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Was haben ägyptische Verleger eigentlich gegen E-Books?

Foto: Alexander Heimann © Frankfurter BuchmesseDevices Hot Spot auf der Frankfurter Buchmesse | Foto: Alexander Heimann © Frankfurter Buchmesse

Wir Verleger aus Ägypten und den anderen arabischen Ländern jammern ja immer ganz gern. Nichts als Probleme. Und keine adäquate Lösung in Sicht, zumindest nicht auf den ersten Blick. Doch wer schaut schon genauer hin? Offenbar niemand. Denn auf den zweiten Blick offenbart sich eine unermessliche Fülle von Möglichkeiten und Chancen. Etliche Probleme ließen sich eigentlich ganz leicht lösen. Die Verlage könnten traumhafte Erfolge verbuchen, und wir Verleger hätten überhaupt keinen Grund mehr, uns zu beklagen.

Das Buch als Druckerzeugnis – ein Problemkind

Herkömmliche Bücher lassen sich im arabischsprachigen Raum nur schwer vermarkten, ganz zu schweigen vom internationalen Markt für arabische Literatur. Da sind zum einen die logistischen Probleme. Bücher von A nach B zu transportieren ist mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, zumal die Fracht- und Transportkosten stetig steigen. Ein weiteres Hindernis stellt die Zensur dar. Manche Bücher können den Leser oftmals nur deshalb nicht erreichen, weil er in einem überaus fürsorglichen Staat lebt, der es für ratsam hält, seine Untertanen bei der Auswahl des geeigneten Lesestoffs bevormunden und ihnen bestimmte Bücher vorenthalten zu müssen. Auf materieller Ebene kommt es außerdem immer wieder zu Reibereien zwischen Verlegern, Großhändlern und Buchhandlungen, wenn es um die Begleichung von Rechnungen geht. Auch beim Marketing hapert es oft gewaltig, sodass die Leser nur in den seltensten Fällen einen umfassenden Überblick über verfügbare Autoren, Themen und Neuerscheinungen haben.

Man könnte deshalb getrost vermuten, ein Verlag würde jede Gelegenheit zur Lösung derartiger Probleme dankbar beim Schopf packen und nichts unversucht lassen, um seine Leserschaft besser erreichen zu können, selbst wenn er dabei unkonventionelle Wege gehen muss, die ihm bislang unbekannt waren. Doch weit gefehlt. Das Gegenteil ist immer noch die Regel. Als zum Beispiel kürzlich einer der weltweit größten Mobiltelefonhersteller in Ägypten ein groß angelegtes Online-Publishing-Projekt auf die Beine stellen wollte, bekundeten weniger als 40 der insgesamt 450 beim Ägyptischen Verlegerverband registrierten Verlage ihr Interesse. Das Projekt startete mit rund 700 Titeln, die online verfügbar waren, inzwischen sind es um die 5.000, doch selbst nach zwei Monaten Laufzeit nehmen gerade einmal 55 Verlage an dem Projekt teil. Bislang gab es insgesamt circa 30.000 Downloads, wobei es sich größtenteils um Gratisversionen zu Erprobungszwecken handelt.

e-Book | Foto: Peter Hirth © Frankfurter BuchmesseAngesichts solcher Zahlen stellt man sich natürlich schon die Frage: Was haben ägyptische Verleger eigentlich gegen E-Books? Auf diese Frage gibt es mehrere mögliche Antworten, weil die einzelnen Verlage nicht nur ganz unterschiedlich arbeiten, sondern auch ganz verschiedene Verlags­programme haben und auf ganz unterschiedliche Erfahrungen mit dem Online-Publishing zurückblicken können. In jüngster Zeit sind zahlreiche IT-Firmen gezielt auf die Verlage zugegangen und durften daraufhin auch tatsächlich eine beträchtliche Anzahl von Buchtexten im PDF-Format als Download für den Rechner oder das Smartphone ins Internet stellen. Danach ließen die Firmen nie mehr etwas von sich hören. Die Verlage haben weder irgendwelche Geldzahlungen für ihre Texte erhalten noch irgendeine Rückmeldung über deren Beliebtheit bei den Lesern. Theoretisch könnte es sein, dass ein Buch in der Zwischenzeit weltweit tausendfach heruntergeladen worden ist, ohne dass jemals mit dem Autor und dem Verlag in irgendeiner Art urheberrechtliche Fragen geklärt wurden. Besagte Pdf-Dateien auf Arabisch existieren übrigens in zweierlei Form. Zum einen in sehr vereinfachter Ausführung, bei der man die Schrift nur vergrößern kann, indem man die ganze Seite vergrößert, wobei die gezielte Suche nach einzelnen Wörtern oder Absätzen nicht möglich ist. Zum anderen gibt es die so genannten EPUB-Dateien, bei denen sich der Text vollständig dem jeweiligen Wiedergabegerät anpasst, unabhängig davon, ob es sich um ein Notebook, einen Tablet-PC oder ein Handy mit kleinem oder großem Display handelt. In diesen Dateien lassen sich problemlos einzelne Wörter und Passagen auffinden. Man kann Absätze markieren, um Schriftart, Schriftgröße, Helligkeit und Kontrast beliebig einzustellen. Einige Gerät sind dazu ausgelegt, den Text auf Wunsch sogar vorzulesen. Eine dritte Option wäre dann theoretisch noch das so genannte Kindle, zum Herunterladen von Büchern des Online-Buchversands Amazon. Diese Variante ist jedoch für arabischsprachige Bücher momentan noch nicht verfügbar und soll deswegen hier auch nicht näher behandelt werden.

Die technologischen Grundlagen des Online-Publishings sind denkbar einfach, für viele Verleger jedoch absolutes Neuland und deshalb nicht immer problemlos verständlich. Außerdem erfordert der Einsatz der Technologie diverse Investitionen, angefangen von der Anschaffung der nötigen Hard- und Software, über die Ausbildung oder Einstellung von kostenintensivem Fachpersonal, das nicht im Überfluss vorhanden ist, bis hin zum immensen Zeitaufwand, den derartige Innovationsprozesse immer mit sich bringen. Die Bereitschaft, sich dieser hohen Belastung auszusetzen, ist nicht bei allen Verlagen gleich groß und hängt im Wesentlichen davon ab, ob die Verantwortlichen derartige Schritte als dringend erforderlich erachten oder nicht. Die meisten Verlagshäuser haben bei Geschäften mit anderen Verlagen und auch mit anderen Firmen außerhalb des Verlagssektors ihre Vorbehalte, da es keinerlei verlässliche Grundlage für die Regelung von finanziellen Fragen in Geschäftsbeziehungen zwischen Verlagen, Großhändlern und Buchläden gibt. Dies gilt nicht nur für Geschäfte, bei denen beide Geschäftspartner aus Ägypten kommen, sondern auch für Geschäfte mit dem Ausland. Die Geschäftsbeziehungen der Verlage werden von diesem Mangel erheblich beeinflusst. Oft wurde nämlich bei der Ausarbeitung von Autorenverträgen die Möglichkeit einer Online-Veröffentlichung der betreffenden Titel überhaupt nicht in Betracht gezogen. Soll der Titel nun als E-Book vermarktet werden, fehlt hierfür jegliche urheberrechtliche Grundlage. Spätestens, wenn sich abzeichnet, dass die E-Book-Version das Zeug zum Verkaufsschlager hat, sind Querelen zwischen Autor und Verlag vorprogrammiert, was viele Verleger natürlich abschreckt. Darüber hinaus sind die meisten Verleger ohnehin noch immer davon überzeugt, dass die Leser Bücher lieber in der Print-Version lesen wollen und nicht als Download. Warum also unnötig investieren? Doch mit der Vorliebe für die guten alten Taschenbücher und Hardcover ist das so eine Sache. Mag sein, dass man sie noch bei derjenigen Generation von Lesern antrifft, die mit dem Geruch von Papier und Druckerschwärze groß geworden ist. Die jüngeren Leser sind definitiv auf Touchscreen geeicht, selbst Tasten am Handy empfinden sie als retro, und der Umgang mit E-Book-Readern ist für sie jetzt schon das Normalste von der Welt. Ein weiterer wichtiger Punkt sind die steigenden Buchpreise. Die Beliebtheit von Büchern im Pdf-Format hat stark zugenommen. Die Entwicklung an sich ist zwar nicht unbedingt zu begrüßen, sie hat aber immerhin dazu geführt, dass die jungen Leser heute ganz selbstverständlich mit E-Books umgehen können. Aber insbesondere bei den alten Hasen im Verlagswesen, die seit jeher nichts anderes als Print-Produkte kennen, findet die Idee vom Umstieg auf ein anderes, ebenbürtiges Medium weiterhin nur wenig Anklang. Der Mensch ist und bleibt halt ein Gewohnheitstier. Wen mag es da wundern, dass sich bisher vor allem jüngere Verlage und Verlage, in deren Chefetagen der Nachwuchs das Sagen hat, fürs Online-Publishing entscheiden konnten.

Devices | Foto: Peter Hirth © Frankfurter Buchmesse

Wie geht es weiter?

Ich persönlich bin ein Befürworter von E-Books und rechne ihnen gute Chancen für die Zukunft aus – insbesondere außerhalb Ägyptens, wo ägyptische Bücher nicht leicht zu kriegen sind und man lange Wartezeiten in Kauf nehmen muss, sofern der betreffende Titel nicht ohnehin schon, wegen der geringen Auflagenzahlen, vergriffen ist. Es gibt weltweit massenhaft Araber und Arabisch-Sprecher, die gerne die moderne und die klassische arabische Literatur lesen würden. Geld spielt für diese Zielgruppe nur eine untergeordnete Rolle, und auch der Umgang mit modernen Smartphones und Tablet-PCs gehört für sie längst zum Alltag. Daneben gibt es aber auch zahlreiche junge Leser, die nicht über die nötigen finanziellen Mittel verfügen, um sich alle Bücher kaufen zu können, die sie gern lesen würden. Für sie sind E-Books eine willkommene Alternative – man bekommt einfach mehr Lesestoff fürs Geld. Insbesondere in Forschung und Lehre wird der Vormarsch des E-Books schneller voranschreiten als in anderen Bereichen, weil elektronische Quellen leichter erhältlich und viel praktischer sind. Vor allem Schulbücher, die bisher für teures Geld angeschafft und mühsam umhergeschleppt werden mussten, sind für den Umstieg geradezu prädestiniert. Aber die Traditionsverlage stellen sich quer, weil der Löwenanteil ihrer Umsätze nach wie vor durch den Druck erzielt wird. Doch gewisse Arten von Büchern, zum Beispiel Rätselbücher, Kochbücher und bestimmte Kinderbücher, werden als E-Book mit Sicherheit mehr Anklang finden, weil das E-Book mit bestimmten technischen Funktionen aufwarten kann, die ein Print-Produkt schlicht und einfach nicht hat. Und bei den Romanen werden wohl auf Dauer selbst eingefleischte Paperback-Fans nicht auf den Komfort verzichten wollen, den das E-Book auf Reisen und in öffentlichen Verkehrsmitteln bietet, schon allein wegen des geringeren Gewichts. Stapelweise Bücher lassen sich auf diese Art völlig unkompliziert in Form eines kleinen Gerätes überall hin mitnehmen. Die E-Book-Technologie hat in jüngster Zeit enorme Fortschritte gemacht. Die einzigen, die bremsen, sind die Verleger. Weil sie Angst vor Umsatzeinbußen haben. Und weil ihnen der Mut zum Risiko fehlt. Hohe Buchpreise nehmen sie dabei wohl oder übel in Kauf. Ich persönlich glaube, dass bei sinkenden Preisen der Absatz von E-Books boomen würde. Genau das war es, wovon der verstorbene Apple-Chef Steve Jobs immer geträumt hatte, als er sich vornahm, den Bücher- und Musikmarkt mit Geräten wie dem iPhone und dem iPad komplett zu revolutionieren.

Zum Schluss ein Rat

Verleger in Ägypten und der ganzen Welt sollten ihre Einstellung zu E-Books überdenken. Es ist an der Zeit, sich vom Buch in seiner herkömmlichen Form zu verabschieden, auch wenn uns diese Form vertraut ist. Wir müssen unsere alten Denkstrukturen über Bord werfen, weil wir es als Verleger mit einer neuen Generation von Lesern zu tun haben, die mit offenen Augen durch die Welt geht, unkompliziert lebt, stets Zugriff aufs Internet hat und hauptsächlich per Handy miteinander kommuniziert. Diese Generation weiß, wo und wie man per Knopfdruck an jedwede Information gelangt, sie braucht deshalb neuartige Bücher mit neuartigen Inhalten. Andernfalls wird sich schon bald kein Mensch mehr für Bücher interessieren. Wir müssen schleunigst begreifen, wie die neue Generation von Lesern tickt und in welche Richtung die technologische Entwicklung geht. Auch wir müssen diese Richtung einschlagen, anstatt weiter unseren alten Stiefel zu machen. Wir haben keine andere Wahl, als uns mit dem Buch und einem möglichen Übergang zum E-Book auseinanderzusetzen, aber auch mit Inhalten und mit den zahlreichen Möglichkeiten des E-Books, von denen sich profitieren ließe, um dem Leser ein neuartiges, attraktives und interessantes Produkt anbieten zu können. Die Verleger sollten zunächst Nabelschau halten und überlegen, wie sie weiter vorgehen wollen. Danach müssen sie unbedingt ihre alten Denkmuster ablegen, um althergebrachte Strukturen und Abläufe revidieren und aus den dringend anstehenden Veränderungen einen maximalen Nutzen ziehen zu können. Anschließend könnten wir dann versuchen, diejenigen Dinge zu ändern, die sich nur schwer ändern lassen...

Sherif Bakr
ist Verlagsleiter von Al-Arabi Publishing and Distributing und Mitbegründer der APPA (Arab Academy for Professional Publishing)

Copyright: Goethe-Institut Kairo
Mai 2014

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