Buchmarkt

Auch Pferde können ein totaler Flop sein

Goethe-Institut KairoKinderbücher sind eine Welt für sich. In Ägypten haben es Kinderbuchverleger besonders schwer. Verlagsleiterin Petra Albers spricht mit ihnen über die Programmplanung im Kinderbuchverlag.

Petra Albers, Verlagsleiterin Beltz & Gelberg; © Goethe-Institut Kairo
Petra Albers, Verlagsleiterin
Beltz & Gelberg
Dinosaurier, Prinzessinnen, Ritter und Pferde lieben alle Kinder, denkt man. Bücher über eben solche Themen sollten sich dementsprechend gut verkaufen, dachte sich auch Petra Albers, Verlagsleiterin von Beltz & Gelberg. Doch sie wurde eines besseren belehrt, niemand wollte das Pferdebuch kaufen, das sie auf den Markt gebracht hatte. „Auch Pferde können ein totaler Flop sein.“ Eine wichtige Lektion für die Verlagsleiterin, die 2004 als Lektorin und 2007 als Programmdirektorin bei Beltz & Gelberg begann. Damals begann sie, die Kinderbuchliste des Verlages zu erneuern. Die Fragen, die sie und ihr Team sich stellten: Was macht unsere Marke aus, was ist unsere Vision, wer ist unser Publikum, wen wollen wir ansprechen? Alle Mitarbeiter des Verlags nahmen an mehreren Workshops teil, um genau diese Fragen zu beantworten. Heute haben alle das gleiche Bild vor Augen, wenn sie sich ihren Kunden vorstellen. „Auch die Mitarbeiter des Marketing wissen genauer, wie der Kunde aussieht und lebt, den wir ansprechen wollen“, sagt Petra Albers.

Eine wichtige Lektion auch für die Teilnehmer des Trainingsprogramms für Kinderbuchverleger im Goethe-Institut Kairo, mit denen Petra Albers am 30. Oktober 2012 über Programmplanung im Kinderbuchverlag spricht. In drei Modulen à drei Tagen richtet sich das Fortbildungsprogramm an Kinderbuchverleger und Verlagsmitarbeiter, die sich umfassend zu allen im Verlag relevanten Themen, Aufgaben und Bereichen weiterbilden wollen – von betriebswirtschaftlichem Basiswissen über Programmplanung bis hin zu Herstellung und Gestaltung, Tablet Publishing sowie (Online) Marketing.

Seit 2008 führt das Goethe-Institut Kairo Trainingsprogramme für ägyptische Verleger durch, die vom Ägyptischen Verlegerverband unterstützt werden. Als Teil der Transformationsprojekte finden neben dem Trainingsprogramm für Kinderbuchverleger noch zwei weitere Verleger-Fortbildungen in diesem Jahr statt. Das Goethe-Institut bietet jungen Verlegern die Chance, Hospitationen in deutschen Verlagen zu absolvieren und Buchhändlern die Möglichkeit, vier Wochen lang in einer deutschen Buchhandlung zu hospitieren.

Das arabische Verlagswesen

Einer, der von Anfang an mit dabei gewesen ist, sitzt auch heute in der Runde im Goethe-Institut. Sherif Bakr hat gemeinsam mit Sherif Kassem und dem Goethe-Institut das Langzeitprojekt „Training Programme for Publishers from the Arab World“ organisiert, um dem arabischen Verlagswesen zu helfen sich zu modernisieren. Denn obwohl das Verlagswesen in der arabischen Welt eine lange Tradition hat und Ägypten mit seinen zahlreichen Verlagshäusern und seiner internationalen Buchmesse über die größte Buchindustrie der Region verfügt, krankt es im arabischen Verlagswesen an vielen Dingen. Meist sind die Verlage alt-eingesessene Familienbetriebe, die extrem hierarchisch aufgebaut sind und in denen Entscheidungen über das Verlagsprogramm kaum bis gar nicht kommuniziert werden. Zudem fehlen Vertriebsstrukturen fast gänzlich. Doch das größte Problem der arabischen Verleger ist, dass ihnen das Publikum fehlt.


Als Petra Albers in ihrer Power-Point-Präsentation Beispiele von Kinderbüchern zeigt und die Anzahl der bisher verkauften Exemplare, schütteln einige der Teilnehmer ungläubig ihre Köpfe. 20.000 verkaufte Exemplare eines Kinderbuchs - bei Bestsellern wie den Büchern von Cornelia Funke gehen die Zahlen sogar in den sechsstelligen Bereich – davon können arabische Verleger nur träumen. Denn obwohl 300 Millionen Menschen Arabisch sprechen, werden durchschnittlich nur 1000-3000 Exemplare eines Buches gedruckt, erklärt Sherif Barkr. Doch er ist Optimist. 2005 übernahm er von seinem Vater den Familienbetrieb Al-Arabi. „Wir haben den schwersten und dunkelsten Teil hinter uns gebracht“, sagt Sherif Bakr. Die Kurve zeige nach oben. „Es wächst eine neue Generation heran, die andere Dinge lesen will und interessiert ist.“

Am Nachmittag teilt Petra Albers die Teilnehmer des Workshops in drei Gruppen auf. Die sollen sich mit dem Phänomen „Generationenübergreifender Titel“ befassen. Diese Bücher sind für die Zielgruppe „Plus 12“ geschrieben, werden aber auch von Erwachsenen gelesen. Berühmteste Beispiele für solche Bücher sind die Harry-Potter-Bände sowie die Twilight-Saga. „Deutschland ist zum Teil eine All-Age-Gesellschaft, Kinder müssen schnell erwachsen werden, Erwachsene wollen so lange wie möglich jugendlich bleiben, Kinder wie Erwachsene tragen die gleiche Kleidung, hören ähnliche Musik. Es gibt andere Konflikte als früher zwischen den Generationen“, sagt Albers. Dort läge eventuell auch die Basis für Bestseller wie die Twilight-Saga. Doch funktioniert so etwas auch in der arabischen Welt? Wie müsste solch ein Titel aussehen, was für ein Sujet könnte alle Generationen interessieren? Nach kurzer Bedenkzeit stellen die drei Gruppen ihre Titel vor: ein Ratgeber, ein Roman in Tagebuchform sowie ein Thriller. „Diese Übung zeigt, wie schwer es ist, gute, generationenübergreifende Literatur zu finden“, sagt Petra Albers. Sherif Bakr hakt ein, dass die meisten Verlage das Risiko scheuen würden, sich auf völlig Neues einzulassen. „Niemand wagt, quer zu denken. Erst wenn es einer gewagt hat - so wie bei Harry Potter - und es funktioniert, folgen auch die anderen.“

Kinderbücher als Spezialität

In Ägypten gibt es nur wenige ägyptische Verlage, die sich auf die Publikation von Kinderbüchern spezialisiert haben. Einer davon ist der Al-Balsam Verlag, der 2004 von Balsam Saad gegründet wurde. Auch sie nimmt am Trainingsprogramm für Kinderbuchverleger im Goethe-Institut teil. Nicht zum ersten Mal. „Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich schon an diesen Fortbildungskursen teilgenommen haben“, sagt Balsam Saad, „und ich bin jedes Mal wieder erpicht darauf, dabei zu sein.“ Die Kurse seien immer wieder eine Inspiration für sie. „Ich lerne viel und es ist gut, Erfahrungen auszutauschen. Wir haben hier ein Netzwerk, auf das wir bauen können, in dem wir Erfahrungen und Informationen austauschen können. Das ist extrem wichtig.“

Ebenso, wie von deutschen Verlegern zu hören, wie sie mit Problemen und den Herausforderungen des sich wandelnden Buchmarktes umgehen. „Ich schreibe alles mit, um später immer wieder auf meine Notizen zurückgreifen zu können“, sagt Balsam Saad.

Denn wenn man in der alltäglichen Arbeit und den damit einhergehenden Kämpfen feststeckt, gehen die guten Vorsätze schnell verloren. So wie der Tipp von Petra Albers, sich auf seine Zielgruppe zu konzentrieren, eine Vision zu haben und diese Vorgaben regelmäßig zu überprüfen.

„Manchmal denke ich, dass wir nicht schnell genug sind, dass wir Dinge besser umsetzen müssten“, sagt Balsam Saad. Doch wenn sie dann zurückblickt und sieht, mit welchen Grundproblemen sie sich noch vor ein paar Jahren auseinandergesetzt haben dann sieht sie, wie weit sie gekommen sind, wie viel ihr die Trainingsprogramme persönlich gebracht haben. „So schnell zieht mich keiner mehr über den Tisch.“

Verlage bilden eine Schlüsselstelle in der Wissensgesellschaft und stehen in direktem Zusammenhang mit dem Bildungssystem, dem kulturellen und intellektuellen Leben eines Landes. Das Goethe-Institut fördert Verleger, Kinderbuchverleger und Buchhändler im Rahmen von Trainings- und Hospitationsprogrammen. In Zusammenarbeit mit der Arab Academy for Professional Publishing und der Akademie des Deutschen Buchhandels werden diese Programme direkt auf die Zielgruppe hin konzipiert. Auf diese Weise erhalten die Teilnehmer auch die Gelegenheit, intensive Kontakte zu internationalen Verlegern bzw. Buchhändlern zu knüpfen und langfristige bilaterale Kooperationen zu entwickeln.

Amira El Ahl
lebt und arbeitet als Journalistin und Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten in Kairo.

© Goethe-Institut Kairo
Februar 2013

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