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Für mehr Licht in der Black Box – Jo Lendle über moderne Verlagsarbeit

© Mario GiordanoJo Lendle; © Mario Giordano
Jo Lendle (Foto: Mario Giordano)

Im Januar 2014 hat der Schriftsteller Jo Lendle die verlegerische Geschäftsführung des Hanser Verlags übernommen. Im Gespräch erklärt er, wie die Digitalisierung den Literaturbetrieb verändert und was einen zeitgemäß agierenden Verlag auszeichnet.

Herr Lendle, Sie werden als Nachfolger von Michael Krüger den Münchener Hanser Verlag leiten. Ist das eine Aufgabe, die Ihnen Respekt einflößt?

Auf jeden Fall – der Verlag ist eine literarische Institution. Seine Bücher begleiten seit Jahrzehnten jeden, der hierzulande der Literatur verfallen ist. Und mit der gebotenen Ehrfurcht vor dieser Tradition freue ich mich darauf, sie fortzuschreiben.

Sie sind wie Michael Krüger auch Autor. Gerade erst, im August, ist Ihr neuer Roman „Was wir Liebe nennen“ erschienen. Sind Autoren die besseren Verleger?

Wohl kaum. Gut lesen können andere auch. Wir haben wahrscheinlich ein wortloseres Verständnis für bestimmte Aspekte des Autorendaseins, aber das würde ich nicht überbewerten.

Schriftstellerverbände in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben im Winter 2012/2013 eine Umfrage unter Autorinnen und Autoren durchgeführt. 33 Prozent aller Befragten sind grundsätzlich unzufrieden mit ihrem Verlag. 17 Prozent bekunden sogar sehr große Unzufriedenheit. Können Sie das nachempfinden?

Michael Krüger, verlegerischer Geschäftsführer des Hanser Verlags bis Dezember 2013; © Peter-Andreas HassiepenIch kenne die Umfrage, aber nicht die genauen Fragestellungen. Da kommen ja sehr unterschiedliche Formen von Unzufriedenheiten in Frage: Verträge, Mitsprache, Positionierung, Verkaufserfolg. Es gibt gewiss ungute Erfahrungen, aber es gibt auch den ganz banalen Grundkonflikt: Ein Verlag hat viele Bücher, jedes Buch aber nur einen Verlag. Wer jahrelang an seinem Manuskript gearbeitet hat, bringt nicht immer Verständnis für geteiltes Verlagsengagement auf. Wobei die Umfrage keinen Unterschied zwischen unterschiedlichen Verlagstypen macht – für die bedeutenderen literarischen Häuser gehe ich davon aus, dass die Zufriedenheit der Autoren deutlich höher liegt.

Sind die Veränderungen zur digitalen Gesellschaft für den Literaturbetrieb eigentlich wirklich so fundamental, wie oft getan wird?

Allerdings – nicht anders als für den Rest der Welt auch. Und ebenso wie im sonstigen Leben gibt es höchst erfreuliche und hilfreiche Aspekte. Neue Formate werden früher oder später auch neue Erzählweisen nach sich ziehen.

Jo Lendle „Was wir Liebe nennen“, © Deutsche VerlagsanstaltAber es gibt eben auch einiges, das mir Sorgen bereitet. Zentrale Stichworte wären das Urheberrecht oder die Buchpreisbindung – für die Entstehung von Literatur und für ihre Verbreitung schaffen beide kaum zu ersetzende Grundbedingungen. Und so angenehm das rasche Herunterladen ist, so muss jeder Leser selbst entscheiden, wo genau das geschieht. Auch viele Buchhändler vor Ort bieten mittlerweile den gleichen Service wie die globalen Downloadriesen. Denn eines muss jedem deutlich sein: Die heutigen Quasimonopolisten im digitalen Vertrieb schließen genau jene unentbehrlichen Teile des Buchhandels aus, die neue Autoren und ihre Bücher entdecken, empfehlen und durchsetzen.

Nie war es einfacher als heute, eigene Texte zu publizieren und zu verbreiten. Müssen sich Verlage im Zeitalter von Selfpublishing neu definieren?

Was sich ändert: Die Verlage bieten nicht mehr den einzigen Weg in die Öffentlichkeit. Das betrifft momentan eher die selbsterklärenden Genres als die literarischen Titel. Aber die Veränderungen sind ein guter Anlass, über unser Selbstverständnis nachzudenken und gemeinsam mit den Autoren die neuen Beweglichkeiten mit der Stärke einer Verlagsmarke zu kombinieren. Wenn dabei etwas Licht in die Black Box Verlag fällt, ist mir das durchaus recht.

Sind Verlage Ihrer Meinung nach Kulturvermittler?

Ich habe Kulturvermittlung studiert – und frage mich seither, ob das, was wir im Verlag tun, die Ideen meines Studiums erfüllt oder ob es nicht etwas ganz anderes ist. Im traditionellen Sinne führte Kulturvermittlung etwas Abgeschlossenes auf neue Weise vor und ergänzte, färbte und akzentuierte es dabei. Die Arbeit eines Verlages setzt insofern früher an, als sie in der Regel bereits auf den Schaffensprozess einwirkt. Aber heutzutage neigt man dazu, fast alles als kreative Tätigkeit zu begreifen, also auch die Kulturvermittlung. Da sitzen wir ohnehin mit den Kücheneinrichtern, Floristen und Kieferorthopäden in einem kreativen Boot.

Wie sieht für Sie ein zeitgemäßer Verlag aus?

In der Programmarbeit erstaunlich traditionell, wobei zur Tradition ja immer die Begleitung, Spiegelung und Kommentierung der Gegenwart gehörte. In allem anderen in neugierig-interessierter Halbdistanz zu den stündlich ausgerufenen neuen Medienrevolutionen.

Was wünschen Sie sich für Ihre zukünftige Aufgabe?

Was man so braucht: gutes Händchen, gutes Näschen, klares Köpfchen.

Dagmar Giersberg
stellte die Fragen. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Januar 2014

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