Und was ist schwieriger? Schreiben oder Illustrieren?

Mit Illustrationen kann man sehr viel ausdrücken. Aber diese Ausdruckskraft entsteht ganz still und eher durch Symbolik. Texte sind viel präziser und klarer. Wenn ein Buch allerdings zu textlastig wird, fangen die Leser an sich zu langweilen. Das ist natürlich nicht der Sinn der Sache. Deshalb achte ich stets darauf, so viel wie möglich durch Illustrationen auszudrücken. Mit dem Text arbeite ich dann die Idee, die hinter den Illustrationen steckt, noch deutlicher heraus. Beides zusammen soll ein möglichst homogenes Kunstwerk ergeben. Am schwierigsten finde ich, dass mir das Schreiben immer recht anstrengend vorkommt. Beim Zeichnen gibt es immer irgendeine Lösung, einen Trick oder eine unkonventionelle Idee. Bei den Texten hat man dagegen nur die Sprache zur Verfügung und ein Repertoire an einfachen Wörtern, die zwar aussagekräftig, aber trotzdem den Kindern geläufig sein müssen. Somit ist das Schreiben ein relativ klar abgestecktes Terrain, während das Zeichnen unendliche Horizonte eröffnet.

In den letzten zehn Jahren erlangten Kinderbücher in Ägypten und in anderen arabischen Ländern eine gewisse Popularität. Was muss, Ihrer Ansicht nach, ein guter Kinderbuchautor und -illustrator können?

Erstens muss er offen für die Welt der Kinder sein. Und er muss begreifen, dass viele Kinder den Erwachsenen in Sachen Wissenserwerb und Emotionen etwas voraus haben. Außerdem haben nicht alle Kinder denselben Geschmack. Es wird also kein Buch geben, das allen Kindern gefällt. Manche Kinder mögen eine ganz bestimmte Art von Illustrationen. Manche wollen möglichst realistische Geschichten, während es für andere gar nicht schräg genug sein kann. Zweitens muss man seinen eigenen, individuellen Ideen nachgehen und nach dem Kind suchen, das in jedem von uns steckt, anstatt auf irgendwelche Stereotype zurückzugreifen. Drittens muss man den Kindern genug Spielraum lassen, damit sie selbst aktiv mitdenken und experimentieren können. Sie sollten als Protagonisten an der jeweiligen Geschichte teilhaben und sie nicht nur passiv konsumieren. Viertens muss das Buch mit all seinen grafischen und inhaltlichen Elementen für Kinder spannend, lustig und lehrreich gestaltet sein.

In den letzten Jahren hat es ja eine rasante technologische Entwicklung gegeben. Elektronische Geräte und Spiele sind im Leben der Kinder inzwischen sehr stark präsent. Wirkt sich das, Ihrer Meinung nach, negativ auf die Verkaufszahlen bei Kinderbüchern aus? Und inwieweit könnten interaktive E-Books für Kinder attraktiv sein?

Ich glaube, für das Lesen war diese Entwicklung ganz gut, denn in den Familien wird jetzt wieder verstärkt geschaut, wie man den Kindern mit gedruckten Büchern eine andere Sichtweise auf die Welt anbieten und sie ein wenig von den digitalen Spielen weglocken kann. Außerdem ist die technologische Entwicklung hilfreich, was den Buchdruck und die Qualität von Farben und Illustrationen anbelangt. Bei E-Books gibt es erste Versuche, aber nur in geringem Umfang, denn dazu braucht es Software-Firmen, die mit den Verlagen zusammenarbeiten.

Was sind die größten Herausforderungen für Kinderbuchautoren, für Kinderbuchverlage und für Kinder- und Jugendbuchhandlungen in Ägypten und in anderen arabischen Ländern?

In Ägypten stellt die wirtschaftliche Lage eine große Herausforderung dar. Papier- und Druckkosten sind gestiegen, da wird es für viele Familien schwierig, sich Bücher zu leisten. Im arabischsprachigen Raum muss auch noch einiges unternommen werden, um Kinderbücher bestimmten Kategorien zuzuordnen. Das kann eine Einteilung nach Altersgruppen sein. Oder eine Einteilung in Wissenschaft, Belletristik und Didaktik. Oder eine Einteilung nach anderen Kriterien, wie beispielsweise in einigen europäischen Ländern, wo nach Seitenzahlen oder nach Text- bzw. Bildanteilen kategorisiert wird. Insbesondere bei den Kinderbüchern fehlen uns auch Studien, die sich speziell mit der Psyche von Kindern und mit Lesegewohnheiten von Kindern auseinandersetzen.

In den meisten Ihrer Bücher geht es darum, dass die Kinder eine eigene Welt haben, in der sie eigene Entscheidungen fällen und sich auf sich selbst verlassen können. Wie dringen Sie in diese Welt vor und inwieweit können Sie davon profitieren, selbst Vater zweier Kinder zu sein?

Vater zu sein ist auf jeden Fall eine ganz wichtige Erfahrung. Ein neues Leben erwacht, man beobachtet, wie sich das Kind bewegt, wie sich seine Wahrnehmung entwickelt, seine Körpersprache, wie es denkt. Man erfährt, wofür es sich interessiert, wie es die Welt sieht, wie es eine Beziehung zu den Dingen, zu Menschen, Pflanzen, Tieren, toter Materie aufbaut. Und wie sich die Kinder voneinander unterscheiden. Bei vielen meiner Geschichten waren meine Kinder die Inspirationsquelle, entweder für die ganze Geschichte oder zumindest für einen Teil davon. Bei der Geschichte vom schwarzen Punkt war es zum Beispiel eines meiner Kinder, von dem die Idee stammte, wie man diesen Punkt auf ganz einfache Weise loswerden kann.

Sie machen nicht nur Kinderbücher, sondern Sie arbeiten auch als Karikaturist für die Presse. Worin besteht der wichtigste Unterschied zwischen diesen beiden Tätigkeiten?

Kinderbücher sind langlebiger. Sie begleiten die Leser über Tage und Wochen, sind oft jahrelang in den Buchläden erhältlich. An einem Kinderbuch zu arbeiten macht extrem Spaß, weil ich dem Kind in mir freien Lauf lassen kann. Trotzdem ist die Arbeit an einem Kinderbuch recht hart, sie erfordert Geduld, Fleiß und ständiges Überlegen, damit ein optimales Endergebnis herauskommt. Bei Karikaturen für die Zeitung muss es dagegen schnell gehen, es gibt immer einen Abgabetermin, der eingehalten werden soll. Insgesamt hat man bei Büchern auch mehr kreative Freiheit als bei der Zeitung. Im Buch kann man allen möglichen Ideen nachgehen, bei der Zeitung ist alles mit Erwägungen und Risiken verbunden, je nach Kontext und je nachdem, wie viele Leser und welche Leute die Zeitung nachher zu lesen bekommen. Deshalb gibt es bei der Arbeit für die Zeitung im Vergleich zur Arbeit an Büchern viel weniger Freiraum für Kreativität und für Experimente.

Walid Taher ist Karikaturist, Puppenmacher und Kinderbuchautor. Er wurde 1969 geboren, hat ein Studium an der Fakultät der Schönen Künste im Fach Raumgestaltung absolviert und bereits für zahlreiche ägyptische Zeitungen gearbeitet. Von ihm sind etliche Kinderbücher erschienen, darunter ḥabba hawā‘ (wörtl.: „Luftpartikel“), an-nuqṭa as-saudā‘“ (wörtl.: „Der schwarze Punkt“), ‘aḥlām al-ḥayawānāt (sinngemäß: „Was Tiere träumen“) und šarika Fizo (wörtl.: „Firma Fizo“).

Islam Anwar
ist freiberuflicher Journalist in Ägypten.

Copyright: Goethe-Institut Kairo
Oktober 2018

Übersetzung: Andreas Bünger

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