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Literaturjahr 2015 – Preise, Trends, Diskussionen

© Leipziger BuchmesseImpressionen | Foto (Ausschnitt): © Leipziger Buchmesse
Impressionen der Leipziger Messe 2015 (Foto (Ausschnitt): © Leipziger Buchmesse)

Das Jahr 2015 hielt für Kritiker und Leser einige Überraschungen bereit. Und es brachte einen Generationenwechsel in den großen Literaturverlagen, der sich auch in Zukunft auswirken wird.

Immer mehr – und viel stärker denn je – wird das Literaturjahr rhythmisiert und gekennzeichnet durch die großen Literaturpreise. Für 2015 gilt: Die Entscheidungen der Jurys waren jeweils Statements, die mit dem Einzelfall etwas über die Lage, Niveau und Schwerpunkte des aktuellen Schreibens aussagen wollen. So prämierten die Juroren des Preises der Leipziger Buch­messe in der Sparte Belletristik erstmals einen Lyrik-Band: Die Regen­tonnen­variationen von Jan Wagner stehen für sich selbst, für das verspielte Natur­gedicht, aber auch für den enormen Qualitätsaufschwung und die Fülle anspruchsvoller Dichtung in den vergangenen Jahren.

Bekenntnisse zur Originalität

Das noch stärker beachtete Pendant im Herbst, der Deutsche Buchpreis, verliehen auf der Frankfurter Buchmesse, ging an Frank Witzels 800-Seiten-Koloss Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969. Das war ebenfalls eine Riesen­überraschung, schon weil die meisten Beobachter mit einer Entscheidung entweder für Jenny Erpenbecks Flüchtlingsroman Gehen, ging, gegangen gerechnet hatten oder für Das bessere Leben, Ulrich Peltzers Tauchgang in die Bewusstseinsströme der Exponenten des Finanzkapitalismus. Für beide sprach der aktuelle Stoff, für Erpenbeck zudem die zutiefst flüchtlings- und helfer­freund­liche Haltung, für Peltzer vor allem sein unerschrockenes Beharren auf einer modernen, ja modernistischen Schreibweise. Mit Witzel zeigte die Jury ihr Bekenntnis zur Originalität – ihrer eigenen und der des Buches. Es bündelt aus der Perspektive eines 13-Jährigen den Mief der hessischen Provinz, die Attraktionen der Popkultur und die Radikalisierung der politischen Linken in einem wilden Konglomerat aus Erzählung, Assoziation und Essay.

An Peltzer, einem der konsequentesten und asketischsten Schriftsteller der mittleren Generation (Jahrgang 1956), ging damit erneut ein wichtiger Preis vorbei; skandalöser empfanden viele Kritiker, dass Die Stunde zwischen Frau und Gitarre von Clemens J. Setz nicht einmal auf die Shortlist gekommen war. Das 1.000-Seiten-Buch des jungen genialischen Österreichers wurde von vielen als das Buch des Jahres wahrgenommen. Erneut hatte sich Setz damit als einer der Autoren erwiesen, die nicht nur die Gegenwart, sondern die Zukunft der deutschsprachigen Literatur repräsentieren. Seine Szenen aus einem psychiatrischen Wohnheim, geschildert aus der Perspektive einer ebenfalls nicht ganz „normalen“ Betreuerin, entwickeln einen ganz eigen­tüm­lichen Charme des Horrors, der sich aller üblichen Genre-Kategorien entzieht. Phantasie und Ekel, Intrige und Witz gehen eine einzigartige Verbindung ein.

Erweiterung des Literaturbegriffs

Neben den Preisen der beiden Buchmessen gilt die Aufmerksamkeit der Literaturwelt naturgemäß dem Georg-Büchner-Preis, der jeweils ein Lebens­werk auszeichnet und damit kanonisiert. Nach etlichen schwachen Entscheidungen der vergangenen Jahre traf es diesmal mit Rainald Goetz zum ersten Mal einen zur Popkultur gehörenden Autor, der zudem mit seinen Netztagebüchern Abfall für alle und Klage den Literaturbegriff erweitert hat. Goetz schreibt dezidiert als Zeitgenosse am Tag entlang. Der exzessive Zeitungsleser setzt sich literarisch mit Phänomenen wie Punk und Techno auseinander, aber auch mit der Tagespolitik. Im Roman Johann Holtrop beschäftigt er sich mit einem Typus des Unternehmers, der völlig die Boden­haftung verloren hat. Und er geht der Frage nach, was die Herrschaft von solchen „Siegertypen“ über unsere Gesellschaft aussagt.

Abschiede und Neuanfänge

Günter Grass war einer der letzten der „Titanen“ der deutschen Nachkriegs­literatur – er starb 2015. Der Nobelpreisträger von 1999 und Autor des bedeutendsten Romans der jungen Bundesrepublik Die Blechtrommel hat mit seinen Büchern und politischen Wortmeldungen das geistige Leben in Deutschland geprägt wie wohl kein anderer. Das kurz nach seinem Tod erschienene Buch Vonne Endlichkait räsoniert über die letzten Dinge – mit einer für Grass überraschenden Leichtigkeit. Von Grassʼ großen Generations­genossen lebt nur noch Martin Walser, der ungebremst vital und produktiv erscheint; sein jüngster Roman Ein sterbender Mann kam kurz nach dem Jahreswechsel Anfang Januar 2016 auf den Markt.

Die Verjüngung der deutschen Literatur ist rein biologisch unvermeidlich und in vollem Gange; ein Generationswechsel fand auch in führenden Verlagen statt. Bei Suhrkamp hat der jahrelange Rechtsstreit der Besitzer ein Ende gefunden, Ulla Unseld-Berkéwicz hat sich aus der Verlagsführung zurückgezogen und die Geschäfte an Jonathan Landgrebe übergeben. Mit Jonathan Beck (C. H. Beck) und Jo Lendle (Hanser, seit 2014) sind jüngere Leute bei bedeutenden Literatur­verlagen in der Verantwortung, im März 2016 übernimmt die Literaturkritikerin Felicitas von Lovenberg als Quereinsteigerin bei Piper. Leicht werden sie es nicht haben, die Digitalisierung und der Strukturwandel im Buchhandel machen der ganzen Branche zu schaffen. Gelesen wird jedenfalls nicht weniger, das zeigen die Statistiken. Geschrieben wird ebenfalls nicht weniger – zumal sich nun auch Literaturkritiker verstärkt an Romanen versuchen, auch das fiel 2015 auf. So kamen Romane unter anderem von Volker Hage (Spiegel), Hajo Steinert (Deutschlandfunk), Verena Lueken (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Ursula März (Die Zeit) und Adam Soboczynski (Die Zeit) heraus. Allerdings (noch) ohne Literaturpreis.

Martin Ebel
leitet die Literaturredaktion des „Tages-Anzeigers“ in Zürich und ist Mitglied verschiedener Literaturjurys.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Februar 2016

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