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Der Bestsellerroman – ein Krisenbericht

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Der ägyptische Roman erlebt in den letzten Jahren... ja, was eigentlich? Eine Blütezeit? Man spricht bei Literatur üblicherweise von einer Blütezeit, wenn es Innovationen gibt, wenn mit sprachlichen und inhaltlichen Konventionen gebrochen wird, wenn Alternativen zu bisherigen Versuchen geboten werden, Weltanschauungen zu vermitteln oder die Welt zu deuten.

Innovationen in der Literatur können in jedem beliebigen Kulturkreis stattfinden. Nagib Mahfuz hat typisch westliche Elemente in die arabische Literatur eingeführt, der magische Realismus hat die Literatur weltweit geprägt, ebenso wie Albert Camus mit seinem Roman „Der Fremde“ die französische Literatur.

Innovationen hauchen der Literatur neues Leben ein. Denn die Literatur lebt davon, dass Schriftsteller bekannte Fahrwasser verlassen und zu neuen Ufern aufbrechen. Nur wenn ein Aufbruch stattfindet, kann eine Blütezeit einsetzen. Meistens wagen zunächst nur Einzelne den Aufbruch, später gesellen sich dann andere hinzu und steuern ihren Teil bei. Es fällt jedoch auf, dass neben dieser Art der Blüte, der ursprünglich eine individuelle Krise und das Bedürfnis nach Innovation zugrunde liegen, seit jeher auch noch andere Formen des literarischen Aufschwungs existieren, im Sinne gesteigerter Verkaufszahlen bei Werken von Autoren, die sich von Anfang an vorgenommen haben, Unterhaltungsliteratur zu produzieren. Im Westen ist so etwas die gängige Praxis, und niemand stört sich daran, dass neben literarischen Schwergewichten wie José Saramago auch reihenweise seichte Thriller, Krimis oder Lebensberater in den Regalen der Buchhandlungen stehen und sich zudem noch erstaunlich gut verkaufen.

Man hat sich daran gewöhnt, dass Unterhaltungsliteratur weggeht, wie warme Semmeln. Stutzig wird man erst dann, wenn ein vergleichsweise schwer verdauliches Werk ähnlich starken Zuspruch findet. Dass es Bestseller gibt, hat im Westen noch nie irgendjemanden schockiert. Sicherlich werden die Bestseller auch nicht über die Maße gelobt. Es gibt sie halt einfach, diese kurzerhand als „zweitklassige Literatur“ bezeichnete Spezies. Doch wozu den Leser brüskieren? Wozu leugnen, dass sich zahllose Teenager die Welt des Lesens mit seichter Lektüre erschließen? Wozu verheimlichen, was sich die Pendler in der S-Bahn einverleiben, um die Fahrtzeit zu überbrücken? Im Westen macht man um all diese Dinge nicht viel Aufhebens: Sie existieren einfach, und jeder kann lesen, was er will.

Doppelter Boom in der ägyptischen Romanliteratur

Doch zurück zur zeitgenössischen ägyptischen Romanliteratur, die gerade in zwei Bereichen gleichzeitig boomt. Zum einen findet ein Aufbruch der inhaltlichen und stilistischen Art statt, weg vom Machfuz der 1960er Jahre, weg von der körperbetonten und ichbezogenen Romanliteratur der 1990er Jahre. Stattdessen Rückbesinnung auf die eigentliche Rolle des Romanautors, die ursprünglich darin besteht, die Welt in ihre Einzelteile zu zerlegen und die Versatzstücke zu deuten. Oder es kommen parodistische Mittel zum Einsatz, um starre Weltbilder zu erschüttern. Auch wird wieder verstärkt naturalistisch geschrieben, um die Abgründe der menschlichen Seele aufzudecken. Oder man versucht sich in politischen Utopien. Sogar eine Rückkehr zum Realismus der 1960er Jahre ist mitunter zu beobachten. All diese Phänomene sind wohlgemerkt in einer einzigen Schriftstellergeneration anzutreffen. Abgesehen davon erlebt aber auch in Ägypten die Bestsellerliteratur einen regelrechten Boom. Vergleicht man nun diese zwei Entwicklungen, so könnte man die eine als Suche nach adäquaten Ausdrucksmitteln für reale Krisen bezeichnen, während die andere den Unterhaltungswert von Literatur über alles stellt, weil leichte Kost beim Leser nun mal am beliebtesten ist. Denkt man an aktuelle Tendenzen in westlichen Ländern, so erscheint diese Dichotomie zunächst einmal ganz natürlich. Man könnte das Ganze sogar durchaus positiv sehen, denn neuerdings gibt es in der ägyptischen Literatur Erscheinungen, die es früher nicht gab, zum Beispiel Thriller oder Krimis, während andere, zum Beispiel Science-Fiction-Romane, zu fehlen scheinen. Trotzdem müssen bestimmte Fragen gestellt werden. Erstens: Taugt der Stoff eines Bestsellers etwas, selbst wenn man die Messlatte naturgemäß etwas tiefer ansetzt? Zweitens: Kennen Bestsellerautoren und ihre Kritiker (sofern vorhanden) den Unterschied zwischen einem Roman von Dostojewski und von Agatha Christie? Ich persönlich habe nämlich den Eindruck, dass so mancher Bestsellerautor sein Heil in der seichten Literatur sucht, ohne auch nur die einfachsten Regeln zu kennen – als sei das Ganze nur ein Klacks. Entsprechend schwach ist das Arabisch der Texte und auch deren Stil. Spannung scheint das einzige zu sein, was zählt. Doch selbst der Spannungsbogen kommt bei solchen Projekten oft ähnlich wacklig daher, wie der sprachliche und geistige Gehalt.

Der Westen und die Bestseller

Im Gegensatz dazu nehmen sich die Werke westlicher Bestsellerautoren geradezu virtuos und raffiniert aus, nicht nur in Bezug auf Sprache und Erzähltechnik, sondern auch auf Inhalt, Aufbau und Struktur. Dadurch wird ein gewisses Maß an Ernsthaftigkeit vermittelt, selbst wenn auch hier das Hauptansinnen darin besteht, durch Spannung für Unterhaltung zu sorgen. Doch genau das ist der Knackpunkt, der darüber entscheidet, ob man es mit einem Autor zu tun hat, der sein Handwerk versteht, sich aber bewusst dafür entschieden hat, Bestseller zu schreiben, oder mit einem Möchtegern-Schriftsteller, der an sich keine Ahnung vom Schreiben hat, aber gerne mit der Mode gehen will, weshalb er beschließt, mal versuchsweise was aufs Papier zu bringen und damit dann zufälligerweise Erfolg hat.

Es geht hier also nicht um die Frage, ob es Bestseller geben sollte, oder ob man ihnen den Krieg erklären muss. Mir erscheint es durchaus sinnvoll, dass auf dem ägyptischen Markt Bestseller erhältlich sind. Der Leser kann sich darin üben, die entsprechenden Bücher richtig zu lesen und sie dann entweder akzeptieren, ablehnen oder einer ihm angemessen scheinenden Rubrik zuordnen. Anschließend kann er sich dann immer noch nach einer weniger seichten Lektüre umsehen, die sich eher mit dem Wesen der menschlichen Existenz samt der dazugehörigen Krisen befasst, so wie es die Literatur schon immer getan hat, weshalb sie auch über Jahrtausende hinweg bestehen konnte, in allen erdenklichen Formen, unter anderem auch als Romanliteratur.

Leider geht es bei Bestsellern fast immer bloß darum, möglichst hohe Absatzzahlen zu erreichen. Gelingt dies, so bilden sich die Autoren nicht selten ein, sie hätten etwas außergewöhnlich Gutes geschrieben. Dieser Irrglaube sorgt dafür, dass die Bestseller-Krise auch so schnell nicht abflauen wird, im Gegenteil. Solange die Kasse klingelt, gerät die Maxime, wonach jeder Autor – auch ein Bestsellerautor – aus Respekt den Lesern gegenüber seine Arbeit so gründlich wie möglich machen sollte, mehr und mehr in Vergessenheit.

Ahmed Abdellatif
ist ägyptischer Romanautor.

Copyright: Goethe-Institut Kairo
Dezember 2015

Übersetzung: Andreas Bünger

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