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Chronischer Lesermangel für junge palästinensische Autoren

Foto (Ausschnitt): © Fadi ArouriMartin Schäuble | Foto (Ausschnitt): © Fadi Arouri
Martin Schäuble (Foto (Ausschnitt): © Fadi Arouri)

In den vergangenen Jahrzehnten wurde eher oberflächlich über den Nahostkonflikt berichtet. Oft beschränkten sich die Medien auf politische und militärische Fakten, auf Opferzahlen und auf Proklamationen politischer Führer. Geschichtliche und menschliche Aspekte werden dabei meistens ausgeklammert. Doch wer könnte die Realität besser artikulieren, als die Palästinenser selbst?

Diese Frage hat den deutschen Autor Martin Schäuble offenbar dazu bewegt, die Palästinensergebiete zu durchqueren, um den Alltag der dort lebenden Menschen aus nächster Nähe zu betrachten. Herausgekommen ist das Buch Zwischen den Grenzen. Zu Fuß durch Israel und Palästina., das ein ganz anderes, ein sehr intensives Bild zeichnet. Dank des Sefsafa-Verlags und des Goethe-Instituts ist kürzlich auch eine arabische Fassung des Reiseberichts erschienen.

Buchcover: Zwischen den Grenzen. Zu Fuß durch Israel und Palästina. © Hanser VerlagZu Fuß und per Anhalter hat sich Martin Schäuble auf den Weg von den Golanhöhen zum Roten Meer gemacht und vor allem versucht herauszufinden, wie ganz „normale“ Menschen den Nahostkonflikt erleben. Schäuble betont dabei die Notwendigkeit eines gerechten Friedens, bei dem die Palästinenser die Rechte zurück erhalten, derer sie beraubt worden sind.

Als sich Martin Schäuble Anfang März 2016 anlässlich des Cairo Literature Festivals in der ägyptischen Hauptstadt aufhielt, traf sich Islam Anwar mit ihm zum Gespräch.

In Ihrem Buch geht es nicht nur um die Topografie der Landschaft, sondern auch um eine, sagen wir mal, menschliche Topografie. Menschen wie Bruce, Abdallah oder Esther – das sind alles unterschiedliche Persönlichkeiten mit einer eigenen Geschichte. Welche Erlebnisse und welche Menschen haben Sie auf Ihrer Reise am meisten beeindruckt?

Es ging mir von Anfang an vor allem um die Menschen. Der Grundgedanke des Buches besteht darin, sich anzuschauen, wie der Durchschnittsisraeli und der Durchschnittspalästinenser den Konflikt erlebt. Ich bin auf meiner Reise vielen verschiedenen Menschen begegnet. Jeder Tag war ein leidvoller Tag. Ich wollte unbedingt verstehen, wie man so leben kann, wenn ringsum Kampf und Krieg herrschen. Ich habe ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Ich kann nicht sagen, was mich mehr oder weniger stark beeindruckt hat.

Auf Seite 67 erwähnen Sie, dass sich die Via Dolorosa inzwischen in eine touristische Konsummeile mit unzähligen Hotels und Geschäften verwandelt hat. Inwieweit hat, Ihrer Meinung nach, die Globalisierung dazu beigetragen, dass alles kommerzialisiert wird?

Das beschränkt sich nicht nur auf die Christen. Bei Muslimen, Juden und anderen Glaubensrichtungen passiert so etwas ja auch. Der Wunsch, Geld zu verdienen – das ist ja was ganz Altes. Mir ist allerdings aufgefallen – und das ist ein echtes Problem – wie sehr die Handel Treibenden von dem Konflikt und dem Krieg betroffen sind. Sie leiden alle unter Umsatzeinbußen, weil weniger Touristen kommen und weniger verkauft wird, klar. Kein Wunder also, dass sich die Händler von allen am meisten den Frieden wünschen. Sie hätten gerne mehr Stabilität.

Frauen spielen in Ihrem Buch eine wichtige Rolle. Meistens waren es Frauen, die Ihnen auf Ihrer Reise durch die von Israel besetzten Gebiete geholfen haben. Sie haben sich auch mit der ehemaligen palästinensischen Ministerin für Bildung und Forschung, Hanan Aschrawi, getroffen. Wie schätzen Sie die Lage der Frauen in dieser Konfliktregion ein?

In Israel unterliegen Frauen der allgemeinen Wehrpflicht. Daher kommen sie mit dem Konflikt unmittelbar in Berührung. Für Palästinenserinnen gibt es zwar keine Wehrpflicht. Aber sie sind im Alltag stark von dem Konflikt betroffen, durch die prekären wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse. Es gibt weder Arbeit noch ein sicheres und geordnetes Leben. Im Grunde genommen leiden alle unter dem Konflikt und seinen Folgen.

Beim Besuch im Ben-Gurion Haus fiel Ihnen David Ben-Gurions berühmter Satz ein: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“ Glauben Sie an Wunder? Inwiefern hatte diese Reise etwas Wunderbares für Sie?

Ich glaube an die Menschen. Ich glaube, dass Menschen das Unmögliche schaffen können. Und genau das wollte ich mit der Reise und dem Buch erreichen: Feststellen, wie sich der Konflikt im Alltag der Menschen manifestiert, und wie das Leben weitergeht, trotz Einschränkungen und Leid.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie die israelischen Besatzer kontinuierlich versuchen, die Geschichte und die Identität der Palästinenser auszulöschen. Das geht von Landkarten, die die Existenz Palästinas ignorieren, über Flüchtlinge, denen man die Rückkehr verweigert, bis hin zur Willkür der israelischen Armee in Dörfern und Gegenden, die von Palästinensern bewohnt werden. Inwieweit kann die Literatur die Geschichte davor bewahren, von den Besatzern ausgelöscht zu werden?

Bei den Palästinensern spielt die Literatur keine Rolle, weil keiner liest. Es gibt immer nur den ewigen Mahmud Darwisch, während die Nachwuchsschriftsteller an chronischem Lesermangel leiden. Die Palästinenser erleben den Konflikt täglich, also brauchen sie ihn nicht auch noch in literarischer Form, denke ich.

Sie haben erwähnt, dass sich Israel in einem dauerhaften Kriegszustand mit den arabischen Nachbarn befindet. Wie sehen Sie die Zukunft Israels angesichts dieser Lage und angesichts der ständigen Kriege?

Die Armee hat in Israel einen unglaublich hohen Stellenwert, das ist das Problem. Israel schottet sich immer weiter ab und in der Palästinenserfrage haben die Fanatiker die lauteste Stimme. Alles dreht sich um den Konflikt. Jede Seite sieht sich als Opfer. Deswegen ist der Friedensprozess ein enormer Kraftakt.

Politische, kulturelle und religiöse Konflikte sind, ebenso wie Extremismus, zentrale Themen, mit denen sich der deutsche Autor Martin Schäuble, Jahrgang 1978, befasst. Schäuble hat Politikwissenschaften in Berlin, Israel und den Palästinensergebieten studiert. Als Schriftsteller arbeitet er die Erlebnisse und Erfahrungen auf, die er während der Recherchearbeit, auf Reisen und in Gesprächen mit Zeitzeugen gemacht hat.

Islam Anwar
ist freiberuflicher Journalist in Ägypten.

Copyright: Goethe-Institut Kairo
März 2016

Übersetzung: Andreas Bünger

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online-redaktion@cairo.goethe.org

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