Buchmarkt

Beim Lektorat sparen wird teuer

©  CC0 Public DomainBuch; ©  CC0 Public Domain

Samar Abou-Zeid ist in der arabischen Verlagslandschaft keine Unbekannte. Während ihrer Tätigkeit in den Bereichen Übersetzung und Buchproduktion hat sie in den letzten zwanzig Jahren bei den libanesischen Verlagshäusern Naufal und Hachette-Antoine, aber auch für Bloomsbury Qatar Foundation Publishing gearbeitet, bevor sie Mitbegründerin des Kairoer Verlagshauses Al-Karma wurde. Islaam Anouar hat mit ihr über ihre Arbeit in Kairo und über ihre Meinung zur Arbeit eines literarischen Lektors in arabischen Verlagen gesprochen.

Literarische Lektoren gibt es im arabischen Verlagswesen noch gar nicht so lange. Wie sieht denn deren Tätigkeit bei international renommierten Verlagen aus? Und inwieweit arbeiten Sie bei Al-Karma nach denselben Prinzipien?

Die Arbeit eines Lektors ist in allen Ländern gleich. Die Qualität eines literarischen Textes richtet sich nicht so sehr nach der Sprachregion, sondern vor allem nach inhaltlichen und formalen Kriterien. Der Lektor sorgt dafür, dass der Text solide und kohärent ist, dass alle Möglichkeiten, die in ihm stecken, optimal ausgeschöpft werden, dass es weder Redundanzen noch Widersprüchlichkeiten gibt, und dass der Stil in Ordnung ist, damit jedes Wort und jeder Satz nicht nur stimmig erscheint, sondern auch am rechten Fleck sitzt.

Das ist es, worauf Lektoren weltweit achten, und auch wir beim Al-Karma Verlag halten uns an diese Richtlinien. Der einzige Unterschied besteht vielleicht in der Art, wie die Autoren mit den Anmerkungen des Lektors umgehen. Schriftsteller in aller Welt wissen inzwischen, dass ihre Texte lektoriert werden, aber für arabische Autoren ist das noch recht ungewohnt. Das liegt möglicherweise daran, dass bis zu den 1970er Jahren die Chefs einiger großer Verlage als Lektoren fungierten. Danach geriet das Lektorat in Vergessenheit, sodass die Leute dachten, so etwas habe es nie gegeben.

Wie verhalten sich die ägyptischen Schriftsteller Ihnen gegenüber? Der große Alaa Khaled hat ja mal gesagt, die Sache mit dem Lektor sei für ihn zunächst ein Schock gewesen. Nach und nach habe er dann aber begriffen, wie wichtig Ihre Arbeit sei.

Wenn ein Autor von seinen früheren Erfahrungen mit Verlagen nicht daran gewöhnt ist, wird es ihn erst einmal überfordern, dass der Verlag plötzlich Anmerkungen und Vorschläge zu seinem Manuskript macht und ihn auffordert, sich damit zu befassen. Doch am allerwichtigsten ist für ihn, dem Leser einen qualitativ hochwertigen Text zu liefern, da ist er für jeden Verbesserungsvorschlag dankbar. Wenn der Autor erkennen kann, dass der Lektor dem Text gut tut, und dass der Verlag nur ein Ziel hat, nämlich ein hervorragendes Buch zu machen, wird er schlussendlich Vertrauen fassen und in der Regel auch froh sein.

Viele Verlage rechtfertigen den Verzicht auf ein literarisches Lektorat mit den immensen Kosten, die dadurch entstehen könnten. Stimmen Sie dem zu?

„Die immensen Kosten, die dadurch entstehen könnten“ – was für eine absurde Formulierung! Sollte das wirklich die vorherrschende Meinung sein (was ich bezweifle) so gehört sie ins Reich der Legenden. Tatsächlich hilft der Lektor nämlich dem Verlag, die Kosten gering zu halten. Sparen ist ja im Verlagswesen überall angesagt, sei es beim Korrekturlesen, bei Druck- und Papierkosten oder bei den Urheberrechten für Text- und Bildmaterial. Sparen wollen alle, natürlich, denn nur so kann der Verleger dem Lesepublikum das Endprodukt zum geringst möglichen Preis anbieten. Wenn aber die Qualität unter den Sparmaßnahmen leidet, wird das den Verlag auf längere Sicht teuer zu stehen kommen.

Welche Qualifikationen sollte man denn für das literarische Lektorat mitbringen? Wie sieht es zum Beispiel bei Ihnen persönlich mit der Ausbildung und der Berufserfahrung aus?

Für literarische Lektoren gibt es keinen eigenen Studiengang an der Uni. Die Lektoren kommen aus verschiedenen Sparten, aber Sie haben alle die Liebe zur Literatur und eine entsprechende Intuition gemeinsam. Daneben gehören Sorgfalt und unerbittliche Konsequenz bei der Arbeit ebenso zum Berufsbild des Lektors wie die Gabe, sich in Details zu vertiefen, ohne den Blick fürs Ganze zu verlieren. Beim Lektorat muss man unentwegt beide Aspekte im Hinterkopf haben: Die Einzelheiten und das Gesamtbild. Ich habe im Libanon und in Deutschland Französische Literatur studiert und Philosophie, mit Schwerpunkt auf den deutschen Philosophen. Ich war im Bereich Didaktik und Hochschuldidaktik tätig, außerdem in den Bereichen Übersetzung, Lektorat und Publizistik, und zwar in Beirut und in Doha, bevor ich nach Kairo gegangen bin.

Sie hatten ja ständig Kontakt mit Schriftstellern und mit literarischen Texten. Haben Sie da nicht irgendwann mal selbst mit dem Gedanken gespielt, Schriftstellerin zu werden?

Nein, das kommt für mich nicht infrage. Immerhin bin ich ja schon von einer gewöhnlichen Leserin zur Lektorin geworden. Eine Leseleidenschaft geht nicht automatisch mit einer Passion für das Schreiben einher.

Ihre Tätigkeit ist anstrengend und mit einiger Verantwortung verbunden. Worin besteht der Reiz für den literarischen Lektor, der doch immer ein Schattendasein führt?

Hauptantrieb ist der Spaß an der Arbeit mit Texten und Autoren. Jeder Text birgt andere Herausforderungen, die neue Lösungen erfordern. Jeder Autor entführt einen in eine andere Welt, die es zu entdecken gilt. Die Leidenschaft für meine Arbeit entflammt bei jedem Text neu. Und jedes Mal kann ich mich aufs Neue freuen, wenn am Ende ein zufriedenstellendes Ergebnis rauskommt und das Werk des Autors auf bestmögliche Weise präsentiert werden kann.

Wie geht man im Al-Karma Verlag bei der Veröffentlichung eines Buches vor? Und wie werden die Texte ausgewählt?

Das Auswahlverfahren geht in zwei Phasen vonstatten. Zuerst wird sortiert: Welche Manuskripte sollten verlegt werden, welche nicht. Erstere lesen wir dann im Team, um deren ästhetischen Wert zu erörtern, und die Arbeit, die man investieren muss, aber auch die Frage, ob das Werk zu unserer Verlagsphilosophie passt und welche Verkaufszahlen zu erwarten sein werden. Bei der endgültigen Entscheidung werden all diese Faktoren einbezogen und das Urteil aller Beteiligten aus dem Lektorenteam und der Marketingabteilung berücksichtigt. Danach geht es mit dem eigentlichen Lektorat los, gefolgt von zwei Korrekturdurchgängen, Layout und Druck.

Wie schätzen Sie das arabische Verlagswesen ein? Und was brauchen wir am dringendsten, um das Verlagswesen auszubauen?

Obwohl Bücher in den einzelnen arabischen Ländern nicht gleich Bücher sind, glaube ich, dass die Branche überall recht aktiv ist. Man kann den arabischen Verlegern ein gewisses Durchhaltevermögen bei der Arbeit unter erschwerten Bedingungen bescheinigen. Der Buchmarkt in den arabischen Ländern unterliegt gewissen Einflüssen und Widrigkeiten – mangelnde Stabilität zum Beispiel, oder Zensur, oder geringe Kaufkraft. Das Ausmaß schwankt zwar von Land zu Land, doch der Verleger muss diese Aspekte immer irgendwie berücksichtigen, wenn er alle Leser erreichen will.

Ich denke nicht, dass es generell so etwas wie ein einheitliches „Verlagssystem“ gibt, das man ausbauen muss. Wie überall im Bereich Produktion fördert die Konkurrenz zwischen verschiedenen Verlagen Fortschritt und Entwicklung. Genau wie alle anderen Branchen braucht der Verlagssektor ein anhaltendes Klima der Stabilität, der Freiheit und des wirtschaftlichen Wachstums, damit Kunst und Kultur gedeihen können.

Islam Anwar
ist freiberuflicher Journalist in Ägypten.

Copyright: Goethe-Institut Kairo
April 2016

Übersetzung: Andreas Bünger

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@cairo.goethe.org

    RSS-Feed

    Abonnieren Sie unseren Feed, damit Sie immer über neue Beiträge informiert sind.

    kutub:na

    Neue Bücher für die arabische Welt