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Alternative Kulturkampagne

© Goethe-InstitutKinder in Damanhour lesen © Goethe-Institut

In Ägypten wurden im Laufe der letzten Jahre zahlreiche unabhängige Kulturinitiativen ins Leben gerufen, zum Beispiel Mashrou3 Al Mareekh, El Fan Medan, und andere. Dabei soll Kunst und Kultur buchstäblich unters Volk gebracht und das Publikum vom passiven Konsumieren zum aktiven Mitmachen bewegt werden. Eines der jüngsten Projekte ist die „Alternative Kulturkampagne“, die sich intensiv für die Gründung von Bibliotheken und Kulturzentren in entlegenen ländlichen Gegenden einsetzt, in denen es kein Kulturangebot gibt.

Islam Anwar hat versucht, vom Initiator der Kampagne, dem Autor und Journalisten Sameh Fayez, mehr über dessen Pläne zu erfahren.

Wie kam dir die Idee zu dem Projekt? Und wie kam der Entschluss zustande, in Kafr Ghatati anzufangen?

Schon auf der Uni habe ich davon geträumt, dass es in jedem ägyptischen Dorf eine Bibliothek gibt. Bei uns im Ort hatten wir keine Bibliothek, wir sind nur schwer an Bücher rangekommen. Seit der Revolution 2011 gibt es zwar viel mehr Buchläden, aber die Preise sind inzwischen so hoch, dass wir uns keine Bücher leisten können. Deshalb ist der alte Traum von der Bibliothek wieder zu neuem Leben erwacht. Ich lebe in der Gemeinde Kirdasah, im Ort Kafr Ghatati. Ich wollte das Projekt einfach in einer Gegend starten, in der ich mich auskenne, das macht die Sache leichter. Außerdem geben bei uns im Ort religiöse Fanatiker den Ton an. Ich hielt Lesen für ein gutes Kontrastprogramm zu dem schrägen Gedankengut, das diese Leute über Religionen und das Leben im Allgemeinen verbreiten.

Du hast verlauten lassen, dass du über 40 Angebote von verschiedenen Institutionen erhalten hast, die dich unterstützen wollen. Wie sieht diese Unterstützung aus und wie organisierst du das Ganze?

Die meisten Angebote kamen kurz nachdem ich das Projekt auf meiner Facebookseite angekündigt hatte. Wir fingen dann sofort an, offizielle Absprachen mit den Unterstützern zu treffen und die erforderlichen Unterlagen klarzumachen, insbesondere mit Teilen des Kulturministeriums. Verlage stifteten Bücher, in den Dörfern wurden Kulturkarawanen, Workshops und Veranstaltungen organisiert und so weiter. Finanziell sind wird vorerst noch auf freiwillige Unterstützung angewiesen, aber wir versuchen momentan verlässliche Mittel und Wege zu finden, die materiellen Zuwendungen dauerhaft zu regeln.

In ganz Ägypten gibt es in den meisten Dörfern und Provinzen staatliche Kulturzentren, um der Bevölkerung Zugang zu Kultur und Wissen zu verschaffen. Was hat die Alternative Kulturkampagne Neues zu bieten?

Das Projekt richtet sich ausschließlich an Dörfer und Ortschaften, in denen es keine Kulturzentren und kein Kulturangebot gibt. Kulturzentren findet man vor allem in den Städten und den Gesamtgemeinden, aber nicht in den Dörfern. Wegen der Bürokratie sind die meisten dieser Kulturzentren eine ziemlich fade Angelegenheit. Viel wird dort in Sachen Kultur für die Leute aus dem Umland nicht getan, und sogar nicht mal für die Bewohner vor Ort. In den letzten Jahren hat das Innenministerium selbst angekündigt, etwas für die Kulturzentren tun zu wollen, aber so einfach funktioniert das gar nicht, denn 60 Prozent des Budgets gehen für Löhne und Gehälter drauf, für kulturelle Aktivitäten fallen gerade mal elf Prozent ab. Die Kampagne ist als Alternative zu all diesen festgefahrenen Strukturen gedacht, von denen in absehbarer Zeit nicht allzu viel Förderung zu erwarten sein wird. Der Staat ist momentan eher mit politischen und wirtschaftlichen Problemen beschäftigt.

Wenn zum Beispiel ein Müllplatz in Zamalek zum Zentrum für Kunst und Kultur gemacht wird – ich rede jetzt vom El Sawy Culturewheel, das ja ein recht erfolgreiches Kulturprojekt ist – dann gibt es ja Parallelen zur Alternativen Kulturkampagne. Habt ihr Kontakt zueinander? Gibt es da so etwas wie einen Erfahrungsaustausch?

Ich wünsche mir einen regen Austausch mit allen erfolgreichen Kulturinitiativen, solange sie nicht religiös oder politisch infiltriert sind.

Kultur kann man ja auf zweierlei Art definieren, entweder als Oberbegriff für Kunst, Literatur und kreatives Schaffen oder, im weiteren Sinne, als die Gesamtheit der verschiedensten Bräuche, Traditionen und Lebensweisen. Wie definiert die Alternative Kulturkampagne „Kultur“?

Die Kampagne hält es mit dem weiten Kulturbegriff, der verschiedene Bräuche, Traditionen und Lebensweisen umfasst, vor allem weil wir im ländlichen Raum arbeiten, wo die Analphabetenrate manchmal 50 Prozent und mehr beträgt, wie zum Beispiel in Kafr Ghatati. Wir wollen den Leuten nicht irgendeine bestimmte Meinung aufzwingen. Darum geht es uns gar nicht. Wir bieten Kultur, erwarten aber keine prompten Resultate. Erste Auswirkungen unserer Arbeit werden sich vielleicht erst langfristig zeigen, in der nächsten oder übernächsten Generation.

Der ägyptische Künstler Ezzeddine Naguib spricht in seinem Buch aṣ-ṣāmitūn (arabisch, wörtlich ‚Die Schweigenden‘) über seine Erfahrungen mit der Kulturarbeit auf dem Dorf in den ägyptischen Provinzen Kafr el Sheikh und Dakahlia in den 1970er Jahren. Er erwähnt dabei gewisse Probleme, insbesondere die örtlichen Behörden, die ihm Steine in den Weg gelegt haben. Wie geht ihr mit solchen Problemen um?

Das war das erste, womit ich mich auseinandersetzen musste. Ich habe das von Anfang an zu lösen versucht, indem ich mit den eingetragenen Vereinen zur Förderung kommunaler Belange zusammengearbeitet habe, die dem Ministerium für soziale Solidarität unterstehen und in jedem Dorf in Ägypten existieren. Sie kennen die Abläufe und Strukturen vor Ort. Gleichzeitig muss man voraussetzen können, dass sie überparteilich und interkonfessionell sind, das hatte ich ja bereits erwähnt.

Du hast erzählt, dass sich das Projekt nicht nur auf die Idee mit der Bibliothek beschränkt. Es soll auch diverse Aktivitäten und Workshops im Bereich Kunst und Kultur geben. Welches sind die wichtigsten Workshops? Und wer übernimmt die Kosten für diese Aktivitäten?

Zunächst einmal konzentriert sich die Alternative Kunstkampagne ausschließlich auf die Ortschaft Kafr Ghatati. Natürlich können in diesem Zeitraum auch Bibliotheken in anderen Dörfern entstehen, wenn die Bewohner dazu bereit sind. In Kafr Ghatati werden wir einen Kulturmanagement-Workshop anbieten, bei dem junge Leute mit universitärem Hintergrund lernen können, wie sie das kulturelle Leben in ihrem Ort organisieren, wenn wir wieder weg sind. Es gibt Schreib-, Theater-, Foto- und Filmworkshops. Das läuft zunächst auf freiwilliger Basis. Es haben sich auch schon Dozenten gefunden, die da mitmachen würden. Wir hoffen, Mittel und Wege zu finden, die anderen Projekte zu finanzieren, wenn wir erstmal in Kafr Ghatati erfolgreich gewesen sind.

Islam Anwar
ist freiberuflicher Journalist in Ägypten.

Copyright: Goethe-Institut Kairo
Juni 2016

Übersetzung: Andreas Bünger

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