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„Die Virtuelle Stadtbücherei ist ein Selbstläufer“ – Hannelore Vogt im Gespräch

Hannelore Vogt; © Südpol-Redaktionsbüro/T. KösterHannelore Vogt; © Südpol-Redaktionsbüro/T. Köster

2007 haben die ersten deutschen Bibliotheken die sogenannte Onleihe – also die Ausleihe digitaler Medien über das Internet – eingeführt. Nach einem eher verhaltenen Start ist sie heute aus dem Angebot von Großstadtbibliotheken kaum wegzudenken. Ein Gespräch mit Hannelore Vogt, Direktorin der Stadtbibliothek Köln.

Frau Vogt, im Mai 2007 hat die Stadtbücherei Würzburg, deren Leiterin Sie damals waren, als eine der ersten Bibliotheken in Deutschland die Onleihe gestartet. Noch ein Jahr später haben Sie gesagt, dass die virtuelle Stadtbücherei kein Selbstläufer sei. Wie sieht es heute aus?

Die Onleihe hat inzwischen Laufen gelernt. Sie ist State of the Art. Die Stadtbibliotheken in Würzburg, Köln, Hamburg und München waren damals die Vorreiter, heute bieten die meisten deutschen Großstadtbibliotheken die Onleihe an.

Die Rückmeldungen unserer Kunden in der Stadtbibliothek Köln zeigen deutlich, dass wir heute keine Überzeugungsarbeit mehr leisten müssen. Wir haben unseren Etat für die Onleihe 2012 um 62 Prozent erhöht, wir geben pro Jahr 105.000 Euro für E-Books aus – und trotzdem können wir die Nachfrage unserer Kunden nicht hundertprozentig erfüllen.

Durch kontinuierliche Beobachtung der Nutzung und Kundenfeedback versuchen wir aber, das Angebot attraktiv und nachfrageorientiert zu gestalten.

E-Book-Reader in der Stadtbücherei Köln; © Südpol-Redaktionsbüro/T. Köster

Ausleihe von E-Books boomt

Wie hat sich denn die Nutzung in den letzten Jahren entwickelt?

Jahrelang ging es zwar stetig, aber doch recht langsam aufwärts. Seit 2012 boomt die Onleihe, genau genommen: seit dem Weihnachtsgeschäft 2011. Damals hat der Online-Buchhändler Amazon mit dem Kindle-E-Book-Reader viel Werbung gemacht und so ist das Thema insgesamt präsenter geworden. 2012 hatten wir eine Nutzungssteigerung von 95 Prozent!

Zurzeit werden bei uns circa 13.000 E-Books pro Monat entliehen. Für 2013 rechnen wir mit 150.000 Nutzungen. Natürlich muss man sehen, dass das im Vergleich zur Buchausleihe immer noch ein sehr kleines Feld ist – auch, was den Bestand betrifft: Hier konkurrieren 20.000 E-Books mit einem gedruckten Bestand von 500.000 Einheiten.

Mit dem Angebot von E-Books sind ja durchaus hohe Kosten für die Bibliotheken verbunden …

Ja, aber ich sehe das als eine wichtige Investition in die Zukunft. Natürlich braucht ein neues Produkt immer auch eine gewisse Vorlaufzeit. Wären wir erst Ende 2011 in die Onleihe eingestiegen, dann würden wir dem Bedarf jetzt total hinterherhinken.

Inzwischen setzen es die Kunden übrigens als selbstverständlich voraus, dass eine moderne Bibliothek E-Books anbietet. Die Frage lautet nicht mehr: „Haben Sie E-Books?“, sondern „Was und wie viele haben Sie?“

QR-Code in der Stadtbücherei Köln; © Südpol-Redaktionsbüro/T. Köster

Kaum Neukunden, viele Parallelnutzer

Wer nutzt denn die Onleihe hauptsächlich?

Der Altersschwerpunkt unserer E-Book-Nutzer liegt bei 40 bis 49 Jahren. 60 Prozent der Nutzer sind Frauen. Und oft sind es Vielleser.

Man muss sagen, dass uns die Onleihe relativ wenig Neukunden beschert hat. Wir haben es eher mit Parallelnutzern zu tun, die in beiden Welten – der realen und der virtuellen – zuhause sind. Übrigens geht nach unserer Erfahrung das Lesen von E-Books nicht unbedingt auf Kosten des Lesens gedruckter Bücher.

Welche E-Books sind besonders gefragt?

Wir haben eine recht starke Nutzung im Bereich Belletristik. Auch das Ratgeber-Segment ist stark gefragt – und natürlich das Hörbuch, das ja geradezu für den Download prädestiniert ist. Daneben werden auch Tages- und Wochenzeitungen gut genutzt.

Wie hat sich das Angebot der Onleihe für Bibliotheken verändert?

Bibliotheken können mittlerweile Zugriffe unterschiedlich hoher Zahl auf ein E-Book kaufen. Damit eröffnet der Anbieter die Möglichkeit, dass mehrere Leute gleichzeitig ein Buch nutzen können. Diese sogenannte XL-Ausleihe ist eine gute Entwicklung. Sie können sich vielleicht vorstellen, dass wir unseren Kunden nur schwer verständlich machen können, dass ein digitales Medium entliehen sein kann.

E-Book-Sprechstunde in der Stadtbücherei Köln; © Südpol-Redaktionsbüro/T. Köster

Sprechstunden zu E-Book-Readern

Bewerben Sie die Onleihe noch?

Ja, wir machen permanent Werbung für die Onleihe. Seit Oktober 2011 bieten wir eine E-Book-Reader-Sprechstunde an. Dort kann man sich einmal die Woche informieren und unter Anleitung Geräte testen. Wir haben alle gängigen E-Book-Reader zum Ausprobieren hier im Haus. Und wir verleihen sie auch.

Darüber hinaus achten wir darauf, dass unsere virtuellen Angebote deutlich im Haus sichtbar sind. Wir weisen an mehreren Stellen in der Bibliothek mit QR-Codes auf E-Angebote hin. Und in unsere vorbestellten Medien legen wir Lesezeichen, auf denen auf die E-Book-Ausleihe hingewiesen wird.

Als die Onleihe gestartet ist, waren die Endgeräte noch keineswegs ausgereift …

Das hat sich zum Glück geändert. Heute gibt es ein breites Angebot an guten E-Book-Readern. Allerdings werden sie ja mittlerweile eher als Zwischenmedium gesehen. Der Trend geht eindeutig hin zum Lesen auf mobilen Endgeräten, die mehr als einem Zweck dienen – auf Smartphones und vor allem Tablets. Das ist ein enorm großer Wachstumsmarkt, der sicher auch auf die Onleihe zurückwirken wird.

Dagmar Giersberg
stellte die Fragen. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Juni 2013

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